2.2.4. Über Auserwähltheit, Selektion, Elite und andere Zumutungen

Wegen der starken Abwehr schon gegen die bloße Verwendung der Wörter "Selektion" und "Elite" ist es vielleicht nützlich, der Herkunft dieser und ähnlicher Wörter und ihrem Gebrauch im Wandel der Zeiten gründlicher nachzugehen. Beginnen wir mit dem so zentralen Begriff des jüdischen Glaubens, der "Auserwähltheit" des Volkes Israel: das Alte Testament verwendet in diesem Zusammenhang das hebräische Wort bahar "erwählen". Diesem Verb und seinem weiteren Sinnfeld entspricht in der lateinischen Sprache des römischen Christentums eine ganze Reihe von Wörtern, die vom Verb legere (lego, legi, lectum) abgeleitet sind, und dieses bedeutete eigentlich "zusammenlesen", aber auch sammeln, wählen und eben auch auslesen. Von legere abgeleitet bedeutet electus "auserlesen, auserkoren, auserwählt", wobei die eingeschobene Silbe -er- aus dem praktischen Tun (auswählen, küren, auslesen) in einer etwas altertümlichen, sprachlich gehobenen Ausdrucksweise eine religiös bedeutsame Eigenschaft werden lässt, ähnlich wie bei dem Unterschied zwischen aufgestanden und auferstanden, sowie bei den Wörtern Erbarmen, Erbauung, erflehen, erhaben, Erweckung, erhören, erschaffen, Erleuchtung, Erlösung und Errettung. Die Auserwähltheit ist also das Ergebnis einer schon ganz besonderen Auswahl oder Selektion!

Von lat. seligo, selectum ("auslesen, auswählen") ist wiederum abgeleitet die selectio, deutsch "Auswahl", inzwischen auch als Fremdwort Selektion bzw. selektieren geläufig. Von deligo "auslesen, (er)wählen, aussondern" ist der lateinische Plural delecti "Elite" abgeleitet, und das Verb eligere mit dem gleichen Bedeutungsgehalt findet sich im französischen elire "auslesen" wieder, von dem sich unser Fremdwort "Elite" herleitet. Die Elite, das sind somit die Ausgewählten. Diejenigen jedoch, die Gott selber ausgewählt hat, bezeichnen wir in der etwas gehobeneren Sprache als Auserwählte, während ein einzelner von Gott ausgewählter Mensch, etwa ein Prophet oder auch nur ein katholischer Priester, als von Gott "berufen" bezeichnet wird. Aber Gott hat sicher immer gut ausgewählt, bevor er jemanden beruft, erst recht bevor er ein ganzes Volk oder aber eine Gemeinschaft der Gläubigen auserwählt. Gehen wir solchen Auswahlen nun auch inhaltlich nach.

Beginnen wir dem biologischen Begriff der "Selektion". Im Unterschied zu Gott, auf den ich später wieder zurückkommen werde, wählt "die Natur" nicht persönlich aus. Was man im Kontext der Evolutionslehre "natürliche Auslese" nennt, umschreibt nur, dass in unzähligen Einzelfällen wenige Individuen übrigbleiben, die sich überhaupt oder sogar mehr als andere Individuen vermehren und damit ihr Erbgut weitergeben konnten, deren Erbgut sich also "bewährt" hat, während die vielen anderen es nicht schafften und ohne (bzw. mit geringerer) Selbstvermehrung zugrunde gingen. Es geht hier also nur um ein differentielles Überleben und Sichvermehren, das sich auf den Genbestand auswirkt, und zu einer stärkeren Verbreitung bestimmter Allele oder sogar neuer Mutationen führen kann. Es geschieht somit zwar im Effekt so etwas wie Auslese, aber es ist niemand da, der das Auslesen betreibt, der dies selber tut, auch nicht "die Natur"! Dazu ein Beispiel: von den -zig Milliarden Spermien, die ein Mann in seinem Leben produzieren kann, in einer einzigen Ejakulation sind es an die 300 Millionen, sind nur ganz wenige Spermien, insgesamt vielleicht 10 oder eher weniger, dazu "auserwählt", die eine oder andere weibliche Eizelle zu befruchten. Das ist offenbar eine der strengstmöglichen Selektionen, die man sich überhaupt denken kann: ein bis zehn Treffer aus -zig Milliarden Versuchen! Aber welches Spermium es schafft, die Eizelle zu befruchten, das ist weitgehend zufällig, was die Gelegenheiten und Umstände betrifft. Und wenn diese insgesamt günstig sind, gewinnt normalerweise dasjenige Spermium den Wettlauf zur Eizelle, das am beweglichsten, am schnellsten und in mehreren anderen Hinsichten am fähigsten ist, die verschiedenen Barrieren zu überwinden und die Membran der Eizelle zu durchdringen. Übrigens trägt dies dazu bei, dass eher erbgesunde Kinder gezeugt und geboren werden. Nur die Kunst der Medizin kann es schaffen, auch weniger tüchtigen Spermien, sogar solchen mit erblichen Defekten, dennoch zum Befruchtungserfolg sogar bei vorgeschädigten Eizellen zu verhelfen. Nur in der sog. geschlechtlichen Zuchtwahl der Tiere, in ihrem Balzverhalten, wird tatsächlich ausgewählt, nämlich der aktuell bevorzugte Geschlechtspartner, und zwar geschieht dies nach im wesentlichen ungelernten, genetisch festgelegten Programmen: die "Wahl" (besser: relative Bevorzugung) trifft dann meist den in Größe, Gestalt, Verhalten, Farbmerkmalen, Balztechniken etc. attraktiveren Sexualpartner, und dies bis zur Bevorzugung von Merkmalen, die in ihrem Luxurieren schon wieder einzelne Nachteile mit sich bringen können, wie die übergroßen Geweihe der Riesenhirsche und ähnliche Extrembildungen.

Völlig ungezielt, aber reich an bemerkenswerten Effekten, ist dagegen das Zustandekommen von Sklaven- oder Nutzviehhaltung durch Ameisen und andere Tiere oder sogar Pflanzen. So sind bei einigen Ameisenarten über lange Zeiten der Evolution Mechanismen wirksam geworden zur "Auswahl" der ihnen nützlichen Blattläuse oder Pilze, ohne dass diese Ameisen solche Herdentiere oder Feldfrüchte selber bewusst ausgewählt und planmäßig weitergezüchtet hätten. Sie hätten dies gar nicht gekonnt, aber was ein Mensch mit Überlegung in relativ kurzer Zeit bewusst bewirken kann, das kann sich in den Millionen Jahren tierisch-pflanzlicher Koevolution auch allein aus dem Zusammenspiel beider Symbionten in ungezählten Mutationen und Selektionen (die man besser "Bewährungen" nennen sollte!) ergeben. Bewusst züchten kann nur der Mensch, und seine Zuchterfolge sehen manchmal auch danach aus: das ergibt dann Monstrositäten wie Kühe, die kaum noch ihre riesigen Euter tragen können, oder reinrassige deutsche Schäferhunde, die zu Hüftverrenkungen neigen, oder Zwerghunde, die per Kaiserschnitt entbunden werden müssen, weil die Geburtswege der Muttertiere zu eng für ihre zu gebärenden Welpen sind, oder Nackthunde, denen man bei kalter Witterung Pelze überziehen muss, und schließlich kurzschnäuzige Bulldoggen, denen es in den vorstehenden Unterkiefer reinregnet. Das kann wirklich nur als Ergebnis einer unnatürlichen, nämlich von Menschen bewusst geplanten Auslese zustande kommen, bis zu den verschiedensten anderen Formen einer Quälzucht, die allesamt mit Recht als tierschutzwidrig verboten sind oder verboten werden sollten. Auf der anderen Seite hat der Mensch als Pflanzen- und Tierzüchter viel Positives erreicht, positiv in jedem Falle für ihn selbst, in Einzelfällen sogar für das Tier, z.B. für den Wolf. Als dieser durch Zähmung und Weiterzüchtung quasi auf den Hund gekommen war, hatte er auf diese Weise gleichzeitig im Menschen einen guten Freund finden können. Der viehhaltende Nomade war mit den Prinzipien gezielter Zucht sei jeher vertraut, schon in der Bevorzugung der leichter zähmbaren gegenüber den schwerer oder gar nicht zähmbaren Wildtieren. Zur Zucht wählte er seine Lieblingstiere aus, die mit der besten Wolle, mit der schönsten Farbe, die am schnellsten fett wurden oder die meiste Milch gaben. Diese wurden zur Zucht auserwählt, die anderen wurden verworfen, allerdings geschlachtet und verzehrt wurden sie dann auch, meist sogar früher als die Zuchttiere.

