2.2.6.5. Die vier Zumutungen des Monotheismus

Der Monotheos, ob er nun Aton oder Jahwe heißt, geht inzwischen nicht mehr nur die Ägypter und über Mose auch die Israeliten etwas an. Nach seiner ersten Machtergreifung ist er über die Jahrtausende zum Gott eines Großteils der Erdbevölkerung geworden, und dies mit nicht nur religiösen, sondern auch politischen Konsequenzen, bis zur Vorherrschaft monotheistischer Christen und Muslime über weite Bereiche der bewohnbaren Erde, und ganz aktuell höchst problematisch bis zum erbitterten Streit der Israelis und der Palästinenser um das "Gelobte Land" mit seiner "Heiligen Stadt" Jerusalem. Monotheismen können für Menschen lebensgefährlich sein, haben sich vielfach als menschenschädlich erwiesen.

Die aufgezählten, zunächst auf Ägypten, Mose und Israel zentrierten Vorkommnisse haben sich damit im Verlauf der Geschichte zu vier Zumutungen gegenüber der gesamten Menschheit ausgewachsen:

Tatsächlich sind diese vier Zumutungen (wenn ich aus aktuellem Anlass noch mehr darüber in Rage komme, spreche ich von den "4 Unverschämtheiten"!) über die Jahrtausende und Jahrhunderte bis in unsere Tage als selbstverständliche Ansprüche des Monotheos und seiner Anhänger ungebrochen weitertradiert worden mit ganz weitreichenden Konsequenzen, die ich jetzt im Einzelnen kritisch beleuchten möchte.

1. Meine erste Kritik richtet sich gegen den Auserwähltheitsglauben. Da hat doch dieser Gott des Moses in überaus ethnozentrischer Weise das Volk Israel, die Juden, sie allein, als sein eigenes Volk auserwählt. Wenn Jahwe nur der Stammesgott der Israeliten gewesen und geblieben wäre, hätte man dies gut akzeptieren können.. Soll doch jedes Volk, wenn es dies will, wenigstens einen Gott ganz für sich haben und verehren, und mag doch jeder Gott jeweils ein Volk, das dann sein eigenes ist, ganz besonders lieben und beschützen! Das geht dann andere Götter und andere Völker gar nichts an, sie selber, nämlich ein bestimmter Gott und ein bestimmtes Volk, haben ja ihrerseits auch die Möglichkeit, miteinander einen Bund zu schließen und sich zusammenzutun. Aber dieser Gott Jahwe galt dann zugleich als der, der die ganze Welt und in ihr auch die Menschen (nicht nur die Juden!) erschaffen hatte, und er selber gab vor, der einzige Gott aller Menschen zu sein! Und doch hatte er unter diesen Menschen zunächst nur die Juden auserwählt! Diese Bevorzugung der Juden durch Gott ist übrigens vergleichbar der Bevorzugung des ältesten (oder des nach einigen Morden übrig gebliebenen einzigen) Sohnes der Familie, und auch mancher Usurpator behauptete später, gerade er sei von Gott auserwählt worden, das Land zu beherrschen, und noch heute geht einer, der mit Unterstützung durch die Seinen die Weltherrschaft anstrebt, am besten davon aus und verkündet es auch, gerade sein Volk und nur sein Volk sei zur Weltherrschaft berufen. Einen solchen Anspruch haben die jeweils übrigen Völker der Menschheit nie akzeptieren können, selbstverständlich nicht! Wie hätten sie auch akzeptieren sollen, dass ausgerechnet sie nicht auserwählt, dass sie vielleicht sogar von Gott verworfen worden waren! Im so naheliegenden Bezug auf die anderen Völker der Menschheit kann man die ausschließliche Adoption der Israeliten durch Mose und seinen Monotheos Jahwe, den Allerhöchsten, nur als provozierende Unverschämtheit ansehen.

