2.2.6.3. Mose, ein Missionar des ägyptischen Monotheismus

2.2.6.3.1. Vorbemerkung

Wenn ich im Folgenden eine eigene Sicht der Rolle des Mose beim „Exodus“ der Israeliten aus Ägypten vortrage, könnte ich mir den Vorwurf zuziehen, dass ich damit zugleich an eine Grundlage monotheistischen Glaubens der Juden, Christen und Muslime rühre. Das ist aber nicht meine Absicht. Ich bin mir nämlich mit allem Respekt dessen bewusst, dass große Anteile der Weltbevölkerung an ihren jeweils all-einzigen Gott glauben, der ursprünglich den Israeliten von Mose verkündet worden war. Daher betone ich, dass ich mit meiner Argumentation nicht beabsichtige, den einen oder anderen Glauben an den Monotheos anzugreifen, insbesondere nicht seine kultische Verehrung, die durch das Menschenrecht auf Religionsfreiheit, welcher Religion auch immer, ganz ausdrücklich geschützt wird und von jeder religionswissenschaftlichen Argumentation unberührt bleibt. Das soll uns aber nicht daran hindern, weiterhin zentrale Probleme der Religionswissenschaft in offener Diskussion anzusprechen und zu versuchen, sie zu klären.

Meine Bitte um Nachsicht ist auch durch meine Befürchtung begründet, dass ich im Folgenden mit bestimmten Formulierungen, die sich kritisch auf das Alte Testament und insbesondere auf Mose beziehen, den (in Wirklichkeit unbegründeten) Verdacht auf mich ziehen könnte, ein Antisemit zu sein. Ein solcher Vorwurf ist mir tatsächlich schon gemacht worden, und ich meine, dass man solchen Vorhaltungen am besten mit Offenheit und wissenschaftlicher Redlichkeit begegnen kann. Im Folgenden werde ich daher verständlich zu machen versuchen, weshalb ich weit davon entfernt bin, ein „Antisemit“ zu sein.

  1. Im biographischen Teil der Einführung in die Homepage habe ich berichtet, dass ich als Kind eine Zeit lang davon überzeugt war, mein eigentlicher Vater sei ein Jude, und dass ich stolz darauf war.

  2. Ich kann schon deshalb kein "Antisemit" im Sinne der Nazi-Ideologie sein, weil ich natürlich weiß, dass es keine "semitische Rasse" gibt, dass das Wort "semitisch" vielmehr eine Sprachengruppe kennzeichnet, zu der u.a. das Jüdische (hebräisch, aramäisch, das heutige Ivrit) und die verschiedenen arabischen und weiteren damit verwandten Sprachen gehören. Ich habe nichts gegen fremde Sprachen, auch nicht gegen die semitische Sprachengruppe. Diese ist übrigens, was die Nazis noch nicht wussten, aller Wahrscheinlichkeit nach über eine „nostratische“ Ausgangssprache mit der indoeuropäischen Sprachengruppe, zu der auch die nordindischen arischen Sprachen und die germanischen Sprachen gehören, urverwandt (siehe 4. Anthropologie, 02. Altsprachen).

  3. Ich habe auch nichts gegen das jüdische Volk, weder gegen Israelis noch gegen Deutsche jüdischer Herkunft und jüdischen Glaubens. Im Gegenteil, ich verehre viele jüdische Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller, ganz besonders etwa Stanislav Lem und Norbert Elias, um nur zwei zu nennen. In der jüdischen Gemeinde von Marburg war ich gern zu Gast und ich bin mit einem Juden israelischer Nationalität seit Jahrzehnten befreundet.

  4. Meine Kritik richtet sich nur gegen einen ganz bestimmten, wenn auch entscheidenden Aspekt der jüdischen Religion und ihrer christlichen und islamischen Abkömmlinge, der den Israeliten, wie sie sich selber nannten, offenbar selber zunächst fremd war, gegen den Monotheos. Denn auch die Israeliten waren zunächst polytheistisch, bevor sie von Mose monotheistisch missioniert und schließlich, nach Überwindung einiger Widerstände, zum Eingott-Glauben bekehrt worden waren.