Eine gewisse Auswahl vollzieht sich auch in den Nachfolgeregelungen viehzüchtender Familien oder Sippen. Normalerweise geschieht dies nach naturwüchsigen und selbstverständlich gewordenen Prinzipien, vor allem nach dem Alter des Sohnes: der Erstgeborene hat ohnehin gegenüber den jüngeren Brüdern die größere Chance, leistungsfähig und vermehrungsfähig geworden zu sein (d.h. sich selbst und seine Herde vermehren zu können), bevor sein Vater gestorben ist. Er wusste dieses Vorrecht im Regelfall auch gegenüber den jüngeren Brüdern durchzusetzen, da er als der Altere meist auch der Stärkere und Erfahrenere war. Und es war Züchtermentalität, wenn der Sippenführer sich nicht nur die besten Zuchttiere, sondern auch den eigenen Nachfolger selbst auswählte und dessen Konkurrenten, wenn sie sich diesem Urteil nicht beugten, ggf. sogar verwarf (vgl. Joseph und seine Brüder). Dagegen ist die Unsitte, den Erstgeborenen dem Herrscher oder dem Gott zu opfern, wohl ein Versuch gewesen, die natürliche Regelung aufzuheben zu Ungunsten von besiegten Feinden oder von Abhängigen. Im letzteren Falle, wenn die Erstgeborenen nicht getötet wurden, sondern noch lebend den Priestern des eigenen Volkes nur abzuliefern waren, konnten sie der Priesterschaft als Nachwuchs für deren eigene Gruppe dienen. Dann konnte es sogar so weit kommen, dass der erstgeborene Sohn eines westfälischen Bauern nicht Nachfolger seines Vaters wurde, um später dessen Namen, dessen Hofgut und Herden weiter zu vererben, sondern stattdessen Nachfolger seiner priesterlichen Oberen wurde, die so auf rein zölibatäre Weise zu Nachwuchs kommen konnten, um zwar nicht ihren eigenen Samen, aber doch ihren Glauben (ihre "Meme", wie man inzwischen sagt!) weiter verbreiten zu können.

Zurück zu den alttestamentarischen Viehzüchtern: in der Nachfolge ging es diesen auch um den Besitz an Vieh (lat. pecus → pecunia → „Penunzen“) und damit um Reichtum und Macht, und das führte fast naturwüchsig zu einer immer wieder bis zum Betrug und sogar zum Brudermord aufflammenden Konkurrenz. Die eigene Auserwähltheit durch den alt gewordenen oder im Sterben liegenden Vater war dann oft nur die Schutzbehauptung dessen, der mit List und Tücke oder notfalls mit Gewalt (das Alte Testament ist voll von solchen Geschichten über usurpierte bzw. erschlichene Nachfolge!) versucht und geschafft hatte, alle Konkurrenten auszuschalten. Denken wir nur an Kain und Abel, an Esau und Jakob (der später Israel hieß), an Josef und seine Brüder, und schließlich an die politischen Vorkommnisse, die von Stefan Heym in seinem Buch "Der König-David-Bericht" (1972) literarisch so gekonnt verarbeitet wurden. Hintergrund solcher Erbfolgekämpfe ist auch die politisch-religiöse Bedeutung der direkten Sukzession in der Nachfolge von Adam über alle Geschlechter, in der Bibel ausführlich dokumentiert. Da heißt es: "Adam zeugte Kain und Abel, und später Set (als Ersatz für den erschlagenen Abel), und Set zeugte ... und ... und ... etc. Die lange Liste der Geschlechterfolge begründete die "berechtigte" Nachfolge bzw. die "wirkliche" Berufung durch Gott, ähnlich wie später die direkte Sukzession eines Papstes durch den ihm folgenden Papst, durch diesen und keinen anderen (obwohl es auch schon mal drei Päpste gleichzeitig gab!). In Zweifelsfällen genügte es, einfach die direkte Abstammung zu behaupten, natürlich nur, wenn man die Macht dazu hatte und damit das Interpretationsmonopol (die kommunistischen Machthaber der damaligen DDR schafften es sogar, Friedrich den Großen als einen ihrer Vorgänger zu reklamieren!).

Die Vorahnen der Israeliten waren zunächst wohl eine Sippe oder ein Stamm, der seine Herkunft auf einen ersten gemeinsamen Stammvater zurückführte. Von diesem Urvater stammten die jeweiligen Stammesältesten in direkter Sukzession ab. Jeder Nachfolger war jeweils entweder als erster Sohn ganz selbstverständlich dazu bestimmt oder von seinem Vorgänger eigens dazu "auserwählt" worden, hinfort die Stammestradition personal zu repräsentieren und sowohl geistig wie auch durch eigene Nachkommen fortzusetzen. So waren es zunächst einzelne Personen, die zur Nachfolge ausgewählt wurden von jemandem, der als Stammesvater bzw. Sippenältester das Vorrecht hatte, darüber bestimmen zu können. In der Regel beauftragte er seinen eigenen (im Zweifelsfalle ältesten) Sohn zur Nachfolge, falls er, wie normalerweise, Söhne hatte. Aber wenn dies nicht der Fall war, kamen Probleme auf: "Manche Erzählungen (des A. T.) sprechen von der zeitweiligen Gefahr des Erlöschens der ... Sippe infolge der Unfruchtbarkeit einer Ahnfrau (Sara, Rachel) oder ihrer Gefährdung durch einen Fremden (Gen. 20; 26, 1-11)" (Fohrer, S. 154). In der Quelle J ("Jahwist") galt das Interesse in erster Linie der Abfolge der auf solch traditionelle Weise Erwählten.

