Wie die Höflinge eines mächtigen Fürsten konnten aber auch die Priester des einzigen Gottes kein Ende darin finden, ihn in den höchsten Tönen zu preisen und ihm die allerherrlichsten Eigenschaften zuzuschreiben: Für sie war Gott nicht nur manchmal sehr mächtig, etwa wenn er einmal die Sonne und den Mond auf ihrer Himmelsbahn aufgehalten hatte, sondern sie rühmten seine Allmacht; in ihrer Sicht wusste Gott nicht nur manchmal überraschend viel, sodass er die geheimsten Gedanken seines menschlichen Gegenübers erraten konnte, sondern er erschien ihnen als allwissend; für sie war Gott nicht nur einige Male wirklich gut zu den Seinen (aber nur zu den Seinen!), sondern er war für sie über alles menschliche Maß hinaus allbarmherzig, gnädig zu allen Menschen, auch zu den Sündern (falls sie ihre Sünden wirklich bereut hatten!). Im Sinne eines »mehr desselben« (Watzlawick) konnten solche Zuschreibungen allendlicher Positiva auch als einschüchterndes priesterliches Argument zur Rechtfertigung Gottes eingesetzt werden, etwa in der Richtung, dass man einem allmächtigen, allwissenden, allbarmherzigen, ewigen, unendlichen etc. Wesen eben deshalb, eben wegen seiner allerhöchsten Majestät, gar nichts vorwerfen könne oder dürfe. Das war ein riskantes Argument, denn es konnte auch dazu führen, dass in seiner Widerlegung die Anklagen gegen Gott stringenter begründet werden konnten, womit im Prozess gegen Gott eine weitere Stufe der Auseinandersetzung erreicht wurde.
Erst die Begründung der mächtigen Taten Gottes durch seine Allmacht, erst die Herleitung seiner liebevollen Zuwendung zu einzelnen Menschen aus seiner Allgüte, erst die Erklärung der göttlichen Vorsehung aus seiner Allwissenheit führte zu den Problemen, die im Folgenden besprochen werden sollen. Denn die scholastische Maximalisierung der religiösen Gottesattribute und die Systematisierung der Einzelaussagen über Gott und ihre Vereinigung zu einer Gesamttheorie ließ die systemimmanente Widersprüchlichkeit dieser Zuschreibungen besonders klar zu Tage treten. Noch abstrakter gefasst: Erst als die zuvor nur mythischen, dem Gott zugeschriebenen Einzeleigenschaften im Immer-noch-weiter-Denken zu allendlichen Qualitäten maximiert worden waren, konnte die Widersprüchlichkeit solcher Aussagen deutlicher werden und damit die Sinnlosigkeit der Monomegalie Gottes. Also nicht allein, dass der jüdisch-christlich-islamische Gott nur einer ist, der einzige Gott überhaupt, der Monotheos, nicht nur dies macht es so schwer, ihn angesichts des Leides in der Welt zu rechtfertigen. Das wird noch viel schwieriger, wenn dieser Gott zugleich allgütig und allmächtig ist, und es kommt erschwerend hinzu, dass Gott auch allwissend, allgegenwärtig, ewig und unendlich ist, all dies gleichermaßen und zugleich: er ist ein Megalotheos. Die eben aufgezählten Übermaßeigenschaften oder Megalitäten wiederum werden problematisch erst durch ihre gleichzeitige Zuschreibung an ein und denselben Gott, an den Monotheos. Erst dann geraten diese extremen Alleigenschaften in Konflikt miteinander, führen sie sich (und damit Gott!) in den kniffligsten Gottesbeweisen praktisch selber ad absurdum. Wenn nämlich der Monotheos zugleich ein Megalotheos ist, also ein Monomegalotheos, dann knallen seine Allendlichkeiten so gegeneinander, dass kein liebenswerter, verehrungswürdiger und den Menschen dienlicher Gott mehr übrig bleibt.
Im Zuge philosophisch-theologischer Spekulationen kam es also zu einer übermäßigen Steigerung der verschiedenen Positivitäten Gottes, z.B. seiner Macht und seiner Güte, zu den Extremen der Allmacht und Allbarmherzigkeit, verbunden mit verschiedenen anderen Allendlichkeiten, und diese alle kumulierend in einem einzigen Wesen. Aber gerade diese Sicht verschärfte noch die Zweifel, die schon gegen den henotheistisch geglaubten Gott wegen seiner Willkür vorgebracht worden waren. Dabei ist einzuräumen, dass die dem Monomegalotheos zugeschriebenen Eigenschaften, so sehr sie jeweils als auf die Spitze getrieben erschienen, dennoch für sich genommen, quasi innergöttlich, vielleicht noch als widerspruchsfrei gelten könnten. Denn verbunden mit der weiteren Eigenschaft der Unerforschlichkeit und Unerklärbarkeit Gottes könnte dieser Gott diese und noch weitere Megalo-Attribute gleichermaßen aufweisen. Bei Gott ist eben nichts unmöglich! Auch keine mehrfache All-Eigenschafts-Zuschreibung! Wenn allerdings dieser so seltsam monströse Gott auch ein Gott der Menschen ist und mit ihnen zu tun hat, wenn sein Tun oder Nicht-Tun zentral den leidenden Menschen betrifft, dann wird seine multiple Allendlichkeit problematisch, dann erst kommen im leidenden Menschen die Konflikte auf, die zu den bitteren Anklagen und zu den angestrengten und notwendigerweise misslingenden Rechtfertigungsversuchen führen.