2.2.7.2. Die jüdische Ausgangsreligion

Das Judentum selber, also der mosaische Glaube, kann religionsgeschichtlich als Sekte eines primär ägyptischen Monotheismus verstanden werden kann, wofür schon die folgenden Tatsachen sprechen:

  1. dass der ägyptische König Echnaton lange vor Mose einen erstmals monotheistischen Glauben propagiert hatte,

  2. dass auch Mose wahrscheinlich ein Ägypter war,

  3. dass die von Mose aus Ägypten weggeführten Israeliten sich sowohl gegen den Marsch durch die Wüste als auch gegen den ihnen noch fremden Monotheismus gewehrt hatten, wovon ihr sprichwörtliches Murren und Hadern gegen Mose und gegen Jahwe Zeugnis ablegt, und

  4. dass es lange Zeit dauerte, bis in Israel die Reste des vorherigen Polytheismus beseitigt werden konnten.

Dies will ich hier nur einfach so hinstellen, ohne es noch näher zu begründen, was aber an anderer Stelle schon geschehen ist.

Ich will nun versuchen, religionsgeschichtlich zu begründen, dass wiederum das Christentum und auch der Islam jüdische Sekten sind. Um das im Einzelnen zu belegen, müsste ich eigentlich zuvor den jüdischen Glauben in seinen wesentlichen Aspekten und sogar in vielen Einzelheiten darstellen. Das wäre keineswegs in Kürze zu vermitteln, denn der jüdische Glaube ist seit jeher ein hoch komplexes Phänomen, mit einem geschichtlichen Nacheinander und einem zeitgleichen Nebeneinander verschiedener Glaubensformen, wie sie auch heute noch in den Unterschieden und sogar Gegensätzen zwischen jüdischen Fundamentalisten und aufgeklärt liberalen Juden erkennbar und auch politisch relevant geworden sind. Für meine Zwecke reichen aber auch schon gröbere Unterscheidungen aus, und ich beginne mit einer, die Crossan angeboten hat. Schon in der Zeit, bevor der Jude Jesus seine Botschaft verkündete, gab es neben einem exklusiven auch noch ein inklusives Judentum, und zwar so bezeichnet je nach der Stellung des Glaubenden zum Hellenismus. Der Auseinandersetzung mit der griechischen Kultur außerhalb und innerhalb des Judentums konnte sich kein Jude entziehen, und bei aller grundsätzlichen religiösen Exklusivität und Selbstabgrenzung der jüdischen Religion öffneten sich doch weite Teile des Judentums der hellenistischen Kultur, in der ursprünglich griechische Einflüsse mit Traditionen des Vorderen Orients und der sich ausbreitenden Römerherrschaft verschmolzen worden waren. Exklusiv, also der Tendenz nach den Hellenismus ausschließend (obwohl das gar nicht ganz gelingen konnte) war das an der Thora, am Tempel und am Gesetz orientierte rabbinische Judentum; dagegen waren inklusiv die verschiedenen Richtungen jüdischen Glaubens, die sich darauf einließen, verschiedene Anregungen aus der hellenistischen Geisteswelt in ihren Glauben und in ihre Lebensweise einzuschließen.

Abgesehen von solchen Unterschieden gab es dennoch Gemeinsamkeiten, in denen sich alle Juden einig waren, und die von ihnen in ihren Gebeten und Riten immer aufs Neue bekräftigt wurden: Der Glaube an den all-einzigen Gott Jahwe, an dessen Zehn Gebote, an die Auserwähltheit des Volkes Israel, an seine Rettung aus der ägyptischen Gefangenschaft durch Mose, an die Verheißung des Gelobten Landes und schließlich an das Erscheinen des Messias am Ende der Tage. Ich räume ein, dass diese Aufzählung einem gläubigen Juden als recht oberflächlich und unvollständig erscheinen mag, aber sie soll uns ja nicht zum tieferen Verständnis der jüdischen Glaubenswelt verhelfen, sondern nur als Grundlage dienen zur Klärung der Frage, ob Christentum und Islam bei ihrer Entstehung jüdische Sekten waren. Es sollte dann aber auch überprüft werden, ob beide vielleicht auch heute noch in ihren wichtigsten Glaubensinhalten als Sekten des jüdischen Glaubens zu verstehen sind. Und zwar wären sie nicht die ersten jüdischen Sekten, denn der Auserwähltheitsanspruch dieser Religion führte immer wieder zu der Versuchung, dass eine jüdische Teilgruppe sich für auserwählter hielt als der schäbige Rest der bisherigen Glaubensbrüder, der offenbar von Gott verworfen worden war.

Schon das Alte Testament, insbesondere die Thora (das sind im wesentlichen die Bücher Mose) ist voll von Geschichten über den Anspruch auf Auserwähltheit, zunächst im Streit der Brüder über das väterliche Erbe, angefangen mit Kain und Abel und damit auch mit Mord und Totschlag, fortgesetzt mit Jakob und Esau, also mit Erbschleicherei unter Anwendung unlauterer Mittel (Verzicht "um ein Linsengericht" und Täuschung des schon blinden und dahinschwindenden Erzvaters Isaak), weiter mit Josef und seinen Brüdern, wo Josef nur knapp dem Hungertod im ausgetrockneten Wüstenbrunnen entging, dafür aber als Sklave nach Ägypten verbracht wurde. Es war oft genug ein Streit um Leben und Tod, zumindest aber mit Verleumdung und Verteufelung des jeweils Anderen, mit üblen Unterstellungen gegenüber dem Konkurrenten und mit Bestechung derjenigen, die über das Erbe zu verfügen hatten und damit auch über den entscheiden konnten, der auserwählt war, das Erbe anzutreten.

