2.2.7.5.3. Aktive Bekämpfung der Andersgläubigen

Die Verwerfung der Anderen beschränkte sich in aller Regel nicht auf die bloß interpretative Distanzierung von ihrem (Un-)Glauben, sondern führte allzu oft zu den schlimmsten praktischen Konsequenzen. Das begann schon mit dem Einzigkeitsanspruch des Gottes Jahwe, der ja von diesem nicht nur deklamiert wurde, sondern in göttliche Handlungen gegen all die Menschen umgesetzt wurde, die es wagten, immer noch, weiterhin oder schon wieder andere Götter zu verehren. Dann schritt Gott schon selber ein, mit Dürre und Flut, mit Erdbeben und Vulkanausbrüchen, mit Heuschrecken- und Frösche-Plagen, mit Hungersnot, Seuchen, Krieg und massenhaftem Tod. Das Alte Testament ist voll davon, weitergeführt in den schlimmen Drohungen mancher Propheten. Aber das ist nur erkennbar für den, der die alten Texte so liest, wie sie im Original oder in einer guten Übersetzung geschrieben sind. Denn Gottes Untaten wurden über die Jahrhunderte schon von den Juden und später von Christen und Muslimen bis zur Unkenntlichkeit uminterpretiert und irgendwann nicht mehr so verstanden, wie es geschrieben steht. Stattdessen behaupten christliche "Interpreten" schlankweg, ihr Gott sei ein Gott der Liebe! Wie jeder aufmerksame Leser des Neuen Testaments wissen kann, gilt dies noch nicht mal für die dem Jesus selber zugeschriebenen Worte, denn Jesus konnte den Ungläubigen genauso grässlich drohen wie seine prophetischen Vorgänger!

Ein Meisterstück christlichen Uminterpretierens ist die schon wahnwitzig falsche Ableitung der Menschenrechte aus dem christlichen Glauben und schließlich aus der Bibel, so als wüssten die Interpreten nicht, dass schon das erste Verbot ("Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!") gegen das so zentrale Menschenrecht auf Freiheit der religiösen Orientierung und Religionsausübung verstößt. Aber das steht für diese Interpreten wohl auf einem anderen Blatt, wie überhaupt alle Widersprüche und alle Negativitäten auf anderen Blättern stehen und dadurch aus der Diskussion gezogen werden können. Wer dagegen, ohne verschleiernde und sinnumkehrende "Interpretationen" die alten Texte so versteht, wie sie geschrieben sind, dem bleibt gar nichts anderes übrig, als über ihren offenkundigen Inhalt entrüstet und empört zu sein! Das Gesagte gilt insbesondere für die schon alttestamentarische göttliche Anleitung zum Genozid des von Jahwe auserwählten Volkes an den kanaanäischen Vorbewohnern des "Gelobten Landes". Was in den alten Texten so ausführlich beschrieben wird, ist Massenmord und Landraub im Namen Gottes, und der jüdisch-christliche Apologetiker sollte sich nicht herauszureden versuchen mit dem alles exkulpierenden Hinweis auf die "Zeitgebundenheit" dieser alten Texte. Denn wenn sie in dem Maße zeitgebunden waren, dann taugen sie in ihrer Brutalität nicht als für heutige Menschen sinnstiftendes Wort Gottes. Solange aber das Alte Testament als von Gott inspiriertes heiliges Buch gilt, gibt es für den mündigen Leser nur eine Konsequenz: es ist dann unumgänglich, den göttlichen Autor und Akteur in seiner Machtfülle einzuschränken, und als allwissend, allmächtig und zugleich allgütig kann er nun wirklich schon lange nicht mehr gelten. Entscheidend ist aber, dass es Massenmord im Namen dieses selben Gottes bis heute noch gibt, was erkennen lässt, dass die von diesem Gott damals angebotenen Rechtfertigungen auch heute noch gern in Anspruch genommen werden.