  5. Die Juden haben unter diesem Glauben, besonders unter ihrer Auserwähltheit durch Jahwe, den Weltenschöpfer, in ihrer ganzen Geschichte sehr leiden müssen. Vom Anfang ihrer Bekehrung an wurden sie bekämpft, verfolgt, in die Diaspora vertrieben, dort in Pogromen gequält, gebrandschatzt, ausgeraubt und getötet, zuletzt im denkbar größten Maßstab durch den von deutschen Nazis und ihren Helfern an ihnen verübten Massenmord und Genozid. Die auserwählten Juden sind ein leidgeprüftes Volk.

  6. Viele Nichtjuden sind dem Auserwähltheitsanspruch der Juden mit einem eigenen Anspruch entgegengetreten, selber Auserwählte, Erlöste, sogar Erlöser und Alleinherrscher sein zu wollen, zuletzt noch in unserer Zeit Adolf Hitler, dessen tiefer Neid auf die Juden in einen Hass auf sie umschlug bis zur Vernichtungsorgie der Schoah. Manche Juden konnten sich noch nach den USA und nach Israel, ihrer neuen Heimat, retten, aber unter welchen Gefahren und weiterbestehenden Konflikten! Ich wünsche den Juden so sehr, dass sie doch noch ihren Frieden mit den Palästinensern finden und sich darauf einrichten können, das "Heilige Land" und (Jahwe und Allah mögen es zulassen!) Jerusalem mit ihnen zu teilen, und nicht mehr auserwählt sein zu müssen.

Also: bin ich ein Antisemit? Ich bin es nicht, und ich hoffe, dass Sie das auch so sehen. Dann können Sie besser aufnehmen, was ich im Einzelnen gegen Mose, den Mann aus Ägypten, wie er in der Bibel heißt, und gegen seinen Monotheismus, den er den Israeliten vermittelt hatte, einzuwenden habe. Ich muss jetzt nämlich ein paar Dinge ansprechen, die der eine oder die andere unter Ihnen vielleicht nicht gut ertragen kann. Aber ich kann es Ihnen leider nicht ersparen.

 

2.2.6.3.2. Mose, der Ägypter

Im Folgenden riskiere ich eine Spekulation, wie Echnatons Atonglaube nach seinem Tode und nach der in Ägypten erfolgten Restauration des alten Pantheon dennoch weiterbestehen und sich weiter umwandeln und bis zur Weltgeltung ausbreiten konnte. Dabei gehe ich wie die meisten Fachleute davon aus, dass Mose ein ägyptischer Name ist, und dass darüber hinaus derjenige, der uns in der Thora der Juden (den vier Büchern Mose unseres Alten Testaments) als Mose überliefert wurde, selber ein Ägypter war. Wie Tehuti-mose (Thutmosis), Ptah-mose, Ra-mose (Ramesse, Ramses), Ach-mose (Amosis), Ka-mose, Amen-mose (Amenmesses), Pra-mose (Pramesse) und Setech-mose, um nur die Bekanntesten zu erwähnen, hatte er einen theophoren (gottbezogenen) Namen, der unter Weglassung des Gottesnamens dann auf -mose abgekürzt worden war, also einfach "Sohn" hieß. Auch bei uns nannte man Söhne gern nach Kaisern und Königen, so etwa Friedrichsen, Willemsen, Hinrichsen oder Karlsson, oder auch einfach nach den Vornamen ihres eigenen Vaters. Ich gehe weiterhin davon aus, dass Mose selber ein Aton-Anhänger aus guter, vielleicht sogar königlicher Familie war, dessen Glaube nunmehr in Ägypten verfemt war, und zwar nicht als Glaube an einen Gott namens Aton, sondern als der Gaube daran, dass Aton der einzige Gott sei. Ich "erfinde" dazu ein Szenario mit wenigen zusätzlichen Annahmen, die vieles weitere, was in der Bibel überliefert wurde oder was man inzwischen aus anderen Quellen wissen kann, zu einem stimmigen Zusammenhang ergänzen können, wie bei einem Puzzle, bei dem nur wenige hinzugedachte Steine genügen, um alle übrigen als zu einem geschlossenen Bild stimmig zusammenpassend erkennen zu können. Zu der hier vorgebrachten Deutung passen nämlich einige biblischen Aussagen und Details, die für sich genommen widersprüchlich bzw. schwer verständlich sind.

