Beginnen wir mit den altägyptischen Göttern. Zu den Göttern höheren Ranges und hohen Alters in Ägypten gehörte seit alters her auch Min, ursprünglich wohl der Herr der schöpferischen Zeugungskraft, der Förderer der Fruchtbarkeit des Landes, z.T. verschmolzen mit dem Hochgott Amun, dem Verborgenen (dem unsichtbaren Wind). Min wurde in Koptos, am Nilknie nördlich von Theben, in einem der ältesten ägyptischen Heiligtümer verehrt, und zu den Min-Priestern gehörte auch Juja, der Vater des Aanen (seinerseits Priester des Amun und des Min) und dessen jüngerer Schwester Teje, die wiederum die Gattin des Amenophis III., und damit die Mutter des späteren Königs Echnaton, des Begründers des ägyptischen Monotheismus war. Es liegt nahe, als ersten diesen Min als eine der Wurzeln des späteren Monotheos Aton zu sehen, und zwar in seiner Funktion als zeugender und belebender, schließlich als allgemein schöpferischer Gott, als Weltenschöpfer. Ein zweiter Einfluss, vielleicht über Echnatons Vater Amenophis III. vermittelt, geht aus von der Priesterschaft des Ra (Re) in Onu, auch eines der ältesten Heiligtümer des Landes, nordöstlich der Stelle gelegen, wo sich der Nil in seine Deltaarme teilt. Der Gott Ra (und später auf ähnliche Weise Aton) war einer der Himmelsgötter, und zwar der höchste: die Sonne, die bei ihrem Lauf vom Aufgang bis zum Untergang alles sieht (= allwissend ist), und über allem Irdischen am Himmel steht. König Echnaton hatte die räumliche Grundanordnung des Ra-Tempels in Onu für seine Aton-Tempel übernommen, und Neter-duai, der Hohepriester des Ra in Onu, war zu dieser Zeit erster Seher des ägyptischen Reiches. Es kann daher angenommen werden, dass ein allmächtiger Schöpfer (Min) in Verbindung mit einem unsichtbaren Windgott (Amun) und ein allwissender Sonnengott (Ra) zur Entwicklung des Glaubens an den einen und einzigen Gott Aton beigetragen haben.
Eine gewisse Rolle hat dabei wohl auch gespielt, dass die ägyptischen Herrscherdynastien bestrebt waren, die Einheit Ägyptens trotz der zeitweise zentrifugalen Zweiheit von Ober- und Unterägypten zu bewahren, und dass sie dies unter anderem über die Eindeutigkeit und "Reinheit" der Erbfolge zu sichern versuchten. In den Nachfolgeregelungen der ägyptischen Königsdynastien geht es zumindest nominell um die "Reinheit des Blutes", um den Ausschluss von Fremden von der Thronfolge, notfalls auch durch Geschwister- und Eltern-Kind-"Ehen" gewährleistet. Ein solcher Abstammungsfetischismus ist auch in den Geschlechterfolgen der Israeliten des Alten Testaments wiederzufinden (Adam zeugte ..., ..., ...), und wurde später, besonders unter Esra, als Reinheitsgebot und Mischehenverbot auf das gesamte jüdische Volk ausgedehnt, und noch viel später von den Nazis in den Nürnberger Gesetzen zur letzten fremdenfeindlichen Brutalität weitergetrieben. Aber im Alten Ägypten hat es Sinn gemacht, die Reichseinheit durch engbegrenzte Erbfolge zu gewährleisten und durch möglichst nur einen Gott (sei es nun Min oder Amun oder Ra oder schließlich Aton) religiös zu untermauern. Ein Reich, ein Gott, ein Glaube, ein König, ein Prophet, so etwas ist dann über mehrere Jahrtausende als erstrebenswert hingestellt worden, und ist schließlich zur kaum hinterfragbaren Selbstverständlichkeit geworden. Da war doch noch so eine Aufzählung? Ach ja: "ein Volk, ein Reich, ein Führer"! Doch zurück zum Alten Ägypten:
