2.2.7.5.1. Beziehungen zwischen Sekten und ihrer Herkunftsreligion

Nach dem religionshistorischen Aufweis, dass das Christentum und der Islam der Herkunft nach jüdische Sekten sind und dass sie weiterhin ganz wesentlich den jüdischen Monotheismus fortsetzten, wenden wir uns nun einem mehr allgemeinen Problem der Religionswissenschaften zu und fragen: Was ist das eigentlich, was Menschen jüdischen Glaubens, seien es nun Juden im engeren Sinn oder Christen oder Muslime, so erbittert gegeneinander kämpfen lässt, bis fast zur Vernichtung der jeweils anderen Gruppe von Menschen jüdischen Glaubens? Warum sind gerade die christlich-islamischen Sekten des Judentums so besonders geneigt, die jeweils anderen Sekten und sogar die gemeinsame Mutterkirche zu verteufeln und schließlich bis zur Vernichtung zu verfolgen? Ich denke, dass die entscheidenden Gründe eng miteinander zusammenhängen. Sie sind diesen Religionen und ihren Sekten inhärent und systemimmanent, nämlich aus einer gemeinsamen Grundlage geschichtlich und systematisch ableitbar.

1. Der Hauptgrund für die aggressive Intoleranz der jüdisch-christlich-islamischen Großreligionen und ihrer Kleinsekten ist der im mosaisch-jüdischen Glauben fundamentale und von dort her den Nachfolgereligionen überkommene Monotheismus. Dieser war schon immer extrem autoritär und intolerant, angefangen mit dem ersten Gebot: "Ich bin der Herr, dein Gott", und dem ersten Verbot: "Du sollst keine anderen Götter neben mir haben", die mit anderen 9 Geboten dem Mose und seinen Israeliten auf dem Berge Sinai vom Gott Jahwe verkündet worden waren. Insbesondere das 1. Verbot hat weitreichende Konsequenzen, denn wenn es nur einen einzigen Gott gibt und auch keinen anderen Gott geben darf, kommt notwendigerweise das Problem auf, ob denn auch der Gott der Anderen oder nicht doch nur der eigene Gott mit dem einzigen Gott, dem Monotheos, identisch ist. Die Behauptung der Einzigkeit des eigenen Gottes hat somit zum korrelativen Pendant die Verwerfung aller anderen Götter, und darunter ggf. auch solcher, die gleichermaßen von sich selber behaupten (oder über die von ihren Propheten behauptet wird), dass sie die einzigen seien. Es könnte allerdings als eine Lösung dieses Konkurrenzproblems angesehen werden, wenn man gemeinsam davon ausgehen könnte, dass der jeweils andere Monotheos als mit dem eigenen Monotheos identisch aufzufassen ist, dies aber nur, wenn die verglichenen Eingötter in allen Hinsichten einander gleichen würden. Wenn aber der andere Monotheos, wie es in aller Regel der Fall ist, doch in bestimmten Hinsichten anders ist als der eigene Monotheos, dann erscheint er im Vergleich mit dem eigenen Gott doch als ein eher minderer Gott, und wird dann leicht zum Nicht-Gott, zumal ja der einzige Gott keinen anderen neben sich dulden mag, auch keinen, der ein bisschen anders ist: "Du weißt doch, dass du keinen, wenn auch noch so ähnlichen, anderen Gott neben mir haben sollst!" Wegen der Sprengkraft dieses Einzigkeitsanspruchs sind die Monotheismen nicht einfach Religionen wie alle anderen, sondern sie haben eine typische Charakteristik mit daraus ableitbaren ebenso typischen und oftmals sozial schädlichen Auswirkungen auf die daran glaubenden Menschen, auf ganze Gesellschaften, und schließlich auf die ganze Menschheit. So ist das erste Verbot für alle späteren Entwicklungen des Monotheismus prägend und bestimmend gewesen, und aus dieser Wurzel ergaben sich fast zwangsläufig alle Weiterungen, denen ich im Folgenden nachgehen möchte.