Bei meiner Rekonstruktion gehe ich weiterhin davon aus, dass tatsächlich ein "Mose" die "Israeliten" aus dem Ägypterland nach Kanaan geführt hatte. Nur frage ich im Hinblick auf diese Unternehmung: Cui bono? Wem (dient es) zum Guten, wer hat davon den Vorteil? Und das meint nicht allein: wem hat es tatsächlich etwas gebracht, sondern schon früher ansetzend: wer alles konnte sich davon einen Nutzen versprechen, und zwar welchen? Wohlgemerkt: es konnten mehrere Mächte bzw. Personen daran interessiert sein, die jeweils verschiedene eigene Ziele verfolgten, die aber alle zusammen mit der einen Unternehmung, dem Auszug der Israeliten aus Ägypten und ihrem Einzug in Kanaan realisiert werden konnten: Sieben Fliegen mit einer Klappe!

Daher als erstes die Frage: Was hatten die Israeliten - vorweg - von ihrem Auszug aus Ägypten zu erwarten? Eigentlich gar nichts Positives, sondern eher Negatives!

  1. Es würde sich damit nur die Vertreibung aus dem Paradies (aus dem Nildelta) wiederholen.

  2. Sie müssten dann "die Fleischtöpfe Ägyptens" verlassen, also die vielen Vorzüge, deretwegen sie ja als Hyksos nach Ägypten gezogen waren, und selbst als sie zum Tempelbau hinzugezogen wurden, ging es ihnen gar nicht so schlecht dabei.

  3. Sie riskierten bei ihrem Auszug, in Sümpfen zu versinken und von einer Flut ertränkt zu werden.

  4. Sie riskierten, in der Wüste zu verdursten und zu verhungern.

  5. Sie liefen Gefahr, noch vor dem Erreichen der Milch und des Honigs des Gelobten Landes von nomadisierenden und räuberischen Wüstenstämmen angegriffen und aufgerieben zu werden. Das Bündnis des Mose mit den Midianitern hatte ihnen allerdings einigen Schutz dagegen verschafft.

  6. Sie riskierten, im Angriff auf das reiche Kanaan mit seinen mächtigen und gut befestigten Stadtstaaten den Kürzeren zu ziehen. Immerhin hatte Kanaan den Vorteil der kürzeren Versorgungswege, der näheren Brunnen oder Quellen, der reicheren Vorräte, und der Verteidigung der eigenen Heimat. Es ist daher wirklich ein Wunder (ob mit oder ohne Gottes Hilfe!), dass die Israeliten es dennoch geschafft hatten, einen Großteil von Kanaan zu erobern, wenn auch wohl anfangs, wie ich meine, nur mit Unterstützung durch die Ägypter, später aber zunehmend mit eigenen Kräften.

