2.5.5.4. Das Spiel

Ähnlich wie die Familie und das Team eignet sich auch das Spiel zur Symbolisierung einer gegliederten und im Verlauf dynamischen Ganzheit. Vielleicht sollten wir besser vom Spielen reden, denn es geht hier nicht um eine Sache (ein Spiel"zeug"), sondern um ein spielerisches Tun von Menschen, die sich zu diesem Spiel zusammenfinden. Das Spielenkönnen setzt eine lange Kindheit und Jugend in sicherer Obhut durch wehrhafte und fürsorgliche Eltern und andere Erwachsene voraus. In seinen alten Formen ist es bei den Jungtieren ein spielerisches Ausprobieren von Bewegungsabfolgen, die später "im Ernstfall" in einer gekonnten Form abrufbereit sein müssen. Säugetierkinder (ähnlich auch manche Vögel) jagen und hetzen einander "zum Spaß", sie packen einander mit Krallen und sanftem Biss, ohne dabei einander zu verletzen, sie besteigen einander (noch ohne wirklich zu koitieren), schmiegen sich aneinander, noch ohne für den Schutz oder Geborgenheit suchenden Spielpartner wirklich schon eine schützend-bergende Mutter sein zu können. Höhere Tiere spielen auch mit Dingen: Katzen spielen gern mit Wollknäueln, Hunde apportieren Stöcke, bewachen Einkaufstaschen, Schimpansen und Bonobos lernen spielend, mit Steinen Nüsse aufzuknacken oder mir dünnen Zweigen oder Grashalmen Ameisen aus ihrem Bau zu angeln. Zum Spiel gehört auch die Gelegenheit, mit anderen Jungtieren etwa gleichen Alters über längere Zeit zusammen sein zu können, miteinander herumzutollen, miteinander zu balgen, zu drohen und zu streiten, nachzugeben und zu flüchten, wieder anzugreifen und zu "siegen", und zwar über einen "Gegner", der dabei nicht beschädigt wird, sondern nach Einnehmen einer Demutshaltung sogar geschont wird, aber im nächsten Kämpfchen vielleicht schafft, selber "Sieger" zu werden.

Kein anderes Tier ist lebenslang so verspielt wie es ein Mensch sein kann. Auch unter Menschen sind es zunächst die Kinder, die ihre Zeit mit Spielen verbringen, wenn ihre primären Bedürfnisse nach Schlaf, Nahrung, Flüssigkeit, Schutz und Geborgenheit etc. abgesättigt sind. Sie spielen am liebsten miteinander, aber auch mit Dingen, und noch der Erwachsene vergnügt sich beim Basteln, beim Angeln, beim spielerischen Entwerfen neuer Welten im Tagtraum oder am Schreibtisch. In Wirklichkeit hat der Spieler auch hier mit "Mitspielern" zu tun, mit widerständigem oder "eigenwilligem" Material (wie beim Geduldspiel), mit der Tücke des Objekts, mit der Schwierigkeit eines theoretischen Problems, das sich gegen eine einfache Lösung zu sperren scheint, usw. Aber auch noch Erwachsene spielen gern miteinander, und sogar die Sexualität, von den Tieren ganz ernsthaft und zielorientiert bis zum biologisch nützlichen Effekt betrieben, kann für Menschen eine Spielsituation begründen, im Flirt, und irgendwann fortgesetzt in der intimen Zweisamkeit im Bett, in Spielen zu zweit, die ja nicht primär dem Zeugen und späteren Gebären eigener Kinder gewidmet sind, sondern zunächst noch spielerisch-lustvoller Selbstzweck sind und lange bleiben können. Und wenn später Kinder da sind, die sich sonntags im Bett der Eltern vom Papa Geschichten erzählen lassen und diese selber weiterspinnen, die bei gutem Wetter dann im Garten herumtollen und bei Regenwetter und abends am Tisch Spiele spielen, "66" zu zweit, einen Skat zu dritt, Doppelkopf zu viert, oder ein Pokerspiel mit soviel Spielern, wie am Tisch Platz finden, dann wird das Spielen zu einem guten Kommunikationsmittel und zugleich Vergnügen für eine Familie, die wir ja gerade als Symbol für eine gegliederte und in ihrem Tun dynamisch bewegte Ganzheit diskutiert haben. Aber wie schon erwähnt können sich auch Teams zum Miteinander- und Gegeneinander-Spielen zusammentun, allerdings nicht in unbegrenzter Zahl. Eine Tischtennisplatte kann im Turnier höchstens von 4 Spielern (2 Doppeln) gleichzeitig genutzt werden, und es gibt andere Bewegungsspiele, die schon einen kleinen Platz oder eine kleine Halle für etwas größere Teams benötigen. Das Fußballspiel führt schon an eine Obergrenze. Da brauchen 22 Leute (2 x 11) einen schon recht großen Platz, und viel mehr Spieler sollten es auch in andern Spielen nicht sein, weil sonst die Spieler selbst, aber auch die Zuschauer und vor allem der Schiedsrichter die Übersicht verlieren würden und das ganze Spiel an Spannung verlöre. Aber als Einzelner allein mit einem Fußball spielen? Höchstens ein paar Minuten, bis ein paar Mitspieler dazu kommen. Zu zweit? Auch nur zu Trainingszwecken. Manche Spiele werden erst durch eine Mindestanzahl an Spielern einigermaßen spannend, denn erst dann kommt stärker auch der Zufall ins Spiel; ja das Fußballspiel wird erst richtig dramatisch, wenn auch der Schiri mit seinen Linienrichtern seinen Part mitspielt. Was wäre ein großes Fußballspiel ohne die (Fast)-Fehlentscheidung eines Schiedsrichters?! Da könnten die Zuschauer gleich zu Hause bleiben oder zum anderen Fernsehsender switchen!

Ich fasse zusammen: Angefangen mit der Familie und dem gemeinsamen Aufziehen und Versorgen von Kindern, weitergeführt im gemeinsamen Kampf zur Abwehr von Gefahren, mit der gemeinsamen Arbeit im Team und schließlich im Spiel, in all diesen Fällen braucht der Mensch auch Mitmenschen, nämlich Mithelfer, Mitstreiter, Mitarbeiter und Mitspieler. Aber er braucht dazu keine Pflichtenverkünder, keinen Oberbefehlshaber, keinen antreibenden Arbeit"geber", und auch keinen Spielleiter, der etwa den Anspruch hat, oberster Bestimmer über alle Spielregeln und sogar über alle Natur"gesetze" zu sein. Auf oberste Bestimmer kann der Mensch gut und gern verzichten, Mitmenschen braucht er!