2.2.3.2. Der monomegale Gott

Unter Metaphysik verstehen wir eine Gesamtdeutung des Seins, die als rationale Metaphysik auf Erfahrung aufbaut und ihr jedenfalls nicht widerspricht, aber dennoch über sie hinausreichen, also transempirisch sein kann. Eine solche Metaphysik soll Orientierung verschaffen über das Ganze des Seins und die Stellung des Menschen darin. Im Folgenden werde ich einige metaphysische Theorien vorbringen, und zwar nicht zum Absoluten des Monotheismus, sondern zum Ganzen des Seins und pluralistisch gewendet zu den Beziehungen zwischen seinen Einzelaspekten. Monotheistisch ist der Glaube an den einen und all-einzigen Gott der Juden, Christen und Muslime, nämlich an den Gott, der keine anderen Götter neben sich dulden mochte. Aus meiner Kritik am Monotheismus möchte ich zunächst einige Punkte kurz wiederholen bzw. ergänzen. Danach werde ich noch kürzer auf pluralistische Vorläufer des Monotheismus eingehen und dann ausführlicher die gegenwärtigen und zukünftigen pluralistischen Alternativen darstellen.

Ich spreche also noch einmal über den allmächtigen, allwissenden, allgegenwärtigen, allbarmherzigen, allerhöchsten, ewigen und unendlichen Gott, der in allem der Größte ist (griechisch megas, mit Stammerweiterung megalo-: »groß«, »hoch«, »weit«) und zugleich der Einzige (griechisch monos: »allein«, »einzeln«, »einzig«). Allein Er ist der in Allem Größte, er ist ein monomegaler Gott. Ich will kurz die Mängel aufzeigen, die sich aus seiner All-Einzigkeit oder Monomegalie ergeben. Für das Verständnis dieser Mängel erhellend ist die Geschichte des Monotheismus. Als der Monotheos im eher philosophischen Konzept des ägyptischen Aton und später im Mythos des israelitischen Jahwe im Alten Orient auftauchte, hatte er schon weltliche Vorläufer in den Alleinherrschern von Großmächten wie Ägypten und Babylonien. Schon die Autoren der Antike wussten, das großmächtige Alleinherrscher (griech.: Tyrannen oder Despoten, lat.: Diktatoren) den von ihnen beherrschten Menschen nichts Gutes brachten, so sehr sie es auch immer behaupteten.

Das ist heute nicht anders; nur die Titel, also die Selbstbezeichnungen, haben sich zum Positiven hin verändert: In unserer Zeit nannten sich die Alleinherrscher »Duce« (Benito Mussolini), »Führer« (Adolf Hitler), »Lider maximo« (Fidel Castro), allesamt sinngleiche Bezeichnungen für einen obersten und alleinigen Führer, und ganz ähnlich »Caudillo« (Francisco Franco), der auch »Generalissimo« genannt wurde, so wie Josef Stalin in der Sowjetunion der »Generalissimus« war. Man könnte die letztere Bezeichnung als »Oberster aller Heerführer« oder etwas biblischer als »Herr der Heerscharen« übersetzen. Dazu passt noch der allerdings ironisch gemeinte Titel »Gröfaz« für Adolf Hitler, nämlich »Größter Feldherr aller Zeiten«. Also wieder mal: groß, größer, am allergrößten, einzig und allein bestimmend, und zwar nach dem Führerprinzip: alle unter ihm bzw. unter seinen Unterführern haben nur zu gehorchen. Übrigens behaupteten alle diese Alleinherrscher, dass sie jeweils für ihr Volk, für ihren Staat, für ihre Rasse oder für das Proletariat in der ganzen Welt nur das Beste wollten, natürlich das