2.2.10.14. Gottesrettungsversuche und ihre Gründe

Wie kommt es also zu solchen Ausreden? Die Theodizee-Spekulationen als sophistizierte Form dieser Ausreden sind einerseits durchsichtige Versuche von Theologen und auch von kirchen- oder eher staatstreuen Philosophen, ihren Gott in seiner Majestät zu verteidigen und damit die Basis für die auf ihn gegründete Kirche und gesellschaftliche Ordnung zu erhalten. Das erinnert an die Bemühungen von Banken und Großgläubigern, einen maroden Konzern durch neue Finanzspritzen vor der Pleite zu retten, weil die totale Pleite anscheinend noch mehr gefürchtet wird als die Fortsetzung der bisherigen Fehlinvestitionen. Das ist aber nur ein Aspekt, und dazu noch ein minder wichtiger. Näher auf die Phänomene des persönlichen Glaubens bezogen ging es darum, Gott zu retten, weil die an ihn glaubenden und an ihm zweifelnden Menschen ihn dennoch als möglichen Versorger, Helfer und Retter brauchten, so wie die Kinder noch im Erwachsenwerden versuchen können, ihr Bild von Mutter und Vater zu retten, um damit das eigene Kindsein zu verteidigen. Es wäre doch zu schön, einen Vater im Himmel zu haben, der sich um alles kümmert, auch um mich, und der alles wieder in Ordnung bringt, was hier auf Erden schiefgelaufen ist, oder wie Helmut Qualtinger gesungen hatte: »der Papa wird's scho richtn«. Gottes Rechtfertigung kann auch dazu dienen, ihn als Garant für die eigene ewige Seligkeit zu retten, weil ohne ihn auch all seine Versprechungen und Vertröstungen sich in Nichts auflösen würden. So dient die Rechtfertigung Gottes nicht nur dessen Machterhalt, sondern auch der Angstentlastung des Menschen, und die Gottesrettung ist im Grunde ein Versuch der Selbstrettung, allerdings ein eher narzisstisch-regressiver.

Das wird klarer, wenn die Gottesrettung auch die Funktion hat, infantile Größenphantasien zu verteidigen. Denn wer einen monomegalen Gott hat, der kann dadurch selber an dessen Monomegalie teilhaben, und die ist nun einmal das Allergrößte, was sich denken lässt. Wie groß kann ein Kind sich selber fühlen, wenn es vom großen Papa auf dessen Schultern getragen wird! Auch die Lust kleiner Mädchen, ein großes Pferd zu reiten und damit selber zu bestimmen, wohin das Pferd sie tragen oder über welche Hürde es mit ihnen springen soll, ist damit zu vergleichen. Gesteigert wird dieses Gefühl noch durch die Phantasie, selber Gottes Kind zu sein, zu ihm »Vater« sagen zu dürfen, wie es der Gottessohn Jesus im »Vaterunser« gelehrt hat! Nichts kann den Winzling Mensch sich größer und einzigartiger fühlen lassen als der Glaube, dass der monomegale Gott speziell für ihn da ist, und auf seine Gebete hört. Wer oder was kann schon mit einem monomegalen Vater konkurrieren; deshalb gibt man so einen Vater nicht so leicht auf und versucht sogar aktiv, ihn gegenüber Kritik, Vorwürfen und Anklagen zu verteidigen.