Beginnen wir daher mit der zunächst wohl ägyptischen (im Aton-Glauben des Echnaton), später mosaischen und dann allgemeinjüdischen Intoleranz gegenüber dem im gesamten Orient verbreiteten Polytheismus. Polytheistisch waren noch bis Echnaton und wieder nach ihm die Ägypter, noch bis Mose die Israeliten und weiterhin alle ihre mit ihnen sprachlich und kulturell verwandten semitischen Nachbarvölker. Die monotheistische Intoleranz gegenüber dem jeweils anderen Glauben fand später ihre Fortsetzung in der Intoleranz des Jesus gegenüber anderen jüdischen Glaubensrichtungen, deren Repräsentanten von ihm so schlecht gemacht wurden, dass die Formel "Pharisäer und Schriftgelehrte" zu einem Schimpfwort werden konnte. Inder Sicht des Jesus führte nur ein Weg, sein eigener, zum Heil: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!" Mit dem Anspruch, allein selig machend zu sein, war aber weiterhin die Tendenz verbunden, sich von der Mutterkirche zu distanzieren. Dass dies zur Konsequenz hatte, dass sich aus solcher Abspaltung hinfort noch weitere Sekten bildeten, soll später eingehender behandelt werden.

Der gleichfalls jüdisch fundierte und außerdem christlich beeinflusste Islam des Mohammed ist in Hinsicht auf den Monotheismus noch mosaischer als Mose: denn der hatte nur verboten, neben Jahwe noch andere Götter zu haben und deren Abbilder zu verehren. Dies könnte noch als henotheistisch verstanden werden: zwar gäbe es vielleicht noch andere Götter, aber diese sollten von den Israeliten auf keinen Fall verehrt werden. Mohammed dagegen geht streng monotheistisch davon aus, dass es überhaupt nur einen einzigen Gott gibt, und dass schon der (eigentlich untaugliche!) Versuch, ihm andere Götter "beizugesellen", eine schlimmste und mit extremsten Strafen zu bedrohende Sünde ist!

Die Christen nahmen dies offenbar nicht mehr so genau, hatten sie doch zugelassen, dass ihr Religionsstifter Jesus selber als Gottes Sohn neben dem Heiligen Geist in eine göttliche Dreifaltigkeit aufgenommen wurde. Aber auch dieser trinitarisch erweiterte christliche Gottvater und Herrgott hat nie irgendeine Eigenständigkeit anderer Religionen neben dem Christentum zugelassen, und die katholische Kirche ist in ihrem Herrschaftsanspruch die ungebrochene Fortsetzung des göttlichen Anspruchs auf Alleinherrschaft. Selbst wenn ein katholischer Theologe wie Hans Küng in seinem Buch "Wahrhaftigkeit" die Unfehlbarkeit des Papstes durch die "grundlegende Infallibilität, die Untrüglichkeit der (katholischen!) Kirche" zu ersetzen versucht (S. 176/177), ist der mosaische Ausgangspunkt in keiner Weise revidiert, sondern eher noch institutionalisiert worden. Es soll schon hier festgehalten werden, dass all das Andere, was dem Theologen Küng anscheinend so wichtig ist, wie Freiheit, Mündigkeit, Kritikfähigkeit, Gewaltenteilung, Mitbestimmung von unten usw., diesem autoritären Herrgott und seinen herrscherlichen Nachfolgern erst mühsam und unter Opfern abgerungen werden musste. Die Wurzeln der dem absolutistischen Monotheismus so ganz fremden Liberalität sind augenscheinlich außerhalb der mosaisch-jüdischen, christlichen und islamischen Traditionen zu finden und reichen bis in die ganz weitgehend egalitären Sozialbeziehungen der Sammler und Jäger zurück! Die christlichen Kirchen dagegen, nicht anders als ihre Sekten, sind weiterhin intolerante Anhänger des Ersten Verbots. Es mutet daher als etwas lächerlich an, wenn Hubertus Mynarek in kritischer Absicht den christlichen Großkirchen vorhält, sie seien in diesen Hinsichten noch schlimmer als die Sekten. Dadurch werden die heutigen Sekten um nichts akzeptabler und noch lange nicht zu etwas Gutem, wie Mynarek uns glauben machen möchte. Im Gegenteil, gerade im Vergleich der christlichen Großkirchen mit ihren Sekten werden die negativen Gemeinsamkeiten beider Organisationsformen christlichen Glaubens deutlich, nämlich insofern sie allesamt monotheistisch und damit gleichermaßen intolerant sind!

