2.4.16. Wie gehen wir Senioren miteinander um?

(Vortrag im Rahmen des Marburger Seniorenkollegs)

Um das Lob der Vielfalt nicht allzu sehr auf das theoretische Spekulieren begrenzt sein zu lassen, möchte ich im folgenden, als recht bescheidenes Beispiel für eine praktische Nutzanwendung, einen Vortrag wiedergeben, den ich im Marburger Seniorenkolleg gehalten habe. Von der im Titel formulierten Frage ausgehend kann man wissenschaftlich, im engeren Sinne psychologisch, zu klären versuchen, wie wir Senioren und darüber hinaus wir Menschen tatsächlich miteinander umgehen, und zwar entweder ganz allgemein alle Menschen, was besonders schwer zu erkunden ist, oder eher Subpopulationen der Menschheit, also einzelne Gruppen, die unterscheidbar sind je nach dem Alter, Geschlecht, nach ethnischer oder religiöser Herkunft, nach Bildungsgrad oder nach Jahreseinkommen, usw. Mit der empirischen Untersuchung menschlicher Interaktionen befaßt sich vor allem die Sozialpsychologie, mit immer komplizierteren Methoden der Datengewinnung, Datenverarbeitung und Theorienbildung. Die Fachliteratur über solche Methoden und ihre Ergebnisse füllt ganze Regalwände. Da geht es um Untersuchungsmethoden wie direkte Beobachtungen oder Fragebögen, um Durchschnittsnormen, Verteilungen, Korrelationen, Faktorenanalysen, experimentelle Versuchsanordnungen und verschiedenste Möglichkeiten der Mathematisierung. Aber bei allem Fortschritt der Wissenschaft bleibt die Frage: Ist denn all das, wie die Menschen miteinander umgehen, auch richtig und angemessen?

Wenn wir das bedenken, müsste unsere Frage umformuliert werden:" Wie sollen wir miteinander umgehen?" Das wäre aber kein Forschungsgegenstand der empirischen Psychologie mehr, sondern eine philosophisch-ethische Frage, insbesondere eine der deontischen Ethik, in der es vor allem um Pflichten, aber auch um Verbote und Erlaubnisse, in jedem Falle um Setzungen geht, im Einzelnen um göttliche Gebote oder menschliche Normen. Aber wenn es heißt: "Du sollst ... !", ist damit schon vorauszusetzen, dass ich es auch kann? Und spielen meine Mitmenschen überhaupt mit? Wird ethisch vorbildliches Verhalten nicht sogar mit Nachteilen bestraft, so dass der Gute schließlich der Dumme ist? Zu klären wäre auch noch die Frage, ob die autoritäre Forderung überhaupt selber gerechtfertigt ist.

Ich selber neige dazu, die Frage weniger streng, sondern eher freundlich zu formulieren: "Wie könnten wir besser miteinander umgehen?" Das ist dann wirklich eine offene Frage, deren Antwort nicht schon von vornherein feststeht, sondern erst noch gefunden werden müsste. Ob jemand mit anderen Menschen, vielleicht sogar ziemlich anderen Menschen wirklich gut umgehen kann, das hängt natürlich von den je unterschiedlichen Fähigkeiten ab (manche Menschen können es nicht besonders gut!), und natürlich auch von den Umständen. "Not kennt kein Gebot!" sagte man früher. Beide Arten von Bedingungen, die inneren und die äußeren, sind in der Realität in dieser oder jener Ausprägung vorfindbar und nur in Grenzen verbesserungsfähig, wenn auch oft sehr verbesserungsbedürftig! Mit diesen Problemen befasste sich schon der Freiherr Knigge in seinem Buch "Über den Umgang mit Menschen" (1788). Im Sinne der Aufklärung bietet er in diesem Werk vielfältige Lebensregeln, und zwar spezifiziert für je bestimmte Personengruppen und je besondere Umstände. Da geht es nicht um strenge moralische Forderungen, sondern um einleuchtende Vorschläge, einladende Ermunterungen und Anreize. Wir könnten uns ihm anschließen und versuchen, die Verhältnisse und die Umgangsformen ganz praktisch zum Besseren hin zu verändern.