Dagegen beginnt die alttestamentarische Quelle E ("Elohist") nach Fohrer (S. 154) ihre Darstellung der Erwählungstraditionen mit der Erwählung des Erzvaters (Patriarchen) Abraham, und zwar interessanterweise nicht, wie nahe lag, durch dessen Vater, sondern durch Gott selbst, der hier quasi als "Über-Erzvater" aufgetreten war. Nach ihm galt dann aber wieder die natürliche Sukzession. Von besonderer Bedeutung für den Auserwähltheitsglauben ist in dieser Ahnenreihe die Person (oder sollte man besser sagen: die mythische Gestalt!) des Erzvaters Jakob, der später Israel hieß (1. Mose 35, 9-13). Nach seinem zweiten Namen (hebr. Jisrael) hieß dann seine in direkter Sukzession von im abstammende Nachkommenschaft, die "bene Jisrael", das Volk Israel. Mit dem Erzvater Israel galten seitdem auch die Israeliten als (sogar von Gott selber) auserwählt. Erst nachträglich wurde also die Auserwähltheit von dem Stammvater, bzw. von dessen Nachfolgern in dieser Funktion, auf dessen ganze Sippe, auf den von seinem Namen und Samen abgeleiteten Stamm und auf das in diesem wurzelnde Volk übertragen, das dann später in den Schriften der Israeliten bzw. der Juden als das "auserwählte Volk" bezeichnet wurde (vgl. Fohrer, S. 181) und unter der Zentralherrschaft von Königen schließlich den Rang einer Nation hatte. Aus "Söhnen des Israel" bildete sich im A. T. die Bezeichnung für die Gesamtheit der im Gebiet westlich und östlich des Jordans sesshaft gewordenen Stämme, vor allem der Nordstämme (also außer Juda!). Diese Stämme sind wohl im 13. Jahrhundert v. Chr. aus den südlichen und östlichen Steppen in das Ostjordanland und in die westjordanischen Gebirge eingedrungen und haben die dortigen Vorbewohner überschichtet, vertrieben oder vernichtet. Die Überlieferungen der Erzväter spiegeln noch die halbnomadische Lebensweise der Kleinvieh züchtenden Israeliten wieder, die erst nach der Landnahme zunehmend sesshafter wurden. Es war aber nicht verwunderlich, dass die ursprünglich viehzüchtenden Israeliten sich ihren Gott als einen vorstellten, der angefangen mit Adam dann auch die späteren Patriarchen, insbesondere den Jakob, der später Israel hieß, selbst zur Nachfolge berufen und auserwählt hatte, die Söhne Israel (Bene Jisrael) zu führen.

Wenn es nicht nur um die Nachfolge im Besitz in einer großen Herde, im Verfügenkönnen über einzelne Weidegründe und Brunnen ging, sondern um die Herrschaft über eine ganze Stadt und ihr Umland oder gar um die Herrschaft in einem Reich, das zumindest mehrere Städte, etwa in einem größeren Stromtal umfasste (wie am oberen oder unteren Nil, am Euphrat oder Tigris oder im Land "zwischen den Flüssen" = Mesopotamien), dann war die Nachfolgeregelung politisch von höchster Brisanz. Sie betraf dann nicht nur die eigene Familie, die Sippe, den Stamm, sondern eine Vielzahl solcher gesellschaftlicher Einheiten, und sie ging auch eine Vielzahl von deren Oberhäuptern bzw. von den Unterführern des obersten Herrschers an: die Interessen und Machtansprüche von wirtschaftlichen Eliten, von Heerführern, von geistlichen Hierarchien und von alten Adelsfamilien mit alten Privilegien waren davon berührt. Vor allem ging es im Nachfolgefall um Konfliktvermeidung: es musste verhindert werden, dass bei einer allfälligen Nachfolgenotwendigkeit (etwa durch den Tod des Herrschers im Krieg, infolge einer Seuche oder durch Mord etc.) ein Machtvakuum aufkam, das den Staat führungs- und schutzlos hätte werden lassen, zur Beute für seine Gegner. Von daher die Strenge, ja Rigidität der Nachfolgeregelungen, um von vornherein etwaige Diadochenkämpfe auszuschließen. Dem Aufkommen solcher Probleme konnte vorgebeugt werden, 1. wenn es überhaupt nur einen rechtmäßigen Nachfolger gab, etwa den erstgeborenen Sohn, oder 2. wenn der Herrscher rechtzeitig (eben vor seinem Tod!) ganz ausdrücklich und von allen akzeptiert seinen Nachfolger ausgewählt oder auserwählt und gesegnet hatte. Er pflegte dabei auf die ihm vertrauten und ihm verpflichteten näheren Verwandten zurückzugreifen, und wenn es nicht einer seiner Söhne war, dann waren es wohl seine Vettern (→ Vetternwirtschaft) oder Neffen (→ Nepotismus)!

Auch bei solchen Abweichungen von der ganz direkten Sukzession wurde die Kontinuität der Thronfolge durch die (ggf. auch nachträgliche) Namensgebung betont, wenn etwa der Nachfolger auch den gleichen Namen wie sein Vorgänger hatte (häufig mit dem Beiwort -sohn: ägypt. -mose, skandinavisch -sen, arabisch ibn-, hebräisch ben- oder bar-), oder den Namen eines früheren Herrschers der gleichen Dynastie und Abstammungslinie, wegen der Verwechslungsgefahr dann mit Ordinalzahlen versehen, XY der Zweite, der Dritte, Henry VIII (der 8.!), Louis Quinze (der 15.!!) oder Johannes XXIII (der 23.!!!). Letztendlich konnte eine solche Abstammungsliste auf einen vielleicht schon legendären Stammvater zurückgeführt werden, den entweder einstmals ein Gott selber für dieses Amt eingeführt hatte oder der selber später vergöttlicht worden war. Selbst unter Göttern gab es solche Ahnenreihen, sogar den Wechsel der Dynastien, indem etwa die griechischen Titanen und Giganten von einem durch Zeus dominierten Pantheon abgelöst wurden. Zwischen erwiesener Begründung und bloßer Behauptung der rechtmäßigen Nachfolge gab es seit jeher fließende Übergänge. Besonders wenn ein Herrscher die Macht unrechtmäßig usurpiert hatte, lag es nahe, dass sich der Thronprätendent oder Usurpator als von Gott selber, und zwar ganz direkt auserwählt und berufen ausgab - später hieß das: von Gottes Gnaden! - Wenn auch nicht wie früher von Gott, dann sind heutige Alleinherrscher im Zweifelsfalle doch "vom Volk" dazu bestimmt, die Macht zu ergreifen, das Volk zu führen und vielleicht sogar die Weltherrschaft zu erlangen. In jedem Falle betraf die Auserwähltheit zunächst eher Personen, insbesondere den Nachfolger eines Herrschers.

Je größer das beherrschte Gebiet und je zahlreicher die beherrschten Völker waren, umso mehr bedurfte der Herrscher eines Herrschafts-Apparates, ursprünglich vielleicht einer aus dem Eroberervolk rekrutierten herrschenden Clique, später nach Stabilisierung der Herrschaft eher einer politischen Hierarchie von Untergebenen, die wiederum Führer ihrer Untergebenen waren und einer für Wirtschaft und Verwaltung zuständigen Bürokratie. Der Herrscher wählte diese nach Möglichkeit selber aus und berief sie zu Dienern, Helfern und Ministern, denen er befehlen konnte, was sie im einzelnen für ihn zu tun hatten. Der Herrscher konnte auf diese Weise nicht nur seinen eigenen Hofstaat bestimmen, sondern er ließ entferntere Provinzen durch Stellvertreter regieren, konnte auch mal einen besiegten und auf Dauer unterworfenen Herrscher eines anderen Volkes als Vasallen berufen, wenn dieser bereit war, ihm ewige Treue und Dienstbarkeit zu schwören. In diesem Falle war Auswählen gleichbedeutend damit, jemanden für sich selbst zu verpflichten, ihn in Dienst zu stellen.