Es gab allerdings schon seit alten Zeiten ein anscheinend probates Mittel, mit dieser provozierenden Ungerechtigkeit umzugehen: Statt der Israeliten bzw. Juden sehe man sich selbst und seinesgleichen als auserwählt an, und betrachte nunmehr die Juden oder deren jeweilige Nachfolger als von Gott verworfen. So haben es die Christen gegenüber den Juden gehalten: man brauchte nur noch an Jesus zu glauben und vergessen oder unterschlagen, dass dieser ein Jude war und damit dem ursprünglich auserwählten Volk angehörte, um sich selber als auserwählt fühlen zu können, und zwar ohne selber Jude sein zu müssen! Gerade das - ich bin versucht zu sagen: dieser Trick! - hat die Christen zu den Erben des Judentums gemacht, zu den von Gott auserwählten Erben mit entsprechend außerordentlicher Fülle des Segens und der Macht. Nicht anders verfuhren die Muslime mit den Christen und den Juden: nun war Mohammed der Prophet, und die Muslime waren das Volk Gottes; Juden und Christen waren nur noch Menschen "der Schrift". Aber es ging noch weiter: bei den Marxisten war das Proletariat das auserwählte Volk und später die Sowjetmenschen in der Heimat der Werktätigen, in der Sowjetunion, und nicht zu vergessen: bei den Nazis waren die "Arier" das auserwählte Volk, und Deutschland war "über alles, über alles in der Welt"!

Wir halten dagegen: Jede Bevorzugung eines auserwählten Volkes geht ganz eindeutig gegen das Menschenrecht auf Gleichwertigkeit, denn kein Mensch und keine Gruppe von Menschen ist wegen ihrer Auserwähltheit, ihres Glaubens, ihrer Schicht- oder Klassenzugehörigkeit oder ihrer "Rasse" besser als alle anderen, und gar diesen gegenüber zu bevorzugen. Keiner soll schon wegen seines Andersseins benachteiligt oder gar verworfen werden, auch von Gott nicht! Denn der Glaube an die eigene Auserwähltheit missachtet krass die Gleichheitsvoraussetzung, nach der alle Menschen wenigstens gleiche Chancen bekommen und vor Gericht (auch vor dem "Jüngsten Gericht"!) gleich gut behandelt werden sollen.

2. Die zweite Zumutung: Das zum Auserwähltheitsglauben komplementäre Gebot Gottes und seiner Priester, sich von den "Ungläubigen" (die nicht genau an diesen Gott glauben!) zu distanzieren, sie sogar zu verachten, zu hassen und zu verfolgen, verstößt wiederum gegen das Gebot der mitmenschlichen Solidarität. Daran ändert es gar nichts, wenn die Auserwählten gleichzeitig die Nächsten- und sogar Feindesliebe proklamieren, Das ist pure Augenwischerei, solange die Andersgläubigen nichts von einer akzeptierenden und achtungsvollen Zuwendung zu spüren bekommen, und solange ihnen verwehrt wird, weiterhin ihr eigenen Götter zu verehren. Über die längste Zeit der Geschichte des Monotheismus war doch eher der Spruch gültig: "Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein!" Der "Unglaube" ( = der andere Glaube) war schon dem Mose ein Ärgernis, und wurde von den Juden im eigenen Volk erbittert bekämpft, wie auch die im wesentlichen jüdische Sekte der Christen (darauf werde ich noch ausführlich eingehen) empfindlich-aggressiv auf jede Häresie, Ketzerei, Abspaltung etc. unter den eigenen Glaubensgenossen reagierte. Dazu gehört auch, dass Christen es fertig brachten, die Glaubensbrüder des Juden Jesus zu Gottesmördern zu erklären, schon unter Bezug auf das Johannes-Evangelium, aber auch auf spätere Verdammungen der Juden durch den Katholizismus und durch den älter gewordenen Martin Luther. Christen brachten es fertig, Kreuzzüge gegen die Muslime zu führen, die ja auch zur gleichen Glaubensfamilie gehören (schon Mohammed bezeichnete im Koran seine eigene Botschaft als den "Glauben Abrahams"!). Und wie hart bekämpften Sowjetmarxisten, deren Hoffnungen auf die vom Proletariat geführte Weltrevolution eine ursprünglich jüdisch-christliche Eschatologie und Chiliastik weiterführten, eben die Anhänger dieser Mutterreligionen als "Zionisten" und "Obskuranten" und mit erheblicher Behinderung ihrer Religionsausübung. Auch die Nationalsozialisten haben die ursprünglich jüdisch-christlichen Auserwähltheitsphantasien (diesmal die "Arier" als die auserwählte Rasse!) und Vorstellungen vom "Gelobten Land" (diesmal in Osteuropa!) übernommen und in eine neue nationalistisch-rassistische Form gegossen. Es ist ein Wahnwitz der Religions- und Weltgeschichte, dass die Nazis von dem kollektiven Wahn besessen waren, ausgerechnet in den Juden, von denen sie so viel übernommen hatten, den Hauptfeind der "arischen" Rasse zu sehen und einen erbarmungslosen Vernichtungskampf gegen sie zu führen. Der Völkermord an den Juden ist in der Tat keineswegs biologisch, etwa darwinistisch begründet gewesen, denn genau genommen waren gerade die Juden im darwinistischen Sinne bemerkenswert "fit", in manchen Hinsichten sogar "the fittest", nämlich individuell erfolgreich und als Volksgruppe vermehrungsfreudig. Biologisch gesehen wären gerade sie die Kandidaten für "survival" gewesen. Aber der Holocaust war nicht biologisch, sondern im Grunde theologisch motiviert: der Judenhass begann schon mit dem Evangelisten Johannes und breitete sich im Christentum immer mehr aus, wurde von Christen weiter geschürt und führte schon viele Jahrhunderte vor dem katholisch erzogenen Hitler zur Ghettoisierung, Unterdrückung, Ausplünderung und Brandschatzung der Juden in Pogromen, und zu ihrer Vertreibung und Ermordung im Namen des Dreifaltigen Gottes. Diese böse Saat hat Hitler nur noch ins Extrem wachsen lassen, und er hat den Judenhass zum Hauptpunkt seines Glaubens an die Auserwähltheit der "Arier" werden lassen. Darauf werde ich später ausführlicher zurückkommen.