Da also der vorweg erwartbare Nutzen nicht bei den Israeliten liegen konnte, frage ich weiter: Was konnten sich die Ägypter von einem Auszug der Israeliten aus Ägypten und von ihrer Eroberung des Landes Kanaan und möglicherweise gleichzeitig von einem Verschwinden oder gar Untergehen des Mose versprechen? Welche Last konnte Ägypten loswerden wollen, welcher Bedrohung konnte der ägyptische König zu begegnen versuchen? Es waren vor allem zwei Gefahren, mit denen Ägypten zu rechnen hatte, erstens die immer neue externe Bedrohung durch die semitischen Nord-Ost-Völker ("Hyksos") und ggf. durch ihre noch weiter nördlich lebenden Konkurrenten (Hethiter, Mitanni etc.) und zweitens die interne Bedrohung durch einen wiederauflebenden Aton-Glauben, der Ägypten unter Echnaton schon einmal an den Rand des Abgrundes gebracht hatte. Beginnen wir mit dem ersteren: die semitischen Völker konnten am ehesten dadurch geschwächt und schließlich als Bedrohung ausgeschaltet werden, wenn sie sich gegenseitig aufrieben. Dann wäre fürs Erste die Gefahr gebannt, dass sie wie die Hyksos der 15./16. Dynastie Ägypten erobern und für lange Zeit dominieren könnten! Durch Bruderkriege vom gemeinsamen Feind oder Eroberungsziel, von Ägypten, abgelenkt, könnten sich dann Midianiter, Moabiter, Amoriter, Israeliten, Assyrer etc. um so heftiger gegenseitig an die Gurgel gehen. Dies war nicht nur für die Ägypter wünschenswert, sondern lag auch im Interesse der Nordvölker wie der Hethiter und Mitanni und Elamier, die selber davon profitieren konnten, an ihrer Südgrenze keine starke semitische Militärmacht mehr zu haben, sondern nur schwache und miteinander zerstrittene Fürstentümer, die einander in Bruderkriegen aufrieben, vergleichbar den untereinander zerstrittenen Afghanen zwischen Russland, Pakistan (dahinter zeitweise die USA!) und Iran, und vergleichbar den verschiedenen kurdischen Parteien im Wetterwinkel zwischen Türkei, Iran, Irak und Syrien.

Fragen wir also ganz direkt nach den möglichen Motiven des "Pharao", des Königs von Ägypten. Welches Interesse hatte der "Pharao" am Auszug der Israeliten aus Ägypten unter der Führung des Mose, und zwar ein Interesse, das so stark war, dass er sich dazu bereit fand, zu diesem Zweck so oft und so lange mit Mose zu verhandeln, bis dieser endlich mit dem Auszug begann? Das erste Interesse des Königs war, die Israeliten, diese 5. Kolonne und wirtschaftliche Macht (dies schon seit Joseph und seinen Finanzmanipulationen) loszuwerden. Er könnte dem Offizier oder gar Feldherrn Mose befohlen haben: "Du sollst die Israeliten mit allen Mitteln vertreiben, damit wir sie loswerden!" Mose konnte geantwortet haben: "Ich werde sie weglocken und aus Ägypten herausführen, wenn ich die dafür nötigen Kompetenzen und Mittel bekomme: die Befehlsgewalt über die Israeliten, die logistische Unterstützung und den anfänglichen Begleitschutz durch die Ägypter, und eine volle Kriegskasse!" So jedenfalls würde verständlich werden, dass die Ägypter die "aus der ägyptischen Gefangenschaft befreiten" Israeliten sogar noch "freiwillig mit Wertsachen beschenkten" (siehe Exodus 3, 21-22; 11, 2-3; 12, 35-36). Und sollte vielleicht Mose selber als einer, der immer noch dem Atonglauben anhing, mit seinen israelitischen Söldnern und deren gesamtem Volk in die Wüste geschickt werden? Um wenigstens "zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen": einen atongläubigen Thronprätendenten loszuwerden, indem der König ihn mit einem "Himmelfahrtskommando" betraute und "in die Wüste schickte", und zugleich mit ihm eine immigrierte Bevölkerungsgruppe, die schon einmal als "Hyksos" in Ägypten die Macht an sich gerissen hatte? Wurde der Ägypter Mose, der noch ein Aton-Anhänger war, vom ägyptischen König "weggelobt", um zugleich mit ihm die - vielleicht schon teilweise zum Aton bekehrten - Israeliten loszuwerden, und zwar indem er sie beide, Mose mit den Israeliten, in die Wüste schickte? Denn damit konnte der König und sein Hof einen möglichen aton-orientierten Thronprätendenten oder militärischen Usurpator los werden. Für diese Hypothese spricht, dass schon nach dem Tode von Echnaton dessen Nachfolger Tut-anch-Amun-Neb-cheperu-Ra ein Aton-Gegner war und auch dessen Nachfolger Eje (Ay) mehr an der Machterhaltung in Ägypten als an theologischen Spekulationen und an abgehobenem Philosophieren interessiert war.