Dieser regressive Aspekt des Glaubens an den monomegalen Gott lässt sich gut verständlich machen auf der Grundlage der psychoanalytischen Theorie des Narzissmus. In der narzisstischen Regression oder Fixierung wünscht sich der Erwachsene, dass immer noch alles auf ihn selbst zentriert bleibt, so wie er als Kind eine Zeit lang Lebensmittelpunkt seiner Mutter und meist auch seines Vaters war. Dieser infantile Anspruch lässt sogar noch erwachsene Menschen sich so kindisch verhalten, dass sie bis zum eigenen Tode und sogar noch darüber hinaus nicht auf ihre Mama (bzw. den Papa) verzichten können. Der Narzissmus hat aber auch ganz direkt etwas mit Größenphantasien zu tun. Schon das Baby kann sich als allmächtig fühlen (S. Freud sprach von der »Allmacht der Gedanken«); es braucht nur zu wünschen: »Es werde Milch!« und dazu noch laut zu schreien, und schon ist die nahrungsspendende Mutterbrust bzw. die Babyflasche da! Damit hängt zusammen die kindlich maßlose Überschätzung der liebevollen Güte, aber auch der Macht und des Wissens seiner erwachsenen Beziehungspersonen. Daraus kann sich dann über Prozesse der Introjektion und Identifizierung ein durch Größenphantasien bestimmtes Selbstbild aufbauen, besonders wenn das Kleinkind dann auch noch merkt, dass es praktisch alles benennen, alles wollen und wünschen (wenn auch nicht immer kriegen) kann. Es kann wirklich alles Mögliche und Unmögliche phantasieren und kann die verschiedensten Rollen im Spiel verwirklichen. Von da ist der Weg zur narzisstischen, für sich selbst erträumten Allmacht und Allwissenheit nicht mehr weit. Nur die Allgüte bleibt noch immer dem versorgenden und schützenden Nicht-Ich vorbehalten, denn wer will schon (etwa gar als Kind!) selber allgütig zu allen anderen Menschen sein! Da sei Gott vor! Der soll das weiterhin leisten und natürlich besonders lieb zu dem sein, der gerade zu ihm betet!

Aber dieser psychologische Ansatz reicht noch nicht aus, um zu erklären, weshalb der Glaube an den monomegalen Gott so verführerisch attraktiv ist. Es kommt nämlich noch etwas hinzu. Neben dem recht primitiven Abwehrmechanismus der narzisstischen Regression gibt es auch einen hochgeistigen Anspruch, an der Monomegalie Gottes teilzuhaben. Er ergibt sich aus der Möglichkeit, so etwas wie die Unendlichkeit oder aber die Einheit von Allem zu denken und sogar die Kombination dieser beiden eigentlich unterschiedlichen Ideen zum einerseits einzigen, andererseits allendlichen und somit monomegalen Gott. Dieser Gedanke war seit jeher für viele Philosophen attraktiv, ja man könnte sogar sagen, dass er seit den Alten Griechen das Kernthema der Metaphysik und damit der Philosophie war und geblieben ist. Vielleicht macht gerade diese Kombination von infantil regressiven und von differenziert geistigen Aspekten den besonderen Reiz des monomegalen Gottesgedankens aus: dass nämlich diese Idee so kindlich schlicht und zugleich auch geistig anspruchsvoll ist.

Die Klärung lebensgeschichtlicher Vorbedingungen für die Idee der Monomegalie Gottes ist nützlich, aber für unseren Problemlösungsansatz noch nicht ausreichend. Die Theodizee ist auch kein bloß philosophiehistorisches Thema. Es geht nicht nur darum, die verschiedenen Rechtfertigungsversuche ausfindig zu machen und zu beschreiben, sondern man muss auch nach ihrem Erfolg oder Misserfolg fragen. Und dann stellt sich heraus: Die Rechtfertigung des monomegalen Gottes ist bisher noch nie gelungen. Die Unmöglichkeit der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens in der Welt kann auch heute noch konstatiert werden und abseits aller Gottesrettungsversuche sollte gefragt werden, woran es liegt, dass er nicht gerechtfertigt werden kann, auch in Zukunft nicht, und eben das ist der entscheidende Punkt! Den Grund dafür kann man darin sehen: Gott hat als Monotheos einen Konstruktionsfehler, fast schon eine Sollbruchstelle. Irgendwann muss jeder denkende Mensch zu der Einsicht kommen, dass Gott nicht zugleich allmächtig und allgütig ist und gar nicht sein kann, wenn es doch so viel menschliches und anderes Leid auf unserer Erde gibt! Das sollte so klar werden, dass sich weitere Anklagen und weitere Verteidigungen oder Rechtfertigungen erübrigen. Denn eine technische Fehlkonstruktion, mit der könnte man die Monomegalie Gottes ja vergleichen, die sollte man nicht anklagen, sondern möglichst bald stilllegen, um weitere Unfälle zu verhüten, oder aber sie entscheidend verbessern, etwa durch eine Neukonstruktion mit Rückgriff auf besser Bewährtes, mit dem wir den Nutzen in der Zukunft mehren könnten.