3. Die dritte Zumutung, die fast schon aus der ersten und der zweiten Zumutung ableitbar ist, besteht darin, dass dieser Jahwe dem von ihm auserwählten Volk der Israeliten ein Land ("das Gelobte Land, wo Milch und Honig fließt") zur Beute, zur Eroberung und zum dauernden Besitz anbot, wohl wissend, dass dieses Land schon den Kanaanäern gehörte, und dass die Israeliten es den als "Ungläubigen" verteufelten Vorbesitzern erst mit Gewalt wegnehmen mussten, mit Jahwes tatkräftiger Hilfe. Und noch schlimmer: nicht dass sie das Land besiedeln durften, wurde ihnen von Jahwe zugesichert, sondern er befahl ihnen, dass sie es erobern sollten, und dass sie zu diesem Zweck die Vorbewohner nach Möglichkeit töten, zumindest aber vertreiben oder unterjochen sollten! Das alles ist im Buch Exodus und weiteren Büchern des Alten Testaments nachzulesen, und welche politischen Motive wohl dazu geführt hatten, haben wir weiter oben ausführlich diskutiert. Wenn mein Bezug auf diese Texte relativiert wird mit dem Hinweis, das dürfe man doch nicht so wörtlich nehmen, das seien Anschauungen und Sprechweisen einer lange zurückliegenden Zeit, dann halte ich dagegen, dass ich die Bibel ja nur wörtlich nehme, so lange sie als Gottes Wort hingestellt wird. Zumindest das sogenannte „Erste Gebot“ wird von Juden, Christen und Muslimen ohne jeden Zweifel wörtlich genommen, und die drei anderen Zumutungen meist auch. Die sogenannte "Landnahme" war tatsächlich, wenn man den Worten der Bibel glaubt, eine blutige Eroberung des Landes Kanaan mit hohen (in der Bibel immer wieder angeberisch herausgestrichenen) Verlusten in der Bevölkerung der kanaanäischen Städte und Landstriche. In heutiger Sicht, nämlich ohne Rechtfertigungszwang, sind die Bücher Mose über weite Passagen eine Anleitung zur ethnischen Säuberung und zum Völkermord, und Mose war derjenige, der dies vorbereitet und ermöglicht hatte, und zwar sehr autoritär: Er war der "Führer" auf dem Weg durch die Wüste, er erstickte jeden Widerstand (das "Hadern" und "Murren" der Söhne Israels) mit militärischer Gewalt und mit Jahwes Hilfe. Es galt schon damals das "Führerprinzip": "Mose befiehl, wir folgen Dir!" - und zwar auch dann, wenn die Israeliten den Sinn dieser Befehle gar nicht einsehen konnten, und diese Entbehrungen mit Hunger und Durst, Verlusten und Quälereien nicht mehr ertragen konnten und daher "wider den Stachel lökten".