In dieser Weise kann ich das mir vorgegebene Thema so verstehen, dass es dabei vor allem um Umgangsformen von Senioren gehen könnte, um Gesprächsführung und auch um die Kontaktaufnahme mit noch fremden Personen, auch um die Frage, wie man mit schon bekannten oder sogar befreundeten Personen, auch mit Partnern, Kindern und Enkeln, noch besser zurechtkommt, und schließlich wie wir, die schon älter gewordenen Senioren, einander raten, unterstützen und helfen können. Bevor ich das Thema noch etwas weiter einenge, möchte ich noch zwei Bemerkungen vorausschicken.

Es soll im Folgenden nicht um Theorien, sondern um Praxis gehen, und so will ich versuchen, mein Theoriewissen schon in der praktischen Anwendung zu verdeutlichen, und außerdem weiß ich schon aus eigener Lebenserfahrung, auch ohne Rückgriff auf Fachliteratur, was ich Ihnen hier vortragen kann. Es empfiehlt sich ohnehin auch für den Wissenschaftler, in der Frage nach dem rechten Umgang mit Menschen empirisch vorzugehen, nämlich sich belehren zu lassen von den vielen, uns allen zugänglichen positiven Modellen von Menschen, die mit sich selbst und mit anderen Menschen gut umgehen können. Wir sollten uns einfach mal die angenehmeren unter unseren Mitmenschen näher ansehen, unsere Erfahrungen über deren Verhalten austauschen und uns an ihnen zu orientieren versuchen. Mehr nachträglich kann man das auch in psychologische Theorie umsetzen. Ich habe das über viele Jahre in immer neuen Ansätzen versucht und will mich bemühen, dieses Wissen über und das Können im rechten Umgang mit Menschen Ihnen zu verdeutlichen.

Und nun zum Thema. Als ich mir überlegte, wie ich es am besten angehen könnte, kam mir als erstes eine Bemerkung meiner Mutter in den Sinn. Meine Mutter ist schon vor einigen Jahrzehnten verstorben, aber ich kann mich noch gut daran erinnern, was sie mir sagte, als ich ihr mal einen guten Rat geben wollte. Da sagte sie zu mir: "Du musst doch nit 'ne alte Aff' Gesichter schneide lerne!" Das ist rheinhessisch und heißt auf hochdeutsch: "Versuch doch bitte nicht, deiner lebenserfahrenen alten Mutter beizubringen, wie sie sich verhalten sollte!" Inzwischen bin ich mit 73 Jahren selber ein „alter Aff'“, und es passiert auch schon mal, dass ich mich dagegen verwahre, nicht erbetene Ratschläge anhören zu müssen. Und nun soll ich Ihnen, lauter Senioren mit Lebenserfahrung, einige von Ihnen älter als ich selbst, etwas über Kontaktaufnahme, Kommunikationsverhalten und Gesprächsführung vortragen? In diesen Dingen wissen Sie doch schon längst Bescheid! Was ich Ihnen dazu sagen kann, wissen und können Sie schon ohnehin, denn sonst hätten Sie sich nicht im Senioren-Kolleg eingefunden, wo sich ohnehin die Kontaktfreudigeren unter den älteren Menschen zusammenfinden. Was bleibt mir, nach der Mahnung meiner Mutter, dann noch zu tun? Ich denke, dass wir in der Kommunikation erfahrenen Senioren immerhin unsere Erfahrungen austauschen könnten.

Denn die andere Alternative, Ihnen gute Ratschläge zu geben, hat auch abgesehen von der Mahnung meiner Mutter ihre Probleme: Es ist so leicht zu sagen, dass wir natürlich freundlich, höflich, realitätsbezogen usw. miteinander umgehen sollten. Oder dass wir uns auf das von uns Vorgefundene, auf das schiere Älterwerden, ggf. auf eine nicht mehr behebbare Krankheit oder Einschränkung einrichten und so gut es geht damit umzugehen versuchen sollten. Die heutigen Psychologen nennen das auf gut angloamerikanisch "Coping", Bewältigungs-Strategien. Es ist aber so eine Sache, jemandem, dem es wirklich dreckig geht, gute Ratschläge zu geben. Das wäre vergleichbar dem Versuch, einem Menschen, der hohe Schulden hat, Tipps über Anlagemöglichkeiten anzudrehen. Solche Tipps kosten viel und bringen nichts, wenn man nämlich kein Geld hat. Auf der anderen Seite braucht man den Menschen, denen es ohnehin gut geht, nicht noch Ratschläge zu geben, wie es ihnen noch besser gehen könnte. Denn dass es ihnen gut geht, ist schon ein Zeichen dafür, dass sie ganz gut drauf sind und sich selber Informationen verschaffen und diese für sich nutzen können.

