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Ich möchte meinem Beitrag ein Motto vorausschicken, nämlich die Aussage eines Frankfurter Denkers namens Traxler, die da lautet: "Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche!" Da fragt man sich: Warum kritisieren Elche überhaupt Elche? Das muss doch Gründe haben! Elche kritisieren nämlich die anderen Elche nicht etwa, obwohl diese auch Elche sind, sondern sie tun das, weil sie selber Elche sind! Setzen wir für Elche die Worte Sektierer bzw. Sektenkritiker ein, dann kommen wir der Lösung des Problems schon etwas näher. Beide zeigen nämlich mit einem Finger auf die anderen, aber gleichzeitig mit drei weiteren Fingern auf sich selbst!
Das Wort "Sekte" gehört zum Wortschatz von Angehörigen und vor allem von Führungskräften der oft so genannten Hochreligionen, der großen Buchreligionen, der Groß-, Volks- und Amtskirchen, insbesondere der beiden großen christlichen Konfessionen, des Katholizismus und des Protestantismus. Die Betonung liegt hier offenbar auf "hoch" und "groß". Katholische und evangelische Christen der großen Amtskirchen neigen dazu, kleinere christliche oder auch außerchristliche Glaubensgemeinschaften abfällig und von oben herab als "Sekten" zu bezeichnen und deren geistlichen Führern und ihren Anhängern "Sektierertum" vorzuwerfen. Das gab mir Anlass, 1.) in einem ersten Ansatz religionswissenschaftlich der Frage nachzugehen, was eigentlich unter "Sekten" zu verstehen ist. Danach will ich 2.) religionsgeschichtlich zu begründen versuchen, dass das Christentum mit seinen beiden Großkirchen und auch der Islam ihrerseits als Sekten des jüdischen Glaubens zu verstehen sind. Zum 3.) und abschließend möchte ich untersuchen, woran es liegt, dass der jüdisch-christlich-islamische Glaube an den all-einzigen Gott so anfällig für Sektenbildungen und auch Sektenverfolgungen ist.
Zunächst möchte ich also verdeutlichen, was ich unter Mutter- und Tochterkirche, Ausgangsreligion und Sekte verstehe. Eine Klarstellung vorweg: ich verwende das Wort "Sekte" nicht abwertend als Schimpfwort, sondern wertneutral als religionswissenschaftlichen Begriff. Das ist nicht selbstverständlich, denn im Streit um rechten Glauben und Irrglauben sind Schmähworte von Anfang an und bis heute üblich. Ein paar Beispiele:
Wir selber glauben an Gott,
die anderen sind diversen Götzen, Abgöttern, Dämonen oder Teufeln verfallen;
unser eigener Glaube ist begründet in der wahren Religion,
die anderen sind im Irr- und Aberglauben befangen, sie sind daher eigentlich ungläubig;
wir haben einen wundertätigen Heiland und mit Wundern bezeugte Heilige,
bei den anderen betreiben Götzendiener bloße Magie und Zauberei;
wir haben Priester, Pfarrer und Geistliche,
die anderen haben Medizinmänner und Schamanen;
wir sind von Kindesbeinen an im rechten Glauben religiös erzogen worden,
die anderen sind schon als unmündige Jugendliche von Sektierern verführt worden;
wir sind aufgehoben in der Gemeinschaft unserer Kirche,
die anderen sind Sektenmitglieder.
Diese Doppelreihe lässt sich fortsetzen, aber solche Unterscheidungen sind auch in Bereichen außerhalb der jüdisch-christlich-islamischen Religionen weit verbreitet:
Wir bekennen uns zu unserer Weltanschauung, die anderen sind Gefangene ihrer Ideologie.
John Dominic Crossan (Der historische Jesus, Beck, München 1994) weist auf die Einseitigkeit solcher Unterscheidungen hin, die wir daher nicht weiterführen sollten. Stattdessen wäre eine wertneutrale Sachdefinition von Sekte notwendig, und um diese zu gewinnen, sollten wir etwas gründlicher vorgehen und etymologisch nach der Herkunft des Wortes "Sekte" fragen. Das Wort "Sekte" ist zunächst abgeleitet vom spätlateinischen Wort secta, das als philosophische Schule oder Richtung, auch Lehre oder Grundsatz zu verstehen war. Das Wort secta wiederum ist abgeleitet vom lateinischen Verb sequor "folgen". Man könnte die Sekte daher als "Gefolgschaft" eines religiösen, philosophischen oder auch politischen Führers verstehen, die diesem auf seinem neuen Weg zu neuen Zielen folgte (wie in biblischen Zeiten die Mose-Schar dem Mose folgte), oder aber: die Gefolgschaft, die sich im Unterschied zur Mehrheit von ihrem Führer auf einen altbekannten und immer noch allein richtigen früheren Weg zurückführen lässt. Inzwischen hat sich eine andere, etymologisch eigentlich inkorrekte, aber für den Augenschein noch plausiblere Ableitung durchgesetzt, ähnlich der des Fremdworts "Sektion": Im Lateinischen bedeutet seco "schneiden" und sectio bedeutet "das Abschneiden, das Abgeschnittene oder der Abschnitt", modern verstanden als Abteilung innerhalb eines Instituts, einer Organisation oder Behörde. Nach dieser etymologisch und begriffsgeschichtlich falschen Ableitung verwendet man das Wort "Sekte" als meist abwertende Bezeichnung für religiöse Gemeinschaften, die sich von ihrer Herkunftsreligion abgespalten haben, von ihr abgefallen sind und in wichtigen Aspekten ihres Glaubens weiterhin von ihr abweichen. Den Anhängern einer solchen Sekte wird dann vorgeworfen, dass sie die Gemeinschaft mit ihrer Herkunftsreligion und damit deren Einheit aufgehoben haben.