Die ursprünglich noch polytheistische altägyptische Götterwelt, u. a. mit verschiedenen "höchsten", "größten", "ersten" und "mächtigsten" Göttern, aber eben keinem als einzig verehrten All-Gott, wurde nun von dem ägyptischen Pharao Amenophis IV., der sich selber Echnaton nannte, in wahrhaft revolutionärer Weise aus den Angeln gehoben. Er konnte offenbar nichts anfangen mit der verwirrenden Vielfalt der Götter. In einer eigentlich genialen Abstraktion reduzierte er die Vielheit der Götter auf den einen und vor allem einzigen Gott Aton. Das war eher das Ergebnis einer philosophischen Spekulation als die Offenbarung eines Propheten, und wurde dann zu einer ausgefeilten philosophischen Lehre ausgestaltet. Der damit verbundene Ausschluss aller anderen Götter war zugleich eine brutale Negation von allem vorher Selbstverständlichen, durch einen Machtspruch, den sich nur ein noch gottgleich verehrter Alleinherrscher erlauben konnte, solange er die Macht hatte. Echnaton war somit kein prophetischer Religionsgründer, sondern eher ein philosophierender Herrscher, ein wahrer Philosoph auf dem Kaiserthron, wie lange nach ihm vielleicht Marc Aurel im Alten Rom. Echnaton war ein Idealist, auf eine aufklärerische Weise mythenfremd bis mythenfeindlich, in fast schon naturwissenschaftlicher Orientierung naturbezogen und wissenschaftlich gebildet. Er war sicher kein Dummkopf, aber vielleicht philosophisch etwas engstirnig. Daher die Bildarmut seiner Gotteserfahrung: sein Gott Aton wurde immer wieder in gleicher Weise dargestellt, als Sonnenscheibe mit Strahlenarmen, aber ganz ohne die "Familiengeschichten" der früheren Götter, irgendwie abstrakt und dürftig, mit wenig Geheimnis, "tremendum" und "fascinosum", in seinem Wahrheitsanspruch zu durchsichtig und eindeutig, um schlichte Menschen emotional anrühren zu können.
Die Beziehung des Echnaton zu dem einzigen Gott Aton hatte etwas Narzisstisches: Echnaton einzig und allein war der auserwählte Sohn des Aton, korrekter: Echnaton hatte sich Aton, die strahlende Sonnenscheibe, als seinen eigenen, persönlichen Vater-Gott ausgewählt. Dazu passt, dass das später gräzisierte Wort "Aton" in Echnatons Zeit noch "Jati" gesprochen wurde, praktisch gleichlautend mit der Formel "jat'i" = "mein Vater"! Wenn Echnaton den Aton als seinen Vater, und zwar als allein seinen eigenen Vater anbetet, er selber dann also der einzige (später sagte man: der "eingeborene") Sohn dieses göttlichen Vaters ist, dann ist dies eine extreme Form von Selbstvergottung, von einer hochgradigen Egomanie. Aber anders als in früheren Fällen, in denen Könige sich als Sohn ihres bestimmten Einzelgottes feiern ließen, ließ Echnaton weder für seinen göttlichen Vater noch für sich selber irgendeine Konkurrenz oder Alternative zu. Echnaton glaubte fanatisch an die Lehre und Wahrheit seines "Vaters" Aton, aber er lebte in der Wahrheit einer Traumwelt. Ihm ging es zwar um die Wahrheit, aber seine Liebe zur Wahrheit hatte schon etwas Verstiegenes, und das galt sogar für den von ihm protegierten "Realismus" der in seinem Auftrag schaffenden Künstler: er ließ sich selbst und seine Familie realistisch darstellen bis zur Hässlichkeit, ohne Rücksicht auf die Gepflogenheiten und auf die Erwartungen seiner Untertanen, den so Mächtigen zugleich als schön ansehen zu können. Diese soziale Realität hatte Echnaton offenbar nicht wahrnehmen können. Realitätsfremd war auch seine architektonische