Ich will aber dennoch das Thema ernst nehmen und zu diesem Zweck auf meinen Vorschlag zurückkommen, dass wir uns über unsere Kommunikations-Erfahrungen austauschen könnten. Ich werde bei mir damit anfangen und habe mir erst einmal in Erinnerung gerufen, was ich nach meiner Pensionierung so getrieben habe, wie ich mit mir selbst und mit anderen Menschen umgegangen bin und auch wie andere mit mir umgegangen sind. Beispielsweise sprach mich einige Monate nach der Pensionierung einer meiner Bekannten an, er war ein psychosomatisch-psychotherapeutisch tätiger und psychoanalytisch orientierter Internist, und fragte mich mit mitleidsvoller Stimme: "Hans, wie geht es Dir denn so?" Als er mich so traurig anteilnehmend anguckte, kriegte ich fast einen Schreck, aber ich fasste mich schnell und antwortete ihm wahrheitsgemäß, dass es mir besser gehe als vor der Pensionierung. Das wollte er mir nicht abnehmen. Er fahndete weiter nach Symptomen für eine Rentner-Depression und meinte schließlich, ich hätte wohl doch eine "counter-phobische Reaktionsbildung gegen meine Depression" entwickelt. Er sah mich dabei weiterhin ziemlich besorgt an. Aber es ging mir wirklich gut. Und warum? Weil ich endlich Zeit hatte und endlich das betreiben konnte, was mich schon vor meinem Abitur und über das ganze Zoologie- und Psychologie-Studium und dann neben meiner Berufstätigkeit weiterhin interessiert hatte: nämlich die intensive Beschäftigung mit philosophischen Problemen und Lösungsansätzen. Nach meiner Erfahrung mit dem um mich so besorgten Analytiker kann ich Ihnen nur sagen: Lassen Sie sich nicht einreden, dass es Ihnen schlecht geht, wenn es Ihnen vielleicht doch, wie ich für Sie hoffe, ganz gut gehen sollte! Mir selber ging es nach der Pensionierung gerade deshalb gut, weil mir mein langjähriges berufliches Arbeitsfeld, die Klinische Psychologie, fast völlig zur Nebensache geworden war. Deshalb kann und werde ich Ihnen auch nicht die neuesten psychologischen Kommunikations-Theorien vortragen, sondern lieber über eigene Kommunikations-Erfahrungen berichten.

In den Jahren nach der Pensionierung habe ich sogar einige Fortschritte im Kommunikationsverhalten gemacht, mit dem Effekt, dass sich mein bisheriger Freundeskreis noch erweiterte:

  1. Ich wurde aktives Mitglied, und zwar als Bass-Sänger, im Latino-Chor "Mandacaru" und lernte dort, auf spanisch und portugiesisch südamerikanische Volkslieder zu singen, auch in den Indio-Sprachen Quetschua, Aymara, Tupi und anderen. Keine dieser Sprachen habe ich gut verstehen oder gar frei sprechen können, aber wenn ich Text und Noten vor Augen hatte, konnte ich die Melodien der Bass-Stimme ganz gut mitsingen.

  2. Ich hatte mich im Verein philoSOPHIA engagiert, Vortragsveranstaltungen besucht und dort selber erste Vorträge gehalten. Am anschließenden Postkolloquium beteilige ich mich regelmäßig.

  3. Ich beteilige mich an den Aktivitäten der Menschenrechts-Organisation "Humanistische Union".

  4. Seit kurzem gehöre ich dem Freundeskreis der Marburger Volkshochschule an.

  5. Nachdem ich nach der Pensionierung damit angefangen hatte, habe ich inzwischen etwa 330 Seiten eines Buches geschrieben, in dem es um Inhalt und Begriff des Monotheismus geht, insbesondere um die Kritik am Monotheismus.

  6. Es gibt mehrere Beiträge von mir und einen über mich in der OP.

Ich will diese Liste nicht fortsetzen, weil ich doch nicht gern allzu krass als Angeber erscheinen möchte. Was ich mit dieser Aufzählung beispielhaft deutlich machen möchte, ist vielmehr dies: Wer nicht mehr im Beruf steht und sich von seinem Beruf und anderen bisherigen Verpflichtungen genügend deutlich distanzieren konnte, hat auf einmal viel Zeit, die er nutzen kann, allein und mit Anderen.

