2.4.7.3. Verdeutlichung durch Groteske, Karikatur und Satire

Es gibt akzeptable und berechtigte, weil hinreichend begründete Anlässe dafür, starke Worte, Gesten oder Bilder gezielt zu verwenden. So kann es ganz angemessen sein, etwas schon von sich aus Extremes mit extremen sprachlichen Mitteln wiederzugeben, eben so, wie es tatsächlich ist. Alles andere wäre nämlich eine Untertreibung, Beschönigung und Verharmlosung. Den Verbrecher muss man "Verbrecher" nennen können, denn das Wort "Straffälliger" wäre für jemanden wie Hitler viel zu schwach, und es gibt immer wieder einmal neue Volksverhetzer und Massenmörder, zu deren Kennzeichnung man deutliche Worte verwenden sollte. Zur Verdeutlichung kann man diverse Mittel verwenden: den treffenden, das Wesentliche hervorhebenden Ausdruck, auch mal die gewollte Verschärfung der Formulierung, im geschriebenen Text das Ausrufe- oder Fragezeichen, die Unterstreichung, den Fett- oder Kursivdruck einzelner Wörter oder kurzer Sätze. Der klug gewählte Titel eines Buches oder Kapitels verdeutlicht dessen Inhalt, und informative Zwischenüberschriften können den Leser vorweg orientieren und ihn auf den nächsten Beitrag neugierig machen. Auch mit solchen Strukturierungshilfen kann man natürlich übertreiben, aber ein kluger Lektor weiß das zu verhindern!! (Das zweite Ausrufezeichen, vielleicht auch beide, wird er einfach streichen. Wahrscheinlich auch diese in Klammern gesetzten Erläuterungen!).

Die klassische Rhetorik hat die Überspitzung des eigenen sprachlichen Ausdrucks zur Intensivierung des Eindrucks auf den Gesprächspartner oder die Zuhörer genutzt und als "Hyperbel" bezeichnet, also mit einem Wort, das ein griechisches Synonym für unsere Vorsilbe "Über-" enthält. Der Redner oder Autor sollte allerdings seinen eigenen Übertreibungen gegenüber einen Rest an kritischer Distanz bewahren können. Wenn ich selber jemandem etwas erzähle und dabei ein wenig übertreibe, begleite ich dies auch schon mal mit einem Augenzwinkern, quasi mit mimischen "Anführungsstrichen", damit ein vielleicht allzu gutgläubiger Gesprächspartner es nicht für allzu ernst gemeint nimmt.

Übertreibungen werden auch als literarisches Stilmittel angewendet, mit Vorläufern schon in der Antike, so in mythologischen Szenen, in denen sich auch groteske Elemente finden. Die Groteske macht sich lustig über harmlos Heiteres, Witziges und derb Komisches, auch über närrisch Seltsames und Absurdes. Der "schwarze Humor" lässt das Gelächter schon in Erschrecken oder Ekel umschlagen; das maßlos Gesteigerte, willkürlich Verzerrte, monströs Verformte soll schockieren. In der dem Schaurigen und Satanischen zuneigenden "schwarzen Romantik", in ihren phantastischen Geschichten und Bildern bleibt die Grenze zwischen dem Wirklichen und dem Unwirklichen offen. Auch Träume können zur Überbetonung des Gewünschten und in Albträumen zur Verzerrung des Gefürchteten führen, aber von Übertreibung kann da eigentlich nicht die Rede sein, weil zumindest für den Nachttraum kein gezielt übertreibender Autor oder Manipulator verantwortlich gemacht werden kann. Die groteske Überzeichnung ist aber auch ein Mittel der Satire, in der Übertreibungen dieser Art zur kritischen Entlarvung des ohnehin schon Übertriebenen eingesetzt werden.