Gigantomanie, die ihn dazu brachte, von großen Arbeiterheeren riesig ausgedehnte Tempelanlagen errichten zu lassen und dies auch in einer Jahreszeit, in der diese Arbeiter eigentlich für die Feldbestellung und später für die Ernte gebraucht wurden, oder um andere lebensnotwendige Arbeiten etwa der Nilregulierung zu verrichten. Realitätsfremd war schließlich sein blauäugiger Pazifismus und sein utopischer Internationalismus, sein Glaube an den von Aton gesicherten Weltfrieden und an die Eintracht sogar unter Völkern, die bisher Feinde waren. Echnaton hatte eine "chinesische" Art zu herrschen: Wie im Alten China ging er davon aus, dass es genüge, wenn der Herrscher die Riten richtig vollzieht und sich selber moralisch verhält. Wenn so der Herrscher mit seinem engeren Umfeld vollkommen sei, dann sei auch das ganze Reich und schließlich die ganze Welt in Ordnung! Echnatons vor Ort praktisch unbegrenzte Macht - er war wenigstens im nahen Herrschaftsbereich so etwas wie allmächtig! - war ihm im wahren Sinne des Wortes "zu Kopf gestiegen": Echnaton ging davon aus, dass Aton, der einzige Gott, den er als seinen Vater sah, ohnehin die Welt beherrsche und dass alles schon nach dessen Wille geschehe, ohne dass Echnaton als König selbst viel dafür tun müsse. Über die Einzigkeit seines allmächtigen Vaters Aton phantasierte sich Echnaton zum Herrn der Welt ("Aton wird vollenden die Weltherrschaft seines Sohnes") und verzichtete als "Friedensfürst" generös darauf, diese Weltherrschaft durch Eroberungskriege zu erkämpfen und durch praktisch-politische Maßnahmen zu sichern. Politisch war er eher ein Weichei! Erst seine Nachfolger, insbesondere die Machtpolitiker Aja (Eje) und später Mose haben den bloß statischen Anspruch Echnatons wieder in zielführende militärische Aktionen umgesetzt!
Dem Echnaton dagegen war es wichtiger, im engeren Umkreis seine Welt schön und vollkommen zu machen. Er war offenbar ein feinsinniger Ästhet, der sich wie ein früher "Grüner" gerne mit frischen grünen Pflanzen und Bäumen (Palmen) und seltenen Tieren umgab, ein Schönheits- und Sauberkeitsfanatiker (die letztere Seite finden wir später in Mose wieder, bei dem das Streben nach Sauberkeit und die Abwehr möglicher Infektionen bis knapp zum Waschzwang ging!). Echnatons Residenz war eine grüne, bunte und saubere Oase des Friedens und dies in einer Welt, in der es genügend Gruppen und Personen gab, die sich durch Echnatons Weihehandlungen nicht von ihrem Willen zur Macht abhalten ließen! Auf der anderen Seite hatte Echnatons revolutionäre Ideologie im politisch-religiösen Nahraum durchaus erhebliche Konsequenzen: Die Einzigkeit des Aton begründete eine schließlich fanatische Verfolgung aller anderen Götter, ihrer Namen, Symbole, Tempel und Priesterschaften und führte - zur tiefen Enttäuschung der einfachen Leute - auch zur Abschaffung der alten Kulte und Feste. Echnaton war bilderstürmerisch wie viel später die protestantischen Reformatoren, er ereiferte sich über den Priester-Reichtum und hob dementsprechend die Pfründe der "herkömmlichen" Geistlichkeit und ihrer Tempel auf, ließ aber im eigenen Bereich eine immer weiter ausufernde Günstlingswirtschaft zu. Dies alles ging nicht ohne Blutvergießen ab: Zwar war Echnaton selber sanft und pazifistisch, aber wie im Falle späterer Schreibtischtäter wurden seine Visionen auf den unteren Ebenen auch mit rigorosen Machtmitteln durchgesetzt.