Schon die sich als "Christen" verstehenden Jesuaner verfielen darauf, ihre jüdische Mutterkirche immer ungehemmter schlecht zu machen und sogar in einem Maße zu verteufeln, dass später Kreuzzüge ins Heilige Land (war es immer noch das Gelobte Land?), und noch später Pogrome und schließlich der Holocaust an den Juden nicht mehr als Mord an den eigenen Brüdern und Schwestern im Geiste verstanden wurden, sondern als berechtigte Vernichtung des ganz Fremden und ganz Anderen. Dazu gehört auch die schon im Mittelalter und noch einmal seit der Reformation verbreitete Intoleranz der christlichen Konfessionen und Sekten untereinander, die zur Vernichtung und zumindest Dezimierung ganzer "häretischer" Volksgruppen und zu mörderischen Glaubenskriegen zwischen Katholiken und Protestanten führte. Auch der Islam hat seine Auserwähltheit mit der Eroberung weiter Bereiche zwischen Marokko und Indonesien unter Beweis gestellt, und der Koran gibt viele Anleitungen, wie solche Kämpfe zu führen sind, um den Endsieg des rechten Glaubens zu sichern.

Es ist hier noch zu ergänzen, dass auch der in großem Umfang immer noch messianische Marxismus die Erlösung der proletarischen Massen immer wieder mal (nämlich wenn er die Macht dazu hatte!) mit brutalen militärischen Mitteln versucht hatte. Wir werden noch sehen, dass selbst der Hitlerismus und damit der Holocaust an den Juden ohne die christliche (häufig katholische) Herkunft der allermeisten Nazis und ihrer antisemitischen Ideologie kaum verständlich ist. Ein ganzes Volk und eine ganze Religion zu verwerfen ist nur noch nachvollziehbar als Ausdruck einer erbitterten Konkurrenz um Auserwähltheit. Auch alle weiteren "Retter" konkurrierten mit dem Erlöser Jesus Christus, wie er im Neuen Testament vermittelt wurde, sie alle sahen sich und ihre Anhänger als rechtgläubig an, und alle verdammten die jeweils Anderen als ungläubig oder als von Gott oder "der Geschichte" verworfen. Man muss schon Sohn eines Allmächtigen sein, um andere Söhne dieses Vaters so hassen zu können, bis zu der bösen Hoffnung, diese würden von eben diesem Vater verworfen werden, während man selber zu den Auserwählten gehört!

Ich will bei diesen Überlegungen keineswegs ausschließen, dass die Anfänge neuen monotheistischen Glaubens friedlich gewesen sein mögen. Aber mit zunehmender eigener Macht eskalierten die Auseinandersetzungen über Orthodoxie und "wirkliche" Auserwähltheit fast regelmäßig bis zum Einsatz immer brutalerer Mittel, und zwar sowohl bei den reformatorischen bis revolutionären Verfechtern der neuen Glaubensangebote, als auch bei den konservativen Bewahrern des vorherigen Glaubens. Mal waren es die Neuerer, die mit ihren Erlösungsversuchen Unheil über die Menschen brachten, mal waren es die Verteidiger des alten (genauer: des unmittelbar vorhergegangenen) Glaubens, die auch nichts Besseres wussten, als die Neuerer mit Feuer und Schwert, mit Verfolgung und Vernichtung zu bekämpfen. Die mittelalterlichen Versuche zur Realisierung ("Verifizierung") des "eigentlichen" jüdisch-christlichen Glaubens erwiesen sich faktisch jedoch als weitere Falsifizierungen: sie machten für alle kritischen Geister klar und deutlich, dass bei diesen Versuchen à la longue immer wieder Unheil, Terror, Not und Krieg herauskamen und sogar herauskommen mussten! Somit sprechen auch die Korrekturversuche gegen das, worauf sie sich beriefen: Gegen Gott, gegen dessen Offenbarungen, gegen Altes und Neues Testament, gegen die Traditionen der sich weiter entwickelnden jüdischen, christlichen und islamischen Religionen.