Fragen wir nun, unter der Prämisse des möglichen Mehrfach-Nutzens, nach den Zielen, die Mose selber vor Augen gehabt haben könnte, als er sich auf diese so wenig aussichtsreiche Unternehmung einließ: Das nächstliegende Eigenmotiv des Mose war wohl das Streben nach Macht und Ruhm, die Eroberung von Neuland unter dem Risiko auch größerer Gefahren und Nöte; sein Fernziel war vielleicht die Usurpation des ägyptischen Throns und die Wiederherstellung des Aton-Glaubens des Echnaton. Mose war ja noch atongläubig, als das Königshaus und die Priesterschaft schon wieder das polytheistische Pantheon von Min, Amun und anderen Göttern verehrten. Aber ungeachtet solcher Glaubensdifferenzen war Mose wohl eher ein mit dem Herrscherhaus verwandter Berater und Feldherr des Königs als etwa ein fremdstämmiger Gegner der Ägypter. Die Durchsetzung des Aton-Glaubens blieb seine zentrale, von Aton selbst gestellte Aufgabe, für die Mose sich mit seinem ganzen Leben einsetzen wollte. Aber dazu musste er etwas weiter ausholen: seine eigene Hausmacht ausbauen, die Befehlsgewalt über eine kampfestüchtige Söldnertruppe gewinnen, und zwar über Männer, die wie die Hirtennomaden zu kämpfen verstanden, und sich wie internationale Fremdenlegionäre ohne Bedenken für fast beliebige Ziele eines Befehlshabers einsetzen ließen. Mose selber hat sich demnach die Israeliten als sein Volk auserwählt: ein heimatloses, immer wieder von Verarmung und Unterdrückung bedrohtes, ein immer noch an Beute interessiertes großes Volk, das noch nicht verstädtert war und Entbehrungen zu ertragen gelernt hatte, schließlich auch ein Volk, das dazu gebracht werden konnte, ihn (Mose) als Sprachrohr des Allerhöchsten anzusehen, und das ihm dadurch ermöglichte, seinen Aton-Glauben außerhalb Ägyptens, wo sich die Gegenreformation gegen Aton und die Wiedererstarkung des Polytheismus noch nicht durchgesetzt hatte, weiter zu erhalten und zu verbreiten.

Mose war seiner sozialen Statur nach ein dominanter, in seinen Äußerungen herrisch-schroffer Mann, ein Feldherr, der für sein Vorhaben die ihm überkommene Mono-Theologie des Aton-Glaubens gut nutzen konnte: als immer passende Begründung und Rechtfertigung seiner einsamen Entschlüsse und Willkürhandlungen, ja seiner eigenen fixen Idee: zum Machtgewinn und zur Machterhaltung, zu seinem eigenen Ruhm und dem seines Gottes (mit dem er sich teilweise identifizierte). Wie schon Echnaton hatte er eine Aversion gegen die Vielheit der Götter und der Bilder, ihm ging es um Einheit und um Reinheit, um den Schutz vor Ansteckung durch Krankheiten, durch anderen Glauben ("Aberglauben"), und durch die "Sündhaftigkeit" der Städter. Er brauchte kampferprobte, ausdauernde und blind gehorsame, ihm unbedingt ergebene Männer. Selber von Aton zu dessen Wiederermächtigung auserwählt, wurde Mose zum Führer über sein auserwähltes Volk. Mose hatte gute Gründe, die Israeliten zum Aton-Glauben zu bekehren, weil er damit nicht nur militärische, sondern auch geistige Macht über glaubensgleiche Untergebene gewinnen konnte. Erst unter dieser Bedingung konnte er sie für seinen eigenen Auftrag gewinnen: sie aus Ägypten hinauszuführen, und für das Fernziel, sie gegen ihr eigenes Brudervolk in Kanaan (mit der praktisch gleichen Sprache und dem ursprünglich gleichen "allgemeinsemitischen" Glauben an Baal und andere Götter!) kämpfen zu lassen. Nur mit "göttlicher" Hilfe konnte er sie glauben machen, dass seine großspurigen Prophezeiungen vom "Gelobten Land" erfüllt werden könnten. Dass das Land Kanaan, das ja schon den nahverwandten Kanaanäern gehörte, den Israeliten zum Besitz und Erbe gegeben wurde, das konnten diese nur mit höchster göttlicher Legitimation akzeptieren: Mose musste ihnen glaubhaft machen, dass dies ein allmächtiger Gott, der sie als sein Volk auserwählt hatte, versprochen und befohlen hatte. Mit dem Gott namens Aton, an den er selber glaubte, konnte er diese Überzeugungskraft nicht erreichen. Es musste einer der israelitischen Götter selber sein, der aber mit der absoluten Vollmacht eines Monotheos diesen Auszug aus Ägypten und Einmarsch nach Kanaan befahl. Dem aton-gläubigen Ägypter Mose lag es ohnehin nahe, diesen Gott der Israeliten, wie er auch immer hieß, als dem Aton gleich oder zumindest ähnlich zu verstehen, als den einen und einzigen allmächtigen und allwissenden Gott. Es war für Mose nicht leicht, den Israeliten dies zu vermitteln, schon deshalb, weil er als Ägypter die Sprache des von ihm auserwählten Volkes nur ungenügend beherrschte (Ex 4, 10). Er hatte offenbar Schwierigkeiten, sich - für Israeliten! - verständlich auszudrücken, brauchte daher seinen "Bruder" Aaron als Übersetzer, und dies, obwohl er als Feldherr und Gesetzgeber kenntnisreich und als predigender Manipulator der Volksmassen sicher eloquent gewesen war!