Einer, der die Macht dazu hatte, konnte auch die Führer von Fremdvölkern (und damit auch diese Völker selbst) als Vasallen erwählen oder bestimmten Personen ("Untergebenen") bestimmte Aufgaben zuweisen. So verfuhren Großkönige, später als Götter verehrt, schließlich sogar der "Herr der Heerscharen" im Himmel, der Monotheos Aton oder einer seiner Nachfolger, die ihre Macht auch über andere Völker und schließlich über alle Völker auszubreiten versuchten. Solches Vasallentum konnte schon für Adam gegolten haben: Wenn es im 1. Buch Mose (Genesis) des A.T. heißt, dass Gott den ersten Menschen, genauer vielleicht, einen legendären Ahnherrn der Israeliten, selber aus Lehm erschaffen habe, dann kann das auch bedeuten, dass da ein großmächtiger Herrscher einen gewissen Schafherdenbesitzer Adam aus dem Schlamm einer Wüstenoase oder des östlichen Nildeltas in sein eigenes Reich, den hochkultivierten Garten Eden, hereingeholt und als "seine Kreatur" zu seinem Knecht oder Vasallen bestimmt und dann zu Höherem berufen hatte. Das wäre dann der erste im A.T. bezeugte Fall einer Berufung und Auserwähltheit eines Menschen und seiner Nachkommen gewesen. Um so mehr bestand Gott der Herr auf dem absoluten Gehorsam seines Vasallen: Adam sollte blind gehorchen und keine Ansprüche stellen, weder auf Herrschaftswissen (z.B. über Gut und Böse), noch auf die Herrschaft über den Garten und seine Fruchtbäume selbst. Da war der Herr sehr empfindlich, ja sogar misstrauisch, und stellte deshalb die Vasallentreue des Adam schon vorsorglich auf die Probe, und als Adam diese Probe, von der Schlange und von Eva verführt, nicht bestanden hatte, vertrieb er ihn aus dem Garten und schickte ihn in die Wüste (und das war nicht das erste Mal!). Der Herr wollte vor allem ausschließen und verhindern, dass sein Vasall auch anderen Herren oder Herrinnen diente, etwa gar einer altägyptischen Schlangengöttin aus dem westlichen Nildelta, aus Buto. Ein solches Verbot hat der Herr dann später gegenüber der Mose-Schar noch verallgemeinert und präzisiert, zum Ersten Gebot erhoben: "Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!"

Das Vasallenverhältnis der Israeliten gegenüber Jahwe wurde auch als Bund verstanden, aber nicht als Bündnis gleichwertiger Partner, sondern als besondere Beziehung zwischen einem Überlegenen und den von ihm Abhängigen. In der jüdischen Thora wurde der Bund Jahwes mit Israel mit dem hebräischen Begriff "berit" bezeichnet. Allgemeiner betrachtet ist es ein Vertrag (Vertragsabschluß und Vertragsverhältnis) beispielsweise eines Großreichs mit seinem Nachbarvolk. Er fordert vom schwächeren "Bündnis"partner die Anerkenntnis der Vorherrschaft des Mächtigen und die unbedingte Treue zu ihm. Dementsprechend wird die Nichterfüllung des Willens Jahwes und der Abfall von diesem ("einzigen") Gott, etwa gar die Zuwendung zu einem anderen Gott wie Baal und das Sich-Einlassen auf dessen Bündnisangebot, als Bruch des Bundes verstanden und von Jahwe streng bestraft. Auf der anderen Seite verspricht der stärkere dem schwächeren Bündnispartner im Sinne einer Heilsverfügung den friedlichen Rechtszustand, den Schalom, der wiederum Voraussetzung ist für das Wohlergehen insbesondere des Volkes Israel. Wegen solcher Vorteile konnten bei bestimmten Machtverhältnissen auch einzelne von der Zentralherrschaft bedrohte Völker sich auf die Notlösung einlassen, sich selbst unter den Schutz des Herrschers zu begeben. Andererseits konnte auch jeder Überfall auf ein noch unabhängiges Land zur Schutzmaßnahme gegen einen entfernteren Feind erklärt werden, so etwa in unserer Zeit, als die von Adolf Hitler okkupierte westliche Tschechoslowakei von ihm zum "Protektorat Böhmen-Mähren" erklärt wurde. Die auf diese unfreiwillige Weise "beschützten" Tschechen revanchierten sich - heimlich - mit einem Witz: sie riskierten einen Versprecher und nannten das Protektorat "pro tento krat" (= (nur) für dieses Mal")! Auf diese Weise "beschützte" Völker konnten dann auch als Kanonenfutter dienen, nämlich wenn sie als eine Art Fremdenlegion gegen äußere Feinde eingesetzt werden konnten. Das bot den doppelt- und dreifachen Vorteil, dass der Herrscher die militärischen Verluste des eigenen Volkes geringer halten und die Fremden (die Vasallen und die Feinde des Herrschers) sich gegenseitig aufreiben lassen konnte. Darüber mehr in der Diskussion über Mose und die Eroberung des Gelobten Landes [siehe 2. 7.].

So war bei ungleichen Bündnissen in der Regel die Verpflichtung des Abhängigen das Erste und zunächst Wichtigste (nämlich für den Herrscher!); dagegen war die Zusicherung ("Verheißung") der Belohnung oder Prämie für solchen Gehorsam erst ein Sekundäres und oft nicht mehr als ein Versprechen auf künftige Beute bei Bewährung im Kampf gegen die Feinde des Herrn. So schreibt Fohrer (Geschichte der israelitischen Religion, Herder (Freiburg), 1992, S. 153): "Der Nachdruck liegt auf Israels Aufgabe: ein ... zum Dienste Jahwes bestelltes Volk (zu sein)", und schließlich ganz unmissverständlich auf S. 304: "Israel ist Jahwes ... Eigentumsvolk, das deswegen die anderen Völker in Palästina ausrotten und sich mit ihnen nicht verschwägern soll" (Dtn 7, 1-6), wobei offenbar die Verschwägerung mit dem bisherigen Feind (nach dem 2. Weltkrieg nannte man das "Fraternisierung") die Bündnistreue und eigene Kampfkraft schwächen könnte. Solchen machtpolitischen Erwägungen entspricht es, wenn Fohrer (S. 181) von Jahwe als dem weltmächtigen Gott schreibt, und ich ergänze schon mal: "die Welt", das war in diesen Zeiten der Vordere Orient rund um das östliche Mittelmeer, und "mächtig" war über lange Zeiten der ägyptische Pharao!