2. Sehr eng mit dem Glauben an den Monotheos verbunden ist ein zweites religiöses Phänomen, das zur Bildung intoleranter Sekten und zur Bekämpfung fremder Sekten führt, der Glaube an die Auserwähltheit der eigenen Gruppe durch den all-einzigen Gott. Dieser Glaube hat zur Folge, dass Sekten andere Sekten als "Sekten" bezeichnen und sogar bekämpfen, sich selbst dagegen als von Gott auserwählte Anhänger der rechtgläubigen Religion ansehen. Wenn der Monotheos überhaupt eine Gruppe von Menschen auserwählt hat, dann sind natürlich alle anderen, die nicht auserwählt wurden, schon dadurch als minder gut disqualifiziert worden und müssen schließlich als verworfen gelten. Denn sonst hätte Gott die einen gar nicht auszuerwählen brauchen. Wenn ein und derselbe all-einzige Gott die einen erwählt und die anderen verworfen hat, versetzt diese Differenz grübelnde und (ver)zweifelnde Menschen in ein nicht zur Ruhe kommendes Fragen: Bin auch ich auserwählt, sind wir wirklich auserwählt, und wer so fragt, möchte diese Frage natürlich bejaht wissen, denn daran hängt und darauf ruht seine ganze geistige Existenz. Also sucht und findet er Gründe, die seine eigene Auserwähltheit rechtfertigen, am sichersten über die direkte körperliche oder geistige Abstammung von einem, den Gott ursprünglich mal auserwählt hatte und mit ihm seinen Samen über alle Zeiten. In solcher Ahnenreihe werden üblicherweise nur die Männer aufgezählt, was ohnehin nahe liegt, weil Gott anscheinend selber ein Mann ist und bislang kaum einmal eine Frau persönlich auserwählt hat, außer vielleicht mal vorübergehend Maria, die Mutter seines eingeborenen Sohnes Jesus. Die Auserwähltheit kann also in der Zugehörigkeit zu einem Volk, z.B. zum auserwählten Volk Israel, bestehen, in einem auf direkter Erbfolge von einem auserwählten Stammesvater und seinem Samen beruhenden und bis zu seinen heutigen Nachkommen weiterbestehenden Verwandtschaftsverhältnis.

Die Auserwähltheit kann zweitens begründet sein in der Zugehörigkeit zum rechten (orthodoxen) Glauben, zu der durch den alleinigen Stifter und das richtige heilige Buch begründeten gottgefälligen Religion, und schließlich, etwas enger, zum dritten in der Zugehörigkeit zu den Menschen, die auch wirklich richtig an die richtige Religion glauben und ihre Gebote genauestens befolgen, d.h. so glauben und leben, wie es die vom Stifter der Religion abgeleitete geistliche Hierarchie einmal fundiert oder durch neue Interpretationen neu festgelegt hat. Es genügt dann nicht, der richtigen Religion bloß anzugehören, etwa durch die Taufe, durch öffentliches Bekenntnis und einigermaßen regelmäßigen Kirchgang; nein, man muss dem am Ende der Zeiten nochmals auswählenden Weltenrichter auch als ein wirklich Gerechter erscheinen, entweder von vornherein frei von Sünden (was es wegen der Erbsünde bei den Christen praktisch kaum gibt, außer vielleicht bei Maria), oder aber rechtzeitig von den Sündenstrafen absolviert und dann aufs Neue in den engeren Kreis der auserwählten Auserwählten aufgenommen. So etwas kann man wirklich als konsekutive und zugleich konsequente Selektion bezeichnen, und der oberste Weltenrichter braucht dazu gar keine Rampe, sondern kann die Selektion von seinem Thron aus vornehmen, denn er hat die uneingeschränkte Vollmacht, zu richten die Lebendigen und die Toten und zu trennen die Böcke von den Schafen!