Ich will nun das Thema "biblische Verschwörungsmythen", das ich im letzten Abschnitt diskutiert hatte, wieder aufgreifen. Es wurde neu aktuell mit dem Auftreten des Mose, der wohl selber ein Verschwörer war und gleichzeitig Angst vor Verschwörungen hatte, die er als gegen sich gerichtet empfand. Wie schon im einzelnen begründet kam noch hinzu, dass Mose wohl ein Ägypter war, der in der monotheistischen Tradition von Echnatons Aton-Verehrung aufgewachsen war. Es spricht einiges dafür, dass Mose ein ägyptischer Usurpator war, der sich des Vasallenvolkes der Israeliten bemächtigte, um mit seiner Unterstützung und vor allem mit seiner militärischen Stärke selber Macht zu erringen. Mose schaffte es, und zwar in einem merkwürdigen Einvernehmen mit dem ägyptischen Pharao, die Israeliten von den Fleischtöpfen Ägyptens (im Nildelta!) zu vertreiben und durchs Schilfmeer in die Wüste zu schicken, wobei er vorgab, sie vor der Knechtschaft zu erretten, und ihnen dazu noch reiche Beute im Lande Kanaan versprach. Für die Ägypter, insbesondere für den Pharao, waren die Israeliten so etwas wie Sündenböcke, die in die Wüste getrieben wurden, um dort zu verdursten, und um Ägypten von einigen Plagen zu erlösen, unter anderem von der Hauptplage, dass die Israeliten in Ägypten so mächtig geworden waren! Dies alles geschah in großer Heimlichkeit. Mose versuchte zu verhindern, dass sich die Israeliten ein Bild von seinem Herrn machten, und auch der von Mose genannte Name Jahwe mit seiner Erläuterung "Ich bin, der ich bin" lädt nicht zum Weiterfragen ein; so wehrt man lästige Frager ab, in der Art von "Was fragst du so blöd!" Mose bestand heimlichtuerisch darauf, der einzige zu bleiben, der direkten Zugang zu Herrn hatte und dessen Befehle entgegennahm, der auch alleine die Vollmacht hatte, die Worte des Herrn zu interpretieren. Man könnte allerdings auch sagen, der Herr des Mose wäre dagegen gewesen, dass Mose ihn als Person offenbart und damit seine Pläne durchschaubar und kritisierbar macht. War es demnach eine Verschwörung von oben, ein ägyptischer Staatsstreich zur Vertreibung der Israeliten, damit sie in einen Bruderkrieg mit den ihnen sprachlich und religiös so nahe verwandten Kanaanäern verwickelt werden konnten?