Der selbstherrliche Umgang mit Vasallen hatte alte Wurzeln: schon der nomadische Viehzüchter hatte sich die Herden seiner Konkurrenten oder Feinde entweder in seinen eigenen Viehbestand einverleibt bzw. auch deren Frauen und Kinder versklavt und in den eigenen Hausstand aufgenommen (also für sich selber auserwählt), oder aber, falls dies nicht zu schaffen war, sie allesamt "der Vernichtung geweiht" oder ohne Schutz ihrer Hirten und Kämpfer in die Wüste getrieben. So war Gott der Herr also geneigt, aus alter Viehzüchter- und neuer Herrschertradition sich seine eigene Herde bzw. sein eigenes Volk auszuerwählen, und dies ist nur ein historisch älterer und zugleich sehr feierlich klingender Ausdruck für Selektion! Es ist aber insbesondere eine Großherrscher-Mentalität, sich selbst ein bestimmtes Volk auszuerwählen und es dazu aufzufordern (und aktiv darin zu unterstützen), andere Völker anzugreifen, die der Herrscher offenbar zum Feind erklärt und damit verworfen hatte, und diese Völker aus ihren angestammten Wohnsitzen zu vertreiben und sie bei Gegenwehr zu vernichten. Ein ganzes Volk kann einer aber nur dann für sich selbst auswählen, wenn er es total beherrscht, z.B. es in Sklaverei hält oder es besiegt und dann zum Vasallen erwählt hat und sein Oberbefehlshaber ist. So geschah die Erwählung des Volkes Israel wohl durch den Pharao selbst oder durch einen der ägyptischen Thronprätendenten, der wie üblich (...-)Mose hieß. Die Erwählung kann sich somit nicht nur auf einzelne Personen, insbesondere Nachfolger beziehen, sondern auch auf ein ganzes Volk, und zwar zunächst von einem Großherrscher ausgehend, der dieses Volk in sein Reich einverleibt und zum Vasallen gemacht hatte.

Die Erwählung war mit einigen Zumutungen verbunden: zunächst mit der Nötigung an das Volk Israel, die "Fleischtöpfe Ägyptens", an denen es teilhatte (die Israeliten lebten mit ihren Herden in den östlichen Bereichen des fruchtbaren Nildeltas), zu verlassen und aus Ägypten wieder auszuwandern, in der Bibel ganz korrekt als Auszug ("Exodus") aus Ägypten wiedergegeben. Als nächstes die Nötigung, nach einem entbehrungsreichen Marsch durch die Wüsten und Steppen in das von einer Koalition mehrerer Stadtkönige beherrschte und wehrhafte Land Kanaan einzufallen, den Widerstand seiner Vorbewohner zu brechen, sie zu besiegen (zu vertreiben oder zu töten) und ihr Land auf Dauer zu besetzen. Die Zusicherungen des Herrschers an sein Volk Israel, insbesondere der künftige Besitz des "Gelobten Landes", waren also zugleich mit Forderungen verbunden, als erstes, dass die Israeliten dieses Land zunächst einmal selbst erobern sollten, bevor es ihnen dann zu eigen war!

Die zunächst machtpolitisch begründete Oberherrschaft eines Großkönigs gegenüber einem seiner Vasallenvölker wurde nachträglich religiös überhöht als direkt von Gott (dem Monotheos und Weltenschöpfer!) ausgehend und dennoch ausschließlich auf sein Volk Israel bezogen. Der mit ägyptischem Druck und mit gleichzeitigen Versprechungen herbeigeführte Auszug der Israeliten wurde später insbesondere von der deuteronomischen Theologie als die von Gott mit Hilfe der "ägyptischen Plagen" den Ägyptern abgezwungene "Rettung" des Volkes Israel aus der ägyptischen "Gefangenschaft" oder "Sklaverei" interpretiert, wobei es etwas verwunderlich bleibt, dass es dazu von den Ägyptern mit Wertsachen beschenkt wurde, und dass es möglich war, dass ein gerade erst aus der Gefangenschaft und Fron befreites Volk anschließend unbeschadet Wüsten und Steppen durchqueren und dann die mächtigen Stadtstaaten Kanaans besiegen konnte. Das war wohl nur mit "Gottes" Hilfe möglich!

Für die theologisch verstandene "Erwählung" , seitdem mit dem Auszug aus Ägypten verbunden, war dann das Volk Israel dem Gott selber (wie schon zuvor dem Herrscher) Dank und Gehorsam schuldig. Das galt insbesondere für die Forderungen, die Gott (aus dem Munde des Mose) am Berg Sinai stellte: dass das Volk seine (und nur seine) Gebote befolgte und nur ihm selber, keinem anderen Gott oder Herrscher, gehorchte. Und es blieb weiterhin verpflichtet, den von Gott mit seinem auserwählten Volk geschlossenen unverbrüchlichen Bund streng einzuhalten, der ein "Bund" war zwischen einem überaus mächtigen Herrn und seinem dann wohl auch zunehmend dienstwilligen Vasallen, in Wirklichkeit zunächst also eine eher etwas einseitige Angelegenheit: eine Dienstverpflichtung!

Ich habe an anderer Stelle (2. 07. Mose) mit ausführlichen Belegen plausibel zu machen versucht, dass Israel zunächst nur als Vasall des ägyptischen Pharao von diesem dazu ausersehen worden war, unter der Führung des Mose Ägypten vollständig und vollzählig zu verlassen (mit Mose fing die Geschlechter-Zählerei an!) und stattdessen Kanaan militärisch anzugreifen und dafür dieses Land als Kriegsbeute (als "Gelobtes Land") zu erhalten. Die Auswahl zum Vasallen einer Großmacht wäre eigentlich kein Grund für Stolz oder gar Überheblichkeit gewesen. Bei der geringen Größe und Macht des Volkes Israel im Vergleich mit Ägypten, Mesopotamien und dem Hethiterreich erscheint, geschichtlich betrachtet, die Rede von der Auserwähltheit Israels als höchst eigenes Volk des Gottes, der die Welt erschaffen hat, als ein grobes Selbstmissverständnis, zumindest als bemerkenswert weitgehende Umdeutung. Dennoch hat die Auserwähltheit des Volkes Israel schon sehr früh, spätestens nach den ersten Siegen über die kanaanäischen Stadtstaaten, sein nationales Selbstgefühl verstärkt, Nach Fohrer wird dies schon in der Quelle J recht deutlich: "Durch Israels Erwählung ... (ist) Israel das (H. Sch.: von allen anderen Völkern dieser Erde!) gesegnete Volk (Gen 18, 18; 24, 14). Das nationale Selbstbewusstsein, das daraus spricht, ist unüberhörbar: Israel ist das entscheidende (!) Element in der Völkerwelt; das Geschick der Anderen Völker hängt von ihrem Verhalten zu ihm ab" (S. 181). Gott selber hat die Israeliten als sein eigenes Volk (engl.: "God's own chosen people") ausersehen: "Israel oder die Israeliten sind ... auf Grund einer freien göttlichen Entscheidung und Vollmacht von Jahwe als ihm zugehörig anerkannt und legitimiert worden" (Fohrer, S. 184). Wenn somit die Herrschaft Gottes und seine enge Gemeinschaft mit ihm zunächst noch henotheistisch, später monotheistisch auf Israel beschränkt waren, ließ dies unter den Israeliten ein starkes Selbstbewusstsein aufkommen, deutlich in der Quellenschicht E (Fohrer, S. 153). Der Israelit glaubt sein Dasein ... durch seine Zugehörigkeit zum auserwählten Volk gesichert (Fohrer, s. 154).