Abgesehen von den eben aufgezählten Aktivitäten hatte ich nach der Pensionierung einige weitere erfreuliche Begegnungen mit mir zuvor unbekannten Menschen. So gibt es in Marburg einen älteren Mann, den ich schon ab und zu mal gesehen hatte, der mich aber irgendwann überraschenderweise grüßte. Ich erwiderte natürlich den Gruß und grüße ihn inzwischen auch von mir aus. Ich halte ihn für einen Türken der ersten Gastarbeiter-Generation, und er hält mich wohl auch für einen Türken. Wir haben noch kein Wort miteinander gesprochen, aber das kann ja noch kommen. Dann gibt es einen Mann Ende Achtzig, den ich gelegentlich treffe, wenn wir beide auf Einkaufstour sind. Manchmal ist er früher losgezogen und kommt mir auf meinem Hinweg schon entgegen, manchmal bin ich früher, und treffe ihn dann erst auf meinem Rückweg. Natürlich laufen wir nicht aneinander vorbei, sondern wir machen einen Stop und unterhalten uns über das Wetter, über die Gesundheit, über die Enkelkinder, und über sonst was. Im Sommer traf ich auf eine Rucksacktouristin, die an der Bootsausleihe am Trojedamm nach der Jugendherberge suchte. Ich bot ihr meine Begleitung an und auf dem kurzen Weg dorthin erzählte sie mir, dass sie sich dort mit ihrem Freund treffen wollte. Am schwarzen Steg trennten sich unsere Wege. Das waren nette 5 Minuten!

Aber ich begegne nicht nur Menschen. So gab es eine Katze in unserer Straße, die ich beim Vorübergehen immer freundlich begrüßte und die dann irgendwann mir auch entgegenkam, um an meiner Faust "Köpfchen zu geben". Dann war noch das Rotkehlchen in meinem Kleingarten, das mir beim Jäten zuguckte und kleine Insekten auflas. Schließlich war es nur noch etwa 40 cm von meiner Fußspitze entfernt, und wenn ich mit meinem Schemel weiterrückte, machte es mir schnell Platz, kam dann aber wieder näher ran. Monate danach habe ich ein Rotkehlchen (für mein Gefühl war es dasselbe, ich nannte es "Piepsi") in der Stadt getroffen. Ich war Sonntag morgens beim Brötchenholen und sah Piepsi in der Universitätsstraße vor einem Geschäft. Es war noch winterlich kalt, und weil das Vögelchen meine vorsichtige Annäherung zuließ, konnte ich ihm dann Brötchen-Krümel hinstreuen. Ein andermal traf ich es in unserer Straße, hatte aber leider nichts zum Füttern bei mir. Ich holte aus meiner Wohnung schnell ein Stück trockenes Brot, aber als ich wieder an dieselbe Stelle kam, war Piepsi schon fort. Sogar mit Pflanzen kann man sich anfreunden und weiterhin Freundschaft halten. Ein Container-Wacholder in der Schulstraße wird von mir schon seit Jahren als Bonsai gepflegt und in bescheidenem Ausmaß gestaltet, ich befreie ihn von trockenen und verquer wachsenden oder zu weit ausladenden Ästen. Es geht ihm gut. Die achtlosen Besitzer wissen nichts davon. Einen anderen Spontan-Bonsai lernte ich im Hof von einem Café kennen. Er wirkte auf mich etwas verwahrlost. Nach Rückfrage mit den Besitzern erlaubten sie mir, mich um ihn zu kümmern. Er sieht jetzt von Mal zu Mal schöner aus und läßt sich meine Pflege gern gefallen.

Inzwischen habe ich auch angefangen, mein eigenes Kommunikations-Verhalten genauer zu beobachten und schriftlich festzuhalten. Nachträglich staune ich über die Vielzahl von erfreulichen Begegnungen:

  1. Ich lernte ein weiteres Kätzchen, ein noch junges mit Halsband, im Südviertel kennen, und natürlich begrüßten wir uns mit "Köpfchen geben".