Ein Gelobtes Land zu erobern, das noch von anderen Menschen bewohnt war und diesen gehörte, ist aber für heutige Betrachter, die sich ein unbefangenes Urteil erlauben können, ganz eindeutig ein Verstoß gegen die Menschenpflicht zur Solidarität (früher sagte man: Brüderlichkeit, aber wir sollten auch unseren Schwestern gegenüber solidarisch sein!), und zugleich ein Verstoß gegen die Menschenrechte auf leibliche Unversehrtheit und auf Schutz des Eigentums. Wir wissen heute (wir wissen es besser als damals der Gott Jahwe): Menschen sollten einander nicht bekämpfen und ermorden, einander das Land wegnehmen, den Glauben verbieten, einander vertreiben oder versklaven (all das haben Jahwe und in seinem ausdrücklichen Auftrag die Israeliten mit den Kanaanäern getan!), sondern sie sollen einander respektieren, einander Wohnrecht, Gastrecht, Lebensrecht gewähren, und vor allem auch das Recht auf den eigenen Glauben an die eigenen Götter!

Aber das schlechte Beispiel der Eroberung des Gelobten Landes hat im Verlauf der Weltgeschichte viele Nachfolger gefunden. Die auf den jüdischen Jahwe-Glauben folgenden und von ihm abgeleiteten christlichen und islamischen Monotheismen haben auf der Suche nach "gelobten Ländern" faktisch die halbe Welt erobert. Allein die christlichen Missionare und in engster Zusammenarbeit mit diesen auch die christlichen Herrscher haben ganz Europa "missioniert", von dort aus Nordasien erobert und christianisiert, auch Nord-, Mittel- und Südamerika, Süd- bis Zentral-Afrika, Australien, die Philippinen und einige Inselregionen im Pazifik. Zum Teil zeitgleich "missionierten" und eroberten die Anhänger Mohammeds und Gläubigen des Islam von Arabien (Mekka und Medina) ausgehend einen breiten mittleren Gürtel bis nach Marokko im Westen und Indonesien im Osten, bis zur Sahelzone Afrikas im Süden, sowie Albanien und die türkisch-muslimischen Reiche im Süden Russlands. Militant sind Muslime noch immer in Afghanistan, in Persien und im Irak, in Libyen und Algerien und z. Zt. auf Timor.

Zu Opfern vor allem der Christen wurden lange Zeit die von ihnen so genannten "Gottesmörder", die Juden, die vor Pogromen und Vertreibungen von einem Land ins andere flüchten mussten, erst von den Mittelmeerländern ausgehend nach West- und Mitteleuropa, dann nach Osteuropa mit einem Schwerpunkt in Galizien, von dort z.T. wieder zurück nach dem Westen, bis sie schließlich überall dort in Europa, wo deutsche Heere einmarschiert waren und SS-Einheiten der Juden habhaft werden konnten, in Sammellagern konzentriert und schließlich in Vernichtungslagern in Millionenzahl ermordet wurden. Aber nicht nur Juden waren Opfer des Hasses gegen Ungläubige: Christen verfolgten auch Christen (Häretiker, Ketzer, etc.), rotteten ganze "Sekten" aus, führten jahrelange Religionskriege zwischen Katholiken und Protestanten in Frankreich (Hugenottenkriege) und in Deutschland (30-jähriger Krieg), und einige von ihnen können einander bis heute nicht in Frieden ihrer Version des gemeinsamen Glaubens nachgehen lassen. Es ist weder ein Zufall noch bloß klassentheoretisch oder "historisch" erklärbar, dass in Nordirland so lange schon Katholiken und Protestanten in einem erbitterten Bürgerkrieg gegeneinander kämpfen, und ähnlich im ehemaligen Jugoslawien die orthodoxen Serben gegen die katholischen Kroaten (und umgekehrt!), gegen muslimische Bosnier (die praktisch die gleiche Sprache -serbokroatisch - in Wort und Schrift verwenden) und gegen die muslimischen und außerdem albanisch sprechenden Kosovaren. Aber die Muslime können es auch noch: so bekämpften muslimische Indonesier die christlichen Bewohner von Timor, kämpften muslimische Pakistani und hinduistische Inder um Kaschmir, kämpfen muslimische Palästinenser und jüdische Israelis um dasselbe "Gelobte Land" mit derselben Heiligen Hauptstadt Jerusalem/ElQuds.