Der von der deuteronomischen Theologie in den Mittelpunkt gerückte Leitgedanke von der Erwählung Israels mag ja gute Gründe gehabt haben, nämlich dass das durch Teilung, Vertreibung und erneute Gefangenschaft immer wieder gedemütigte Volk Israel als Ganzes gerettet und zu einer neuen politischen Existenz aufgerufen werden sollte (Fohrer, S. 293, 304). Eine Parallele dazu drängt sich auf: Auch Adolf Hitler träumte nicht zufällig gerade nach der "schmählichen" Kapitulation am Ende des 1. Weltkriegs und nach dem "demütigenden" Versailler Vertrag von einem neuen Großdeutschland und von dessen Sendung für die ganze Menschheit! Der Auserwähltheitsglaube hatte aber auf Dauer auch negative Konsequenzen. Es hört sich ja zunächst ganz gut an, wenn gesagt wird, dass Israel nach dem Zeugnis der Propheten das aus allen anderen Völkern auserwählte Volk sei ( 2. Mose 19, 5ff; 5. Mose 14, 2), das einzige Volk, das dem Gott Jahwe als wert erschien, von ihm als sein besonderes Volk ausgewählt zu werden. Die Erwählung und damit Herausnahme Israels aus den übrigen Völkern der Menschheit durch Jahwe ist aber nach Fohrer (S. 153/154, S.181 f.) zugleich eine Aussonderung aus ihnen, die schließlich sogar, wie in der Quelle E betont, zu einer Absonderung von allen übrigen Völkern führen musste (Num 23, 9b). Dadurch erhielt das Selbstverständnis Israels nach Fohrer (S. 304) eine stark partikularistische Färbung: "Israel ist Jahwes heiliges Volk, das sich mit den anderen Völkern nicht verschwägern soll" (Dtn 7, 1-6). Dieser Gedanke, der noch an hirtennomadische Reinzuchtbestrebungen erinnert, wurde nicht nur im Buch Deuteronomium, sondern auch beim Propheten Esra zu einer zentralen Forderung erhoben. Es konnte natürlich nicht ausbleiben, dass andere Völker der polyethnischen und durchgehend polytheistischen Alten Welt nicht nur den Auserwähltheitsglauben Israels, sondern auch die faktische kultische und ethnische Absonderung der Israeliten als hochmütige Anmaßung und als Mangel an Ehrfurcht vor den Göttern der Anderen verstanden (was es ja im Grunde auch war!) und entschieden ablehnten.

Aber beziehen wir uns zunächst doch noch weiterhin auf das Selbstverständnis der Israeliten, wie es in ihren heiligen Büchern artikuliert worden ist. Auf eine weitere Spur führt die Bezeichnung "Gesalbter Jahwes" für die israelitischen Könige nach Saul, insbesondere David und Salomo, aber auch Jehu (Fohrer, S. 140-141). Die Salbung des Königs durch Jahwe entspricht dabei dem ägyptischen Brauch der Salbung von hohen Beamten und von Vasallenfürsten durch den Pharao; sie bringt zum Ausdruck, dass der oberste Herrscher einen Mann seines Vertrauens auswählt und ihn mit einer Teilherrschaft, z.B. als Unterkönig, beauftragt. Dieser zunächst politische Vorgang ist dann quasi theologisiert worden. Dann konnte auch ein Prophet oder ein höchster Geistlicher im Auftrag Jahwes die Salbung des Königs vornehmen, so wie in späteren Zeiten Könige und sogar Kaiser vom Papst gesalbt wurden, der sich damit als geistlicher Oberherrscher auf Erden profilieren konnte, über den dann nur noch Gott im Himmel thronte. Den König zu salben und zu segnen heißt zugleich, ihn für die Ziele der Priesterschaft zu verpflichten. Der gesalbte König blieb damit ein Vasall eines noch höheren Herrn, schließlich des Herrn der Heerscharen, des Gottes Jahwe, und in einem praktischen Sinne blieb er in einer gewissen Abhängigkeit von der Priesterschaft und den Propheten. Diese sind ihrerseits als ganze Gruppen (z.B. die "Leviten") oder als einzelne (die Propheten) von Gott auserwählt und berufen worden (lat. vocare "jemanden berufen"). Gott ruft dazu den von ihm erwählten Menschen an und ruft ihn auf, für ihn einen bestimmten Auftrag zu erfüllen (Jer. 1, 4-10). Der Prophet selber behauptet jedenfalls, von Gott berufen zu sein, er beruft sich auf ihn (lat: provocare ad ...), um sich dadurch auf eine anerkannte Autorität stützen und in seinem eigenen Tun legitimieren zu können. Die Erwählung kann sich somit auch auf besondere schöpferische Einzelne beziehen, die dann, wie etwa die Propheten Mose, Jesaja und Jeremia, später auch Jesus und schließlich auch Mohammed, ihre individuelle Berufung erlebten. In den alten Zeiten war dennoch das Auswählen meist noch sehr einseitig von oben nach unten: ähnlich wie der König seine Minister und Heerführer, konnte auch Gott der Herr sich seine eigenen Propheten auserwählen und diese konnten sich selber nur auf Gott berufen, wenn sie wenigstens sehr wortmächtig und überzeugend waren und glaubhaft versichern konnten, dass Gott auf ihrer Seite war. Gott (oder vielleicht doch der Pharao und in seinem Auftrag Mose?) konnte sogar ein ganzes Volk, das Volk Israel für sich allein auswählen, dieses Volk und kein anderes. Aber diesem Volk war es andererseits keinesfalls erlaubt, sich selber einen anderen Gott auszuwählen, etwa gar den Baal oder die Ascheroth; es durfte nur, einzig und allein, Jahwe anbeten. Von unten nach oben gab es also keine Wahlmöglichkeit und es hat diesem Volk von Anfang an nicht gut getan, und bis heute nicht, von Gott erwählt worden zu sein. Wo es doch vielleicht lieber die alten Götter weiter verehrt hätte, ähnlich wie die Araber vor der "Bekehrung" zum Monotheos Allah.

Als Septuaginta bezeichnet man die für das Judentum in der hellenistisch beeinflussten Diaspora erstellte Sammlung von ältesten griechischen Übersetzungen der hebräischen Thora und anderer Schriften. In ihr wurde der hebräische Begriff "berit" (=Bund) mit dem griechischen Wort "diatheke" wiedergegeben, das wiederum später im Christentum mit dem lateinischen Wort "testamentum" übersetzt wurde. Während das Judentum den von Jahwe mit seinem auserwählten Volk Israel am Berg Sinai geschlossenen Bund weiterhin für gültig und heilswirksam ansah, und darüber hinaus die Berufung der verschiedensten Propheten kannte, glaubte die jüdische Sekte der Jesuaner, später als "Christentum" weltweit ausgebreitet, an einen neuen Bund Gottes mit allen Menschen, die an Jesus, den Messias (= Christus) glaubten. Der Begriff "testamentum" wurde dann zur Bezeichnung für die beiden Textsammlungen, die von den Christen als Heilige Schrift oder Bibel zusammengefasst wurden, nämlich das Alte Testament (die Schriften des Judentums vor Jesus) und das Neue Testament (die schon auf Jesus bezogenen Schriften der jüdischen und später auch "heidnischen" Christen). Im Neuen Testament wird, so meinen es die Christen, die neue Heilswirklichkeit in Jesus Christus beschrieben und der alten, vorchristlich-jüdischen, entgegengesetzt (2. Kor. 3, 6; 3, 14; Hebr. 9, 15).