  2. Immer wieder passiert es, dass mich Kinder nach der Uhrzeit fragen.

  3. Öfter erlebe ich, dass ein Auto anhält, und jemand das Fenster herunterkurbelt, um mich nach dem Weg zu fragen. Meistens aber sind es Fußgänger, wie z.B. der junge Mann, der vor der Martin-Luther-Schule suchend umherblickte. Wie sich später herausstellte, war es ein tschechischer Jura-Student, der nach Marburg gekommen war, um seine Freundin zu treffen, die zu dieser Zeit beim Basketballtraining in irgendeiner Marburger Sporthalle war. Er fiel mir also auf, und ich wollte ihm meine Hilfe anbieten. Als ich in seiner Nähe auf dem Parkplatz vor der Schule ein Auto mit tschechischem Kennzeichen sah, sprach ich ihn an und fragte ihn auf Verdacht auf Tschechisch: "Mluvite česky?", das heißt auf Deutsch: "Sprechen Sie Tschechisch?" Diese Frage gehört zu den wenigen tschechischen Floskeln, die ich in der Zeit gelernt hatte, als in Prag aufs Gymnasium ging. Der Student wollte mir in einem Redeschwall, auf tschechisch natürlich, seine ganze Geschichte erzählen, aber ich musste ihm klarmachen, dass ich seine Sprache gar nicht verstand: "Nerozumím česky!" Weil er wiederum kein Deutsch konnte, gingen wir auf Englisch über, das ich selber gut verstehe, auch wenn es von einem Tschechen gesprochen wird, aber selber nicht fließend sprechen kann. Es reichte jedenfalls nicht, um ihm den Fußweg oder gar die Autostrecke bis zum Uni-Stadion zu erklären. Deshalb bot ich ihm an, dass er mich als Lotse mitnehmen könnte. Mein Großvater war übrigens Rheinlotse. Im Uni-Stadion fanden wir niemanden, und fuhren erst mal weiter zum Georg-Gassman-Stadion, wo wir nach längerem Suchen seine Freundin tatsächlich in einer der Hallen beim Basketball-Training überraschen konnten. Er war überglücklich, sie gefunden zu haben. Deshalb ließ ich mich von ihm nicht nach Hause bringen, sondern verabschiedete mich, machte mich auf den Weg und verlegte meine Einkaufstour ins Südviertel.

Andere Begegnungen waren alltäglicher, z.B. komme ich leicht mit einer freundlichen chinesischen Apothekerin ins Gespräch, natürlich auf Deutsch, und nur, wenn sie gerade keine anderen Kunden zu bedienen hat. Ich treffe auch gern die Briefträgerin unseres Bezirks, die auch weiß, dass sie bei mir klingeln kann, wenn die Post für andere Mitbewohner des Hauses nicht in deren Briefkasten passt. Eine ähnlich freundliche Beziehung habe ich zu der einen oder anderen Verkäuferin. Dann kann der sonst so geschäftsmäßige Wunsch "ein schönes Wochenende" auch mal persönlicher ausfallen und wird dann von mir auch ebenso persönlich beantwortet. Aufgrund solcher Erfahrungen habe ich dann angefangen, mit Kontaktanknüpfungen regelrecht zu experimentieren. In dem Haus, in dem ich mit zwei studentischen Untermietern zur Miete wohne, habe ich im Sommer im gemeinsamen Garten ein Hausfest arrangiert, an dem sich alle Mieter auch an der Vorbereitung beteiligt hatten. Dadurch lag es auch nahe, dass mich eine Hausbewohnerin bitten konnte, sie nach einem ärztlichen diagnostischen Eingriff, der eine leichte Narkose notwendig machte, nach Hause zu begleiten, weil ihr Mann zu dieser Zeit Dienst hatte. Ich habe das natürlich gern getan, ganz ohne Hintergedanken. Bei Gelegenheitskontakten beim Einkaufen oder im Restaurant ergaben sich in dieser Zeit auch schon mal Bekanntschaften, die von beiden Seiten als angenehm und erfreulich empfunden wurden. Sie brachten mir sogar freundliche Aufmerksamkeiten oder kleine Geschenke ein, z.B. ein Stück selbst gebackenen Kuchen oder ein Glas selbst geimkerten Honig. Ich werde natürlich nichts Näheres darüber mitteilen, damit niemand Gelegenheit finden kann, mich bei den freundlichen Spenderinnen auszustechen!

Wenn ich diese Begegnungen Revue passieren lasse und mir überlege, wie es jeweils dazu kam, dann kann ich mehrere Bedingungen voneinander abheben:

  1. Eine große Rolle spielt der Zufall. Ich mag Zufälle! Über manche Begegnungen war ich selber überrascht, ich hätte sie mir nicht vorher ausdenken oder gar planen können.