Parallel zum 1. Gebot ("Du sollst keine anderen Götter neben mir haben") oder gar schon vor ihm, schien im Alten Testament eine Variante desselben zu gelten: "Ich bin dein erster (eingeborener) Sohn und ausgewählter alleiniger Erbe, und du, Vater, sollst keine weiteren Söhne und Erben neben oder gar vor mir gelten lassen. Wenn mein Bruder das nicht akzeptiert, wird er sterben müssen". Also nur der Eine ist als Erbe auserwählt oder er verschafft sich seine Auserwähltheit mit List und Tücke oder mit Gewalt, und der andere ist (bzw. die anderen sind) verworfen. An diesem Punkt der Einzigkeit sind der Auserwähltheitsglaube und das 1. Gebot (ich pflege es als das erste Verbot zu bezeichnen) eng miteinander verbunden. Die All-Einzigkeit des Gottes und die Auserwähltheit seines Sohnes, Nachfolgers oder Stellvertreters und des von diesem abstammenden Volkes oder der von ihm gestifteten Kirche sind von daher gemeinsam begründbar: Denn auch Jahwe bestand mal darauf, der einzige der Götter zu sein, und er duldete dann keinen anderen Gott mehr neben sich. Vielleicht hat er ja die anderen Götter nacheinander umgebracht, denn jede solche Konkurrenz um Auserwähltheit zwingt zur Entscheidung: Ich ja, und du nicht, tertium non datur!

Der Streit um Auserwähltheit zieht sich durch die ganze noch vorchristliche Geschichte des Judentums und hat wahrscheinlich zur Bildung vieler sektenartiger Gruppierungen beigetragen: vom orthodoxen (exklusiven) Judentum her gesehen hatten den Charakter von Sekten schon die Samaritaner, die sich nicht der streng orthodoxen Exilsfrömmigkeit angeschlossen hatten, ebenso später hellenistische Juden und solche, die syrisch-synkretistische Kulte ausübten. Nach dem Sieg der orthodoxen Makkabäer (gegen 141 v. Chr.) kam es zur Ausbildung verschiedener Religionsparteien: Die Sadduzäer waren die Vertreter der priesterlich-aristokratischen Führungsschicht; dann gab es Gruppen mit apokalyptischen und revolutionären Tendenzen, es gab die Essener und die Gemeinde von Qumran, dann auch die militanten Zeloten und Sikarier; schließlich die gemäßigten Pharisäer, vor allem Laien aus der Mittelschicht mit thoragelehrtem Bildungsideal und mehr realpolitischer Orientierung (also in heutiger Sicht: Realos), die von den extremen Gruppen (den damaligen Fundis) heftig kritisiert wurden, ähnlich wie später von Jesus. Aus den Niederlagen gegen die Römer gingen allein die pharisäischen Gruppen als handlungsfähig hervor. Als "rabbinische" Juden bestimmten sie mehr und mehr das eigentliche Judentum.

Das nachexilische Spätjudentum hatte deutliche Auswirkungen zunächst auf das Christentum und schließlich auch auf den Glauben des Mohammed und seinen strengen Monotheismus. Geistigen Einfluss auf das Christentum hatte auch Hillel (der Alte), 60 v.Chr. - 10 n.Chr., der als Vorsteher des Synedriums einer der bedeutendsten rabbinischen Gesetzeslehrer war. Nach ihm lässt sich das jüdische Gesetz in der "Goldenen Regel" zusammenfassen. Er lehrte schon vor Jesus und dem Christentum, dass das Gebot der Nächstenliebe die Erfüllung des jüdischen Glaubens sei. Auch andere Anschauungen, die wir gern als genuin christlich ansehen, wie der Glaube an die Auferstehung, an das Weiterleben nach dem Tode und an das Jüngste Gericht am Ende der Zeiten spielen schon im Spätjudentum eine große Rolle. Wie später das Christentum war schon das Spätjudentum hellenistisch bzw. persisch beeinflusst. Es sind aber nicht nur solche Neuentwicklungen, die den Charakter einer Sekte annehmen können. Es kann bei der Weiterentwicklung einer Religion auch passieren, dass die Anhänger der orthodoxesten Gruppen, die sich in ihren Anschauungen am wenigsten einer sich verändernden Welt anpassen konnten oder wollten, gerade wegen ihrer stur konservativen Einstellung in die Minderheit geraten und von der liberaleren Mehrheit als Sektierer betrachtet werden. Sektierer sind eben immer die, die von der Mehrheit als die "Anderen" erlebt und diffamiert werden!

Diese abkürzende Aufzählung vorchristlicher jüdischer Sekten habe ich im wesentlichen dem Brockhaus entnommen. Korrekturen und Ergänzungen sind willkommen! Tatsächlich sind im Judentum noch mehr verschiedene Gruppierungen, also jüdische Sekten, und noch mehr Typen von Führern zu unterscheiden. Wir müssen nämlich auch von einer zur Zeit des Jesus ohnehin großen Spannbreite verschiedener religiöser und politischer Rollentypen ausgehen; so gab es im Judentum auch schon vor und noch nach Jesus die verschiedensten apokalyptisch-chiliastischen Propheten, auch Lehrer und Rabbis, auch Magiere, Heiler und "Messiasse" (wie Crossan etwas despektierlich schreibt!), diese z. T. schwer abgrenzbar von den politischen Rebellen, Revoluzzern und Banditen dieser Zeit, alle diese sehr anschaulich von Crossan beschrieben. Jesus war zunächst nur einer unter ihnen. Die von ihm und seinen Jüngern und Nachfolgern gegründete jüdische Sekte der Jesuaner, die sich später "Christen" nannten, soll uns im folgenden näher interessieren.