Nach der Verwerfung des Volkes Israel wegen der angeblichen (Mit-)Schuld an der Kreuzigung und am Tod des "Gottessohnes" Jesus wird dessen vormalige Auserwähltheit dann im N.T. auf die Gemeinschaft der Christen übertragen (vgl. Röm. 11, 7; 1. Petr. 2, 9). Anfangs wurde die Auserwähltheit allen Christgläubigen zugesichert, d.h. also der gesamten Gemeinschaft der an Jesus Glaubenden. Aber auch in diesem Falle ging der Erwählung der Gläubigen die Erwählung des Stifters dieser zunächst nur jüdischen Sekte voraus. Da behauptete doch ein gewisser Jesus, der sich offenbar in der Konkurrenz mit Johannes dem Täufer durchgesetzt hatte, steif und fest, sein Vater im Himmel selber habe ihn erwählt und als Sohn akzeptiert, in der Weise, wie wir es schon aus dem alten Ägypten und aus der Zeit der davidischen Könige kennen: "Du bist mein eingeborener Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe". Und wenn Jesus es vielleicht doch nicht selber behauptet haben sollte, dann ist ihm dieses königliche Sendungsbewusstsein wohl von seinen ersten oder auch späteren Anhängern unterstellt worden. An dem Auserwähltheitsanspruch des Stifters Jesus, der zum Messias (Christus!) wurde, und seiner jesuanischen, später messianischen (christlichen!) Anhänger würde dies nichts entscheidend ändern.

Schon Montaigne (Essais, S. 220) hat sich unter Berufung auf antike Autoren ganz unverblümt darüber lustig gemacht, und er zitiert dazu den Diogenes, der einem Priester, der ihn zum Beitritt in seinen Orden mit dem Versprechen zu überreden versuchte, ihm würden dann die Güter der anderen Welt zuteil, diese Antwort gab: "Du willst mir also weismachen, so hervorragende Männer wie Agesilaos und Epaminondas erwarte ein unseliges Leben im Jenseits, während Dir Schafskopf die ewige Seligkeit bevorstünde, nur weil Du Priester bist?" Es ist in der Tat unsinnig, dass ein Christ oder Muslim, wenn er nur stark genug an Gott oder Allah glaubt, eher in den Himmel kommt (so schäbig er sich ansonsten verhalten hatte), als ein frommer und würdiger Mann, der nicht nur seinen Göttern (die Christen nennen sie "Götzen") gedient, sondern auch seinen Mitmenschen Gutes getan und sich insgesamt vorbildlich verhalten hatte. Aber die von Gott Auserwählten brauchen sich gar nicht besonders zu bewähren; es genügt, dass sie gläubige Christen bzw. Muslime sind, und schon damit unterliegen sie einer positiven Sippenhaftung: sie gehören einfach dazu, aus Gnadenwahl, und zwar nicht mehr nur der von Gott erwählte Prophet, der solche Verheißung aussprach, sondern schließlich alle, die an ihn glauben; sie alle kommen in den Himmel oder in das muslimische Paradies - wenn sie nur glauben! Aber dann gilt die Erwählung doch wieder ganz besonders für die Priester: im katholischen Sprachgebrauch ist Berufung auch die Wahl eines geistlichen Berufs, sofern sie kirchlich gebilligt wurde.

Solche Auserwähltheit konnte nicht nur als Konsequenz, quasi als Belohnung für das gesetzestreue und gottesfürchtige Leben des Frommen verstanden werden, sondern auch als nachträglich von Gott erwiesene Gnade und Barmherzigkeit gegenüber einem reuigen Sünder. Solche Belohnungen - und erst recht solche Gnade und Barmherzigkeit Gottes - waren aber nicht vom Menschen einklagbar: angesichts des schlimmen Leides, das auch den Gerechten treffen kann (z.B. Hiob) und des unverdienten Glücks für Gauner und Verbrecher, jedenfalls noch im Diesseits, musste dem allwissend-allmächtigen Monotheos ein gewisses Maß an herrscherlicher Willkür eingeräumt werden: "Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, der Name des Herrn sei gelobt".

Aus dem Brockhaus sind folgende Informationen zu dieser Thematik zu entnehmen: besonders in den paulinischen Schriften des N.T. finden sich Aussagen, die in Betonung der absoluten Souveränität Gottes seine völlige Freiheit hervorheben, Menschen zu erwählen oder zu verdammen (Röm. 8, 28-30; 9-11; Eph. 1, 3-14), was später im Koran des Mohammed auch für Allah galt. Auf der anderen Seite konnte dem Menschen nicht seine Sündhaftigkeit vorgeworfen werden, wenn dieser keinen "freien Willen" gehabt hätte, zu sündigen oder auch nicht zu sündigen. Eine Lösung dieses Dilemmas konnte darin liegen, dass der allwissende Gott eben auch voraussehen konnte, für welche Handlungen sich der einzelne Mensch frei entscheiden würde. Diese Lehre wurde in der orthodoxen Ostkirche beibehalten.

In der katholischen Westkirche dagegen hat vor allem Augustinus die Prädestinationslehre (den Glauben an die Vorherbestimmung) in den Zusammenhang mit der Erbsünde gebracht. Aus der schon durch die Erbsünde der Eva und des Adam im Garten Eden prinzipiell verworfenen Masse der Sünder ("massa damnata") werden nur wenige Auserwählte gerettet und zum ewigen Leben bestimmt. Ihnen wird die Gnade sogar ohne Vorleistungen (etwa "Verdienste") zuteil, weil sie anscheinend schon von Anfang an vom allwissend-allmächtigen Gott dazu auserwählt worden waren. Lucidus († nach 474) entwickelte diese augustinische Lehre weiter zur doppelten Prädestination: der Erwählten zum ewigen Leben, der anderen zur Verdammnis. Diese Vorstellung wurde in der Reformation erneuert und modifiziert. Für den Reformator J. Calvin war die Prädestination des Menschen eine zentrale Wahrheit des Glaubens, verbunden mit der Auffassung, dass man teilweise aus dem Lebensalltag, nämlich aus dem beruflich-wirtschaftlichen Erfolg eines Menschen, ablesen könne, dass dieser als auserwählt gelten könne. Ob gesegnet oder verdammt, beides war Gottes Wille, was bei den Muslimen auch mit dem fatalistischen Begriff "Kismet" zum Ausdruck kommt. Wenn nach der Prädestinationslehre das menschliche Leben unter dem ausschließlichen Willen eines allwissend-allmächtigen Gottes steht, dann ist dies allerdings vergleichbar mit den Verhältnissen in einem absolutistischen totalen Staat, in dem der Untertan auch einander widersprechende Willkürentschlüsse eines Alleinherrschers ohne Kritik akzeptieren muss, ja sogar in jedem solchen Entschluss dessen weise Voraussicht zu rühmen hat. In einem solchen Staat möchte ich nicht leben. Wenn es mir schlecht geht, möchte ich wenigstens darüber klagen und irgendeine missgünstige Schicksalsgöttin verfluchen können! Allgemeiner gesagt: es steht dem Menschen zu, in der Not zu klagen, sich gegen Ungerechtigkeit zu wehren, gegen Willkür zu protestieren und schließlich aktiven Widerstand zu leisten.