Von der bloßen Übertreibung zu unterscheiden ist auch die das Kritisierte gezielt verschärfende und damit verdeutlichende Karikatur. Das Wort kommt aus dem Italienischen (ursprünglich von lat. carrus "Karren") und bedeutet eigentlich "Überladung". Die Anfänge der Karikatur in der bildenden Kunst datiert man bis ins Neue Reich Ägyptens zurück; karikierende Darstellungen besonders aus dem Bereich des Mythos und Volksglaubens finden sich in der griechischen Kunst, körperliche Deformationen bis zur Groteske in der römischen Kunst. Die meist grobe Karikatur des Mittelalters richtete sich häufig wie ein Pamphlet gegen bestimmte Personengruppen (Mönche, Landsknechte u.a.), wobei auch schon einiges an Blasphemie riskiert (und manchmal hart bestraft) wurde. Zu der kritischen Darstellung des Individuellen kommt seit der Renaissance und Reformation die Kritik an Institutionen wie Staat und Kirche. Die Karikatur Goyas entlarvt nicht nur Dummheit, Lüge, Rohheit, Unwissenheit und Leichtgläubigkeit einzelner Personen, sondern auch insgesamt die zweifelhafte Moral seiner Umwelt. In der modernen Karikatur stellt der Zeichner Menschen oder gesellschaftliche Zustände mit satirisch-komischen Mitteln bewusst überzogen dar und in den satirischen Zeitschriften meist mit politischer und jedenfalls kritischer Tendenz. Musterbeispiele für graphische Meisterschaft der Karikatur boten Olaf Gulbransson und Eduard Thöny im "Simplicissimus". Ihre Arbeiten zeichneten sich darüber hinaus durch treffsichere Pointierung und ironische Hintergründigkeit aus.

Die eher literarische, jedenfalls mit sprachlichen Mitteln arbeitende Parodie oder Satire hebt zwar gewisse Eigentümlichkeiten des Objekts bis zur Verzerrung hervor, aber dies oft sogar mit versteckter Sympathie, und sie kann im Grunde das, worüber sie sich lustig macht, als solches gelten und leben lassen. So betonte der von mir sehr geschätzte Parodist Robert Neumann, dass nur eine im Mindestmaß gute Kunst parodiert werden könne. Unkunst und bloßer Kitsch dagegen disqualifizierten sich selber. In seinem Buch "Mit fremden Federn. Der Parodien zweiter Band" (Ullstein TB 1965) verzichtet er bei zwei Autoren, bei Reinhold Conrad Muschler und Edwin Erich Dwinger, auf das Parodieren ihrer Texte und gibt stattdessen Ausschnitte ihrer Produktionen unverändert wieder unter dem vielsagenden Titel "Sag, was er sagt (Zitate statt einer Parodie)". Aber manchmal ist es schon nötig, wuchernden Unsinn auf seine Bedeutungslosigkeit zurechtzustutzen, Schund- und Scheinwerte zu entlarven und Manier und Schema des Stils bloßzustellen (Winfried Freund und Walburga Freund-Spork: Nachwort zu "Deutsche Prosa-Parodien", Reclam, Stuttgart, 1988, S. 284/285). Mit der Häufung, Ausweitung und oft drastischen Übertreibung der originalen Motive wird erreicht, dass diese, auf engstem Raum zusammengedrängt, sich gegenseitig in Frage stellen und schließlich selbst aufheben (S. 283). Ins Schwarze treffen die Autoren mit der folgenden Feststellung: "Der Parodist bläst das ohnehin Aufgeblasene zu einem riesigen Ballon auf, den er mit einem winzigen Einstich zum Platzen bringt. Er punktiert das Aufgedunsene, bis es auf seine eigentliche Winzigkeit zusammengeschrumpft ist" (S. 277). Das anschaulichste Beispiel dafür bietet Robert Neumanns Parodie des "Golem" von Gustav Meyrink, wo der parodierende Autor im Gruselton ausführlich schildert, wie "das grässlich Schillernde" größer und größer wird und schließlich zum Abbild dessen wird, der ihm seinen Odem einbläst, ihm mehr und mehr ähnlich. Irgendwann platzt ... die Seifenblase! Als hätten sie diese Parodie im Sinne gehabt, bezeichnen W. Freund und W. Freund-Spork die Pointe als wirkungsvollen Abschluss der Parodie: "Das ohnehin angeschossene Angriffsobjekt erhält den Fangschuss ... ein steigerndes Verfahren, dessen Wirksamkeit sich erst am Ende entfaltet, dann jedoch mit explosiver Kraft" (S. 287).