  2. Eine Bedingung trage ich wohl selbst dazu bei: Ich werde wahrscheinlich so oft gegrüßt und angesprochen, weil ich mich als ansprechbar zeige und auch Fremde meinen könnten, dass ich wohl Zeit habe. Beim Spazierengehen blicke ich umher (ich heiße ja auch Schauer), bleibe auch mal stehen, um irgendetwas näher zu betrachten, sehe auch die Menschen, die mir entgegenkommen, freundlich an. Ich achte dabei aufmerksam auch auf kleine Zeichen der Zuwendung meines zufälligen Gegenübers und erwidere auch den zaghaftesten Gruß. Vielleicht blicke ich manchmal andere Menschen allzu direkt an, jedenfalls passiert es schon mal, dass mich ein mir völlig fremdes Kind im Schulalter höflich grüßt, weil es vielleicht annimmt, dass ich eine zu grüßende Autorität, etwa ein Lehrer, ein Schulrat oder ein Pfarrer bin. Aber es gibt auch Kinder, die mir freundlich zuwinken, weil sie mich allmählich kennen als einen, dem sie schon öfter begegnet sind, wenn er an ihrer Schule vorbeigekommen ist.

  3. Wenn ich jemanden sehe, der offensichtlich etwas sucht, verlangsame ich meine Schritte, bleibe ihm zugewandt stehen oder gehe auf ihn zu, und zeige mich damit für Fragen zugänglich und als ohne weiteres ansprechbar. Ich zögere auch nicht, im gegebenen Falle selber jemanden anzusprechen. Vor Monaten sah ich auf der Lahn mal wieder einen Mandarin-Enten-Erpel, eine ganz exotisch bunte Ente aus dem Fernen Osten. Als mir im gleichen Moment drei Mädchen auf dem Lahnuferweg entgegenkamen, sprach ich sie freundlich an und zeigte ihnen diesen seltenen Gast aus China. Sie hatten noch nie im Leben eine Mandarin-Ente gesehen und hätten sie schon gar nicht auf der Lahn unter den Stockenten erwartet.

  4. Ich bin auch freundlich zu Leuten im Straßenverkehr, halte nicht nur wie jeder andere mit meinem Auto vor dem Zebrastreifen, sondern lade die dort stehenden Fußgänger mit einer freundlichen Geste zum Hinübergehen ein. Manchmal wundere ich mich allerdings, dass es Menschen gibt, die sich für solche kleinen Gefälligkeiten noch nicht mal mit einem freundlichen Lächeln oder Nicken bedanken können. Wenn mir jemand eine Gefälligkeit erweist, z.B. wenn eine junge Frau mit vollem Einkaufswagen mich an der Kasse vorlässt, weil sie sieht, dass ich nur ein Päckchen Brot und eine Rolle Klopapier im Einkaufskorb habe, dann bedanke ich mich natürlich dafür. Mir erwiesene Freundlichkeiten erwidere ich gern bei der nächsten Gelegenheit.

  5. Es gibt eine weitere Bedingung, die ich selber setze: Als Gesprächsteilnehmer oder als Zuhörer bei einem Vortrag versuche ich, die wichtigen Punkte gut aufzunehmen, und ich überlege mir dabei schon, was ich vielleicht selber zur Diskussion beitragen könnte. Ich scheue mich nicht, ein sachliches Urteil abzugeben zu Dingen, die uns alle angehen, dabei meine eigene Meinung einzubringen, ja mich selber einzubringen und auch in persönlichen Dingen Offenheit zu riskieren.