3. Dass die Kandidaten für die Auserwähltheit so eifersüchtig auf dem Vorrecht bestehen, vom all-einzigen Gott vor allen anderen Menschen bevorzugt zu werden, das hat damit zu tun, dass die Auserwähltheit nicht nur ein abstrakter höchster Wert ist. Sie kann vielmehr mit verschiedenen Verheißungen verbunden sein, in denen dem Auserwählten ganz Konkretes versprochen wird. Das könnte schon mal die Annullierung der schlimmsten ewigen Höllenstrafen sein, aber noch motivierender ist die Verheißung eines "Gelobten Landes" in naher Zukunft, vor allem für landlose Nomaden, die um Weiden und Wasserstellen für ihre Herden konkurrieren müssen. Schon zu Lebzeiten (oder wenigstens für ihre Kinder und Kindeskinder) können die Auserwählten etwa erwarten, dass a) allein sie selber, und nicht irgendwelche anderen und deren Nachkommen, ein "Gelobtes Land" zu eigen bekommen, "wo Milch und Honig fließt", selbst wenn sie dazu die Vorbewohner dieses Landes erst aus ihm vertreiben oder sie versklaven oder gar töten müssen. Eine solche Verheißung hat den israelitischen Eroberern des Landes Kanaan eine von ihrem Gott Jahwe garantierte Generalvollmacht verschafft, praktisch alles tun zu können und vor allem zu dürfen, sogar zu sollen, was zur endgültigen Eroberung des Landes Kanaan und zur Vernichtung der Kanaanäer beitragen würde. So wird ein brutaler Eroberungs- und Vernichtungskrieg zur von Jahwe gebotenen und damit legitimierten "Landnahme" verharmlost, wobei unterschlagen wird, dass diese Landnahme ein Raubzug war, in dem die Eroberer Städte, Ölhaine und Weinberge, Quellen und Brunnen, Herden und Fischgründe, Wälder und Weiden an sich rissen und die Vorbewohner dieses reichen Landes versklavten, vertrieben oder sogar in Massen töteten, so wie es die Autoren des Alten Testaments ganz ausführlich und mit einigem Stolz schilderten. Dass in diesem Text vielleicht auch maßlose orientalische Übertreibungen enthalten sind, ändert nichts an der Verwerflichkeit solchen Tuns und seiner verbalen Übertreibung; so etwas gehört einfach nicht in ein "Heiliges Buch"!

Neben einem irdischen Land, das in seinen Grenzen definiert ist, etwa wie das Land Kanaan (an der Küste des östlichen Mittelmeers gelegen erstreckte es sich bis zum westarabischen Rift von der Bekaa-Ebene über das Jordan-Tal und das Tote Meer bis zum Golf von Akaba) gibt es b) auch die Verheißung eines irgendwo befindlichen irdischen Paradieses - das kann man dann auf der ganzen Erde suchen und schließlich finden und besetzen, nachdem man wiederum dessen Vorbewohner vertrieben oder umgebracht hat. So hatten auch spätere Monotheismen die Tendenz und selbstzugeschriebene Kompetenz, jedes Verhalten der Auserwählten, auch wenn es ganz offensichtlich inhuman ist und allen Menschenrechten Hohn spricht, zu rechtfertigen. Mit der Berufung auf den Willen Gottes, dieses all-einzigen Gottes, des allmächtigen Herrschers im Himmel und auf Erden, der sein eigenes Handeln vor keiner weiteren Berufungsinstanz verantworten muss, lässt sich die schlimmste eigene Aggressivität als "eigentlich" gut hinstellen. Auch in späteren Zeiten konnten Auserwählte sich auf solche Verheißungen berufen und im Namen Gottes "gerechte" Kriege führen und dabei verbrecherisch handeln: gewissenlos aus Übergehorsam, rücksichtslos im Bekehrungseifer und in der Eliminierung der Verworfenen. Das alles hat offenbar mit individueller triebhafter Angriffslust oder gar mit Frustrationsfolgen viel weniger zu tun als mit gottergebenem Gehorsam und mit der von diesem Gott geforderten Ächtung (statt Achtung!) alles anderen Glaubens.

Neben der Verheißung eines Gelobten Landes a) in Kanaan und b) anderswo auf unserer Erde kann Gott seinen Auserwählten c) ein jenseitiges Paradies versprechen. Für dieses Paradies bekommen nur die Auserwählten eine Eintrittskarte, wobei diese Eintrittskarten im Prinzip abgezählt sind, denn im Paradies ist nicht genug Platz für alle, sicher nicht für die Sünder und Ungläubigen. Man muss daher, wie schon in den beiden erstgenannten Fällen, wirklich dazu gehören, und man kann nur hoffen, dass Gott die Nicht-Auserwählten nicht doch noch hereinlässt, denn sonst könnte es eng werden im Himmel und die ganze Auserwähltheit hätte einem gar nichts gebracht. Vor allem, weshalb sollte wohl einer, der nicht nur durch Abstammung, und nicht nur durch die Zugehörigkeit zur richtigen Religion, sondern wegen seines aufrichtigen und unerschütterlichen Glaubens auserwählt worden war, sich noch zu Lebzeiten so sehr um gottgefälliges Verhalten bemühen, wenn auch Sünder und Ungläubige in den Himmel kommen? Merke: Die Auserwähltheit des einen setzt voraus, dass die jeweils Anderen verworfen werden. Das haben die Monotheisten schon immer so gesehen: "Zur Hölle mit den Ungläubigen!"