Als Agnostizismus bezeichnet man die Überzeugung, dass die metaphysische Frage nach Gott unbeantwortbar sei. Zu den unlösbaren Problemen zählen für den Agnostizismus auch der Sinn des Daseins und der Geschichte sowie das Fortleben nach dem Tod und schließlich die Frage nach dem Wesen der Dinge, das der Agnostizismus für unerkennbar hält. Der Agnostizismus will jedoch etwas offen lassen, was weder im Wissen noch im Glauben offen (d.h. unentschieden ) bleiben kann. Wer nach untrüglichen Gottesbeweisen fragt, will wirklich wissen, ob es tatsächlich einen Gott gibt, oder aber nicht. Meiner Einschätzung nach gibt es in der empirisch erfahrbaren Wirklichkeit außerhalb des glaubenden Menschen wirklich keinen Gott. Aber es ist gar nicht die Aufgabe des Ungläubigen, dies nachzuweisen. Der Nachweis von "Nichts" ist ohnehin sowohl überflüssig als auch überaus schwierig, weil das Nichts weder zu greifen noch zu vertreiben ist. Eher hätte der Glaubende die Bringschuld, den Zweifler davon zu überzeugen, dass es einen Gott wirklich gibt. Aber nach dem Holocaust und anderen Schrecklichkeiten davor und schon wieder danach (sie haben nach Auschwitz keineswegs aufgehört) ist die Offenbarung eines gütigen Gottes immer unglaubwürdiger geworden, ja der Glaube an ihn für einen intellektuell redlichen Menschen so gut wie unmöglich geworden. Wenn wir keine allzu faulen Ausreden zulassen (z.B. "das ist ein Geheimnis, höher denn alle menschliche Vernunft"), können wir immerhin wissen, dass es den Gott, der gleichermaßen allgütig, allmächtig und allwissend ist, sicher nicht gibt, außer er wäre neben diesen Extremalisierungen auch noch all-sadistisch, indem er den Menschen seine Allgüte offenbar entzieht und sie stattdessen schrecklichem Leid überlässt und von seiner Allmacht keinen menschenfreundlichen Gebrauch macht. In dieser Situation ist es mehr als feige und lasch, den alten Spruch "ignoramus, ignoramibus" nachzubeten. Das wäre nämlich höchste Ignoranz gegenüber dem Leid in der Welt.
Aber der Agnostizismus entscheidet sich ebenso wenig für den Glauben, und er diffamiert sogar die Glaubensbereitschaft der vielen Menschen, es sind ein paar Milliarden, die in diesem oder jenem Glauben aufgewachsen sind und sich vielleicht sogar bewusst für ihn entschieden haben. Die sich so sicher gebende Behauptung, dass wir gar nicht wissen könnten, ob es Gott (oder Gottheiten) gibt, stellt es damit als höchst fragwürdig hin, wenn jemand „gegen besseres Nichtwissen“ dennoch an Gott und an Gottheiten glaubt. Und so mit den unzähligen Glaubenden umzugehen, halte ich für arrogant.
Der Agnostizismus liegt mir fern. Was ich weiß, weiß ich. Einiges weiß ich ganz sicher, z.B. dass ich lebe, und dass es eine Realität außerhalb meiner selbst gibt. Ich weiß das jedenfalls, solange ich wach bin. Wenn ich über einen bestimmten Sachverhalt kein sicheres Wissen habe, kann ich mich auch mit Plausibilitäten zufrieden geben, mich auf Mutmaßungen beschränken. Meistens komme ich damit hin. Und wenn ich mich geirrt habe, habe ich Pech gehabt. Nächstes Mal kann ich ja wieder recht haben! Wenn ich in Fällen, wo es für mich wichtig ist, klar orientiert zu sein, etwas nicht genügend sicher weiß, dann neige ich dazu, entweder meinen Brockhaus zu Rate zu ziehen oder andere Menschen zu fragen, und zwar möglichst Menschen, die das Fragliche nach meiner Einschätzung besser wissen könnten als ich selbst. Gegebenenfalls versuche ich selber, soweit ich die Möglichkeit dazu habe, es so gründlich zu untersuchen, bis ich es ziemlich sicher weiß. Es gibt aber Aussagen, die ich nicht zu überprüfen bereit bin, auch wenn jemand sie als wahr bekundet und ich sie nicht widerlegen kann. Das ist dann sein Problem.