Beide Ableitungen, die richtige und die falsche, gehen von Verben aus, die Tätigkeiten wie das Nachfolgen (sequor) und das Abtrennen (seco) bezeichnen; damit wäre der anfängliche Vorgang zu betonen gegenüber dessen Ergebnis und seinen vielleicht noch lange nachwirkenden Folgen. Auch wenn dieser Vorgang, sich vom Alten abzutrennen und dem Neuen zu folgen, schon Jahrhunderte oder gar 2000 Jahre zurückliegt, wäre sein Ergebnis doch immer noch vom Anfang her zu verstehen: und dann wäre das Christentum wenigstens seiner Herkunft nach eine jüdische Sekte und der Islam sogar eine zugleich jüdische und christliche Sekte. Ich stelle also vorläufig fest, dass mit "Sekte" eine Glaubensgemeinschaft zu bezeichnen wäre, die sich von einer Mutterkirche abgespalten oder abgelöst hat, wobei jeweils die ältere, im Wesentlichen unverändert gebliebene Glaubensgemeinschaft als Mutterkirche, dagegen die jüngere, in einigen wichtigen Aspekten veränderte und insofern "neugebildete" Glaubensgemeinschaft als Tochterkirche oder Sekte zu bezeichnen wäre. Nach diesem von mir vorgeschlagenen Sprachgebrauch wäre der jüdische Glaube die Mutterreligion, als Mutterkirche organisiert, während das jesuanische Christentum die davon "abgefallene" (besser: abgezweigte) Sekte wäre. Später trennte sich von der ostkirchlich-orthodoxen christlichen Mutterkirche der römische Katholizismus als Sekte ab, und davon trennten sich noch später die Protestanten mit Luther, Calvin und Zwingli etc. etc. ab. So kann jede Sekte ihrerseits wieder zur Mutterkirche weiterer Unter-Sekten werden, die sich von ihr abgespalten haben.
So etwas zu behaupten galt im Christentum und im Islam lange Zeit als Sakrileg: denn die Führer und Angehörigen dieser Sekten sehen sich selber ja im Prinzip als rechtgläubig, dagegen die Gläubigen und Geistlichen ihrer jüdischen Herkunftsreligion als irrgläubig an, weil nämlich diese sich in ihrer Verstocktheit geweigert hätten, dem neuen Führer auf dem neuen Weg zu neuen Zielen zu folgen. Aber da ein solches Sakrileg heutzutage nicht mehr, jedenfalls nicht automatisch und nicht überall, mit dem Tode bestraft wird, können wir, statt uns durch Flucht oder durch Leugnung dieser Wahrheit der Strafe zu entziehen, uns einfach an die Arbeit machen, diese Behauptung ganz sachlich zu begründen. Diese Arbeit ist leichter zu bewältigen von einem, der sich weder mit der einen noch mit einer anderen der genannten Religionen identifiziert. Denn wer selber Jude oder Christ oder gar Muslim ist, sieht eher ganz gewaltige Unterschiede zwischen diesen Glaubensrichtungen und er sieht die eigene als die einzig richtige an. Wer dagegen wie ich selbst seinen eigenen Standpunkt gleich weit entfernt von diesen Varianten des Monotheismus hat, der ist nach gründlichem Studium dieser Glaubensrichtungen wirklich verblüfft über das hohe Ausmaß jüdischen Glaubensgutes im Christentum und sogar im Islam, und er kann deshalb versuchen, mit freundlicher Neutralität die Gemeinsamkeiten dieser einander so oft in Bruderkriegen befehdenden Glaubensrichtungen zu analysieren und darzustellen, ganz ohne das Gefühl, damit eine Sünde zu begehen oder etwas Böses und Verwerfliches zu tun, jedenfalls ganz ohne böse Absicht!