Schon das auf die jüdische Religion folgende und von ihr direkt ableitbare Christentum und ebenso der Islam tragen die Schuld am Tod von -zig Millionen Menschen, die Opfer von "Missionierung" und Eroberung geworden waren. Aber auch sie fanden noch Nachfolger, zuerst im Marxismus und seiner kommunistischen Weltrevolution, der es primär um die Befreiung des Proletariats aus den Fesseln des Kapitalismus ging, die aber keineswegs auf Gewaltanwendung verzichtete, wenn es darum ging, ein Nachbarland vom Kapitalismus zu erlösen. Allein in Russland hat diese Revolution viele Millionen Todesopfer zur Folge gehabt, und in China und besonders in Kambodscha unter Pol Pot kamen viele Millionen dazu. Alles in allem haben die Monotheismen und die davon ableitbaren Mono-Ideologien der Menschheit nichts Gutes gebracht, sondern vieltausendfaches Leid bewirkt, alles zur höheren Ehre Gottes und für den Sieg der einzig und allein guten Sache!

4. Ich komme nun zu der in dieser Aufzählung vierten, eigentlich aber ganz primären und grundlegenden Zumutung. Erst jetzt, liebe Leserinnen und Leser, geht es richtig an die Wurzel, und das könnte wehtun, vor allem weil diese Wurzel ein Herd und Verursacher vieler Beschwerden ist und daher gezogen werden sollte! Meine Hauptkritik richtet sich in aller Grundsätzlichkeit gegen das erste Gebot des Dekalog (der 10 Gebote). Ich wiederhole noch einmal seinen für den Monotheismus grundlegenden Inhalt: "Ich bin der Herr, dein Gott (Jahwe), und du sollst keine anderen Götter neben mir haben". Das ist wirklich eine Zumutung, und Polytheisten konnten dieses Verbot (das "Erste Verbot"!) sogar als unverschämt erleben. Man stelle sich vor, jemand verbiete in einem erzkatholischen Land, etwa gar im Vatikan, die Heiligenverehrung: dann gäbe es keinen Heiligen Christophorus mehr zum Schutz für das "Papamobil", keinen Rochus gegen Pest, Cholera und Aids, keinen Blasius gegen verschluckte Gräten und Halsentzündungen, keinen Hl. Sigmund gegen das Vergessen, Verlegen und Verpassen (oder hieß dieser Heilige doch anders, war er einer von den 14 Nothelfern?). Man stelle sich vor, die Verehrung der Gottesmutter Maria in Tschenstochau, in Fatima und im Vatikan wäre verboten worden, man dürfe den Heiligen Geist nicht mehr um Erleuchtung bitten, es dürfte kein kruzifixierter Jesus mehr angebetet werden, sondern nur noch Gott der Allmächtige selber! Das wären herbe Einschränkungen, mit einem Rundumschlag gegen alle Volksfrömmigkeit und gegen die geltende Trinitätslehre; ein solches Verbot wäre nicht nur wenig menschenfreundlich, sondern sogar ausgesprochen menschenfeindlich. Und welche Zumutung und sogar Unverschämtheit war das erste Verbot schon seit jeher gegenüber den Angehörigen der vielen Stammesreligionen und gegenüber jedem polytheistischen Pantheon, aber auch gegen Hinduisten und Shintoisten, Buddhisten und Konfuzianern!