Wir müssen dabei auch folgendes bedenken: In der vormenschlichen Natur hat es eine solche Auserwähltheit, wie die Juden, Christen und Muslime sie verstehen, nie gegeben, und selbst in der Kultur- und Religionsgeschichte der Menschen ist der Monotheos, der die Menschen danach selektiert, ob sie nur an ihn glauben und daher erwählt sind, oder auch an andere Götter, und daher verworfen werden, eine eher späte Entwicklung. In den - zig Jahrtausenden vorher gab es das noch nicht, dass ein einzelner anscheinend von sich selbst auserwählter Gott behauptete, er sei überhaupt der einzige; und so hatten damals im Himmel noch viele Götter und viele Menschenseelen Platz! In der heutigen Zeit, in der wir Menschen uns als Brüder und Schwestern auf einem räumlich begrenzten Globus verstehen lernen - das ist der eine positive Sinn von "Globalisierung"! -, sollte die Auserwähltheit einzelner Völker oder Glaubensrichtungen und ihr gottgegebenes Vorrecht gegenüber allen anderen Völkern oder Religionen baldmöglichst der Vergangenheit angehören (ich hatte zuerst geschrieben: "abgeschafft werden", aber so grob wollen wir nicht mehr so Glaubenden nicht mit den immer noch so Glaubenden umgehen!). Auf den einen selektierenden Gott, der die einen auserwählt und die anderen verwirft, und der zu diesem Zweck den einen die Rechtfertigung gibt, andere ermorden zu dürfen und sogar zu sollen, kann die Menschheit aber gut verzichten!

Was schon vorher - passim - an positiven Ansätzen angeklungen war, soll nun ausdrücklicher formuliert werden:

  1. Die Möglichkeit und Notwendigkeit des Auslesens. Es gibt weiterhin Unterschiede, auch Wertunterschiede, und sogar Auslese. Zunächst einmal ist die Möglichkeit des Auslesens des Wesentlichen aus dem Unwesentlichen, des Wahren aus dem Falschen, des aktuell Notwendigen aus dem zur Zeit Überflüssigen etc. eine wichtige kognitive Funktion, die von vielen Philosophen, insbesondere von Montaigne, als das menschliche Urteilsvermögen hochgeschätzt wurde. Solche Auslese des Relevanten wird in der Zeit der im Internet ausufernden Informationsüberschwemmung immer wichtiger. Nach der Betonung der Datengewinnung, Datenverarbeitung und Datenreduzierung sollte die Daten-Entsorgung als Ziel erkannt und mit geeigneten Mitteln unterstützt werden: für jeden Haushalt eine graue Tonne, direkt an den Computer, Fernseher oder ans Radio anzuschließen, wobei auch die Vorsorge beachtet werden sollte: man muss lernen, nicht ungezielt zu zappen oder zu switchen, sondern mit Bedacht auszuwählen. Es gibt ja immer noch genügend Familienmitglieder und Freunde, die einen auf das hinweisen können, was er bei dieser Selektion versäumt hat, was dagegen anderen in ihrer Selektion positiv aufgefallen war.

  2. Ohne Zweifel wird es auch weiterhin so etwas wie Elite geben, nämlich das Ausgelesene. Allerdings ist, im Unterschied zur Auserwähltheit als Glaubenserbe und Gnadenanspruch, die heutige Elite ein Vorzug auf Probe und zur Bewährung. Denn diejenigen, die durch ihre menschlichen Qualitäten und ihre sachlichen Leistungen als zur Elite gehörend befunden wurden, können diese Würde verscherzen und verlieren. Am gröbsten Beispiel demonstriert: ein bislang überaus erfolgreicher, allseits bekannter und beliebter Boxer, der irgendwann im Suff seine eigene Frau durch die Tür erschossen hat, ist dann kein Idol mehr. Jeder politisch Verantwortliche sollte darauf bedacht sein, sich nicht mehr als gerade noch erträglich zu blamieren, und wenn er sich Schlimmeres hat zu Schulden hat kommen lassen, gehört er entlassen bzw. abgewählt und im Falle einer erwiesenen Straftat soll er die Härte des Gesetzes erfahren. Würdenträger dürfen heutzutage kritisiert werden, jedenfalls in Demokratien mit Meinungsfreiheit und Pressefreiheit, und auch im engeren Sinne "geistliche" Eliten müssen damit rechnen, nicht mehr als "in ihrer Würde unantastbar" tabuisiert zu werden, wenn sie diese ihrem Rang sehr wohl zukommende Schonung durch eigenes Fehlverhalten verwirkt haben. Auch alte Eliten, wie die Träger alter Adelsnamen, müssen sich erst wieder neu bewähren, um zur Elite gerechnet werden zu können. Die von Weizsäckers, der Philosoph und der Ex-Bundespräsident, haben dies geschafft; der so unbeherrschte "von Hannover" hat dagegen seinen Adelskredit schon öffentlich verspielt, um nicht zu sagen, verpisst und verschissen.

  3. Das Auslesen der Eliten geschieht nach unterschiedlichen Kriterien, und es gibt keinen höchsten Wert, sondern bestenfalls so etwas wie einen Gesamtwert. Dabei gilt in der Regel, dass die hohe Ausprägung eines bestimmten Wertes in einer Person nicht mit einer gleichermaßen hohen Ausprägung eines anderen Wertes in derselben Person verbunden sein muss: das wissenschaftliche Genie muss nicht zugleich ein künstlerisches Genie sein, und die schöne Frau muss nicht zugleich einen edlen Charakter haben. Man muss daher mit einer Bereichsverschiedenheit der Werteausprägung rechnen, und kann nicht einfach von der hohen Ausprägung einer Dimension auf eine gleichermaßen hohe Ausprägung anderer Qualitäten schließen. Andererseits ist zumindest in der Psychologie der Intelligenz und wohl auch des Charakters festgestellt worden, dass in einer größeren Zufallsstichprobe der Gesamtpopulation die verschiedenartigen Positivitäten zwar nur schwach, aber in der Regel positiv miteinander korreliert sind, das also beispielsweise die eher sprachbegabten Menschen auch eher gut mit Zahlen umgehen können und auch besser mit Formen und räumlichen Beziehungen. Dabei könnte sich ein exzeptionell hoher Gesamtwert auch aus gar nicht so hohen Teilwerten ergeben, während eine gleichermaßen extrem hohe Ausprägung aller Teilwerte (der verschiedensten Dimensionen) schon sehr unwahrscheinlich ist, nämlich wenn die Dimensionen nur schwach positiv miteinander korrelieren. Selbst ein zugleich auch mathematisch hochbegabtes Schachgenie könnte in irgendeiner anderen Dimension der Intelligenz nur leicht überdurchschnittliche Werte erreichen. Im menschlichen Leistungsvermögen und Charakter, in dem die nur schwach positive Korrelation der Teilleistungen bzw. Teilqualitäten gilt, spiegelt sich somit die auch ansonsten feststellbare relative Unabhängigkeit der Seinsbereiche und methodischen Zugänge.

Es bleibt aber ein Ideal, zugleich schön und gut zu sein, die Kalokagathia der Griechen, oder einen gesunden Geist in einem gesunden Körper zu haben (lat: mens sana in corpore sano) nach den Satiren (X, 356) des Römers Juvenal (60-140 n.Chr.), oder in englischer Sicht, ein Gentleman zu sein, der wohlhabend und gebildet ist und zugleich ein Mann von Anstand, Takt, Lebensart und Charakter. Dazu braucht er noch nicht einmal dem Hochadel anzugehören, aber er sollte sich auch politisch für das Gemeinwohl einsetzen und in einem Mindestmaß Sport treiben!