Man kann aber davon ausgehen, dass seine Lehre unter geistig differenzierten Menschen, die ihn verstehen konnten, durchaus Anklang fand. Die Idee von einem einzigen, universellen Gott aller Menschen, einem Gott der Liebe und des Friedens hatte eine starke Anziehungskraft (W. zu Mondfeld, S. 606). Es kann auch kein Zweifel daran bestehen, dass Echnaton selber als der geistige Vater von Aton anzusehen ist, und dass der Monotheismus somit zumindest in seinem ägyptischen Ursprung und in seinem tiefsten Wesen eine "Erfindung" Echnatons ist. Gerade die Originalität und zugleich Stimmigkeit seiner religiösen, ästhetischen, politischen und kosmologischen Ansichten und die zu all dem passende Besonderheit seines Charakters und seiner psychophysischen Konstitution sprechen dafür, dass er selber der Urheber seiner Lehre ist. Das gilt auch für die dieser Ideologie inhärenten Mängel und negativen Seiten. So sind die politischen Fehler Echnatons in seinem Glauben an seinen "Vater" Aton begründet; wegen der Weiterungen und Konsequenzen seines Monotheismus war er mehr als ein bloßer Narr und Spinner auf dem Königsthron: in letzter Konsequenz war seine Ideologie verbrecherisch - schuldig des Verbrechens an den Göttern, nein: an den Völkern, denen ihre Götter so heilig und so wichtig waren.
Echnatons Lehre hatte keinen Bestand. In seinem historischen Roman "Mose, Sohn der Verheißung" lässt der Autor W. zu Mondfeld den Tut-anch-Amun Neb-cheperu-Ra kommentieren: "Kein Herrscherhaus kann ... überleben ohne sein Volk. Wer sich ... abkapselt, sei es aus religiöser Überzeugung, aus Besserwisserei oder aus schierem Hochmut - der verliert unter seinen Füßen den Boden (der ihn bisher getragen hatte)" (S. 679). Es war daher abzusehen, dass es zu einer Gegenrevolution oder gar zu einem Staatsstreich gegen den Aton-Kult kam. So gehörte zu den ersten Dokumenten, die Echnatons Nachfolger Tutanchamun siegelte, ein Erlass, der Religionsfreiheit gewährte (S. 616), und in den 29 Verfluchungen, die auf das 7. Regierungsjahr des Tutanchamun datiert sind, ist wieder von Göttern (im Plural!) die Rede (a.a.O. S. 701 ff.).
"Gottvater" Aja (Eje), der auf Tutanchamun folgte, war schon zu Lebzeiten Echnatons als Vater Nofretetes und steinreicher Privatmann eine bedeutende Persönlichkeit. Ohne selber von hoher Geburt zu sein, für ägyptische Verhältnisse also ein Emporkömmling und Usurpator, schaffte er es, selber König zu werden. Nach ihm gab es sicher noch andere, aus dem Bereich der höheren und höchsten Offiziere, die versucht waren, sich mit Hilfe ihrer Truppen auf den Thron zu putschen, darunter vielleicht auch einer, der .......-mose hieß. Darüber wissen wir aber kaum etwas, da es im Hin und Her von Revolution und Gegenrevolution offenbar zu einer Vernichtung oder einem Verlust schriftlicher Unterlagen kam, die sich auf diese Zeit bezogen. Ähnlich wie nach 1945 Hitler und der Holocaust aus dem Erleben und sogar dem Gedächtnis vieler Deutscher verschwand, wurden auch Echnaton und seine Lehre aus dem ägyptischen Gedächtnis ausgetilgt, und - um den Vergleich weiterzuführen - konnte die verworfene Ideologie wohl nur noch in einer vom politischen Zentrum weniger gut kontrollierten Peripherie weiterwuchern (ähnlich wie die Nazi-Ideologie nach dem Kriege am ehesten noch bei manchen Auslandsdeutschen erhalten blieb, so in einigen südamerikanischen Ländern).