Die Kritik gegen das 1. Verbot ist nicht nur von anderem Glauben her zu begründen. Da könnte man ja immer noch argumentieren, der eine glaube dieses, der andere eben etwas anderes, und so könne auch einer an den all-einzigen Monotheos glauben. Dieser Relativierungsversuch geht aber ins Leere, weil das 1. Verbot an alle Menschen gerichtet ist, von denen niemand irgendwelche andere Götter neben Jahwe haben soll. Insofern widerspricht das Erste Verbot ganz krass dem Menschenrecht auf Freiheit der religiösen Selbstbestimmung. Der absolute Gehorsam ausschließlich gegenüber diesem Gott hebt die menschliche Freiheit auf, und ist damit ein Verstoß gegen das allgemein anerkannte Gebot, die Menschenwürde zu achten. Der Anspruch dieses Gottes auf Alleinverehrung, als Gottesrecht verstanden, missachtet die Menschenrechte. Da kann ich nur unter Protest ausrufen: "Was gehen diesen Gott meine Götter und Göttinnen an!" Ich selber habe nämlich gar nichts gegen Götter, bin auch kein Atheist, übrigens auch kein Antichrist: über eine lange Zeit meines Lebens hielt ich mich für einen Jesuaner, für einen Anhänger des Juden Jesus von Nazareth! Ich würde niemals behaupten wollen, dass es keine Götter gibt, und natürlich auch nicht, dass es keinen Monotheos gibt. Denn Ihren Gott, lieber Freund und liebe Freundin, gibt es doch ohne jeden Zweifel! Oder zweifeln Sie etwa daran? Und die Götter der anderen Menschen gibt es natürlich auch, da bin ich mir genau so sicher. Denn auch diese Menschen glauben fest daran! Es geht mir also gar nicht darum, ob es einen Jahwe, oder einen Vater von Jesus oder einen Allah wirklich gibt oder nicht, sondern vielmehr darum, dass es einen Monotheos als all-einzigen Gott nicht geben sollte! Mich interessieren Gottesbeweise so wenig wie Gotteswiderlegungen, eigentlich beides gar nicht. Mein Anliegen ist es, dass wir Menschen uns mit dem Anspruch des Monotheos, der all-einzige zu sein, nicht weiter herumärgern müssen. Ich erhoffe mir sogar, dass Menschen es schaffen können, ihren jeweils eigenen Gott zu verehren, ohne gleichzeitig alle anderen Götter zu verachten oder zu negieren. Im Götterhimmel haben Jahwe und Allah Platz, auch der Vater von Jesus, und auch noch Jesus zu seiner Rechten. Und ob dies nun drei oder sogar vier bis fünf sind oder doch nur einer, das interessiert mich nicht. Wenn es nur einer ist, hat er eben dadurch noch mehr Platz neben den anderen Göttern!

5. Neben diesen vier Zumutungen (Auserwähltheit, Hass gegen die Ungläubigen, Verheißung des Gelobten Landes, Monotheismus), auf die ich noch zurückkommen werde, gibt es noch ein paar weitere, davon ableitbare Zumutungen: Es gibt das eine, wiederum für alle verbindliche Buch: die jüdische Thora, ein Teil unseres Alten Testaments, mit dem christlichen Neuen Testament zur "Bibel" zusammengefasst, und ähnlich auch der islamische Koran, der übrigens ganz enge Beziehungen zu den erstgenannten Büchern hat und sich vielfach auf Adam, Noah, Abraham und andere Erzväter beruft, auch auf Jesus, den Sohn der Maria. Aber: für eine Religion nur ein Buch, und nur in diesem einen heiligen Buch findet man die eine göttliche Offenbarung, und zwar für alle Menschen! Das ist nicht akzeptabel.

6. Es gibt zumindest im Katholizismus die eine, katholische (allumfassende!), alleinseligmachende christliche Kirche mit ihrem jeweils einen unfehlbaren Papst an der Spitze;

7. und es gibt den Anspruch der christlichen Kirchen und des Islam auf Missionierung der ganzen Welt (jede Richtung beansprucht dies natürlich nur für sich selbst!).

Und mit all diesem verbunden gibt es den Fundamentalismus in allen Spielarten, einen jüdischen, christlichen, katholisch-integralistischen, evangelisch-fundamentalistischen, islamistischen und noch andere. Es gibt nämlich fundamentalistische Religionskopien auch noch im Marxismus-Leninismus-Stalinismus-Maoismus, und Hitler mit seiner Nazi-Ideologie gehört auch dazu.