  6. Manche Menschen rechtfertigen ihre ängstliche Zurückhaltung, sich selber zu äußern und andere anzusprechen, mit dem Bedenken, dass man sich niemandem aufdrängen sollte. Ich selber setze ein solches Bedenken schon vorweg außer Kraft, indem ich bei einer Kontaktaufnahme höflich frage, ob es dem prospektiven Gesprächspartner recht ist. Wenn ich Ablehnung spüre, halte ich mich zurück. Man sollte in solchen Situationen keine zu hohen Erwartungen haben und man darf vor allem kleine Enttäuschungen nicht zu wichtig nehmen. Man kann ja, ohne der zuvor verpassten Gelegenheit nachzutrauern, irgendeine nächste Gelegenheit nutzen. Man muss sich manchmal ein Herz fassen, ggf. mehrere Male etwas auszuprobieren, auch wenn es zunächst noch nicht auf Anhieb klappt. Denn nichts ist für den Umgang mit Menschen abträglicher als der überzogene Anspruch, mit einem Kontaktversuch gleich das große Glück zu finden. Gerade dann passiert es leicht, dass man schon bei der ersten Kontaktaufnahme furchtbar auf die Nase fällt und vor lauter Enttäuschung weitere Versuche ganz aufsteckt und auf Dauer einstellt. Das wäre ein großer Fehler. Denn eigentlich kann ja gar nichts schief gehen beim Kennenlernen. Wenn nämlich jemand meine freundliche Zuwendung nicht erwidert oder sie sogar als aufdringlich empfindet und brüsk abweist, dann ist er doch selber dran schuld, einen so netten Menschen wie mich nicht kennen gelernt zu haben, oder etwas bescheidener ausgedrückt, eine vielleicht ganz unterhaltsame Gesprächs-Gelegenheit versäumt zu haben!

  7. Auf der anderen Seite hat man ja selber das Recht, aus einem unerfreulichen Gesprächskontakt auszusteigen. Wenn ein Gesprächspartner mich zunehmend nervt und meine offensichtliche Reserve nicht respektiert, dann kann ich den Kontakt mit ihm von mir aus beenden und ihn nicht wieder aufnehmen. Aber diese Konsequenz sollte man nicht voreilig ziehen, denn auch der Gesprächspartner sollte die faire Chance haben, die man ja selbst in Anspruch nehmen möchte, nämlich sich an einem vielleicht angenehmen Gespräch beteiligen zu können.

  8. Ich will ganz kurz noch auf die Tanzstundenfrage eingehen - Sie erinnern sich vielleicht noch daran: "Aber worüber soll ich mich dann mit meinem Gegenüber unterhalten?" Die Antwort: Über Alles, was Ihnen und Ihrem Gesprächspartner in den Sinn kommt! Z.B. über etwas, was Sie gemeinsam mit ihm vor Augen haben, über das Wetter, über das Essen im Restaurant, über die freundliche Bedienung, über sonst welche alltäglichen Dinge. Es gibt eigentlich kein wirklich verbotenes Thema, außer vielleicht die angestrengte "gehobene Konversation". Damit könnte man den nettesten Mitmenschen vertreiben!

Ich merke jetzt, dass ich mehr und mehr in den Fehler verfalle, Ihnen Tipps zu geben, wo ich doch davon ausgehen kann, dass Sie im Umgang mit Menschen genügend erfahren sind, mindestens so erfahren wie damals meine Mutter. Deshalb möchte ich noch einmal betonen, dass Sie meine Bemerkungen bitte nicht als Ratschläge oder gar als Forderungen mit 1., 2., 3., usw. missverstehen sollten. Es sind eher Erlaubnisse, die ich zunächst mir selbst gegeben habe, die aber auch Sie sich selber geben könnten. Eigentlich wissen Sie ja schon längst, wie Sie sich bei Begegnungen mit anderen Menschen verhalten können. Manchmal brauchen Sie vielleicht nur einen kleinen Anstoß, um das zu tun, wozu Sie ohnehin in der Lage sind, aber sich nicht immer dazu aufraffen können. Sie können sich diesen Anstoß auch selber geben, und zwar, wie gesagt, als Erlaubnis, das eigene Wissen und Können auch praktisch umzusetzen. Sagen Sie sich dann einfach: "Ich erlaube mir, auch mal etwas Neues auszuprobieren, auf noch fremde Menschen zuzugehen, mich ihnen zuzuwenden, sie direkt anzusprechen. Ich darf das nämlich, und niemand kann es mir verwehren!"

Und nun zum Schluss: Ich rechne damit und hoffe sogar, dass Sie nach diesem Vortrag kein neuer oder anderer Mensch geworden sind, sondern sich weiterhin so akzeptieren können, wie Sie nun mal sind. Das erleichtert es Ihnen, weiterhin die sich bietenden Gelegenheiten zum Kontakt und zur Kommunikation mit anderen Menschen zu nutzen. Dazu wünsche ich Ihnen eine weiterhin möglichst gute Gesundheit, und dass Sie immer wieder mal wirklich netten Menschen begegnen. Es gibt mehr davon, als der Skeptiker denkt, und besonders viele im Senioren-Kolleg!