Vielen Menschen, darunter auch einigen Experten, vertraue ich, dass sie über eine bestimmte Sache Bescheid wissen und, wenn ich sie danach frage, auch die Wahrheit sagen. Ich glaube ihnen erst einmal. Es gibt viele Menschen, die von sich aus dazu neigen, nach Möglichkeit die Wahrheit zu sagen, wenn sie Kenntnis von etwas haben. Man kann auch mit einiger Sicherheit herausfinden, ob jemand von dieser Art ist. Ich selber gehöre auch dazu, nämlich schon deshalb, weil ich, wenn ich doch einmal gelogen habe, den Inhalt meiner Lüge zu leicht und schnell vergesse und deshalb lieber bei dem bleibe, was ich leichter erinnern kann: bei der Wahrheit. An die kann ich mich besser erinnern als an meine Lügen.
Ich glaube, dass wir bald wieder wärmeres Wetter haben. Mein Glauben (als eine geistige Tätigkeit verstanden) spricht sich wohl in der Regel in Dass-Sätzen aus. Dagegen kommt es mir nur selten in den Sinn, zu sagen: "Ich glaube an jemanden oder an etwas". So spreche ich nur, wenn ich jemandem eine Freude machen will, ihn ermuntern will, so weiter zu machen ("Ich glaube an Dich!"), oder wenn ich etwas als wichtig, als für mich bedeutsam hinstellen will ("Ich glaube an den Pluralismus"). Aber da klingt schon ein selbstironischer Unterton mit!
Wichtige Fragen will ich nicht unbeantwortet lassen. Das Leben nach dem Tode ist für viele Menschen eine wichtige Frage, auch für mich war das so. Aus guten Gründen habe ich mich entschieden, nach meinem Tode nicht weiter oder wieder leben zu wollen. Somit gibt es für mich kein Weiterleben nach dem Tode, in keiner möglichen Form. Auch Gott lasse ich nicht einfach dahingeglaubt sein. Die Existenz Gottes ist keine Annahme, die ich offen lassen wollte. Da ich nicht an ihn glaube, in keiner Gestalt und keinem Sinn an ihn glaube, bin ich mir auch sehr sicher, dass es ihn nicht gibt. Aber für den, der an Gott glaubt, mag es diesen sehr wohl geben, sogar mehrere Göttinnen und Götter!
Alles für möglich zu halten, oder nichts für unmöglich zu halten, empfinde ich als oberflächlich und leichtsinnig. Was ich nicht wissen kann, das interessiert mich auch nicht. Das möchte ich weder glauben müssen, noch möchte ich es in der Schwebe halten wollen. Mich interessiert ein Gott (oder eine Göttin) nur, wenn es ihn (oder sie) wenigstens für mich gibt. Die Behauptung von jemand, dass es Gott wirklich gibt, kann ich ertragen, solange er nicht darauf besteht, dass auch ich das glauben müsse, oder etwa gar, dass ich unbedingt daran glauben sollte. Es macht mit Angst, wenn mir einer droht, dass dann, wenn ich nicht daran glaube, ich dran glauben müsse. Ich könnte aber auch zornig werden.
Der Agnostizismus ist, wie ich denke, oft ein Gottes- bzw. Selbst-Rettungsversuch. Er eröffnet Möglichkeiten für den Glauben, öffnet die Tür zum "Geheimnis" wenigstens einen Spalt weit. Der Agnostiker könnte denken: Gott wird mir meinen Agnostizismus vielleicht doch noch verzeihen können. Denn kann ich wirklich sicher wissen, dass es Ihn gibt? Welcher "Wahrheit " soll ich denn glauben? Immerhin bekunde ich mit meinem Agnostizismus - mein Wort in Gottes Ohr! -, dass ich das zu Glaubende nur noch nicht sicher genug weiß, aber dass für mich das zu Glaubende sehr wohl so sein könnte, wie es behauptet wird. So kann ich mir ein Schlupfloch für den Glauben offen lassen. So ungläubig, dass ich überhaupt nicht an Ihn glaube, bin ich denn doch nicht! Das wäre ja Atheismus, und so etwas gefällt Ihm ganz und gar nicht!
Ich selber habe keine Angst mehr vor Gott und auch nicht mehr vor dem Gestorbensein, höchstens vor einer längeren Quälerei des Sterbens. Aber vielleicht hilft mir dann ja jemand, leichter oder schneller zu sterben. Wenn es einmal so weit ist. Ich habe daher kein Interesse daran, zu überprüfen, ob es eine Reinkarnation gibt. Zu wissen, was mit mir nach meinem Tode ist, interessiert mich nicht. Das geht nur noch meine Angehörigen und Freunde etwas an, und auch noch die Kleinlebewesen rings um meinen Sarg. Er sollte für sie durchlässig und meine Leiche für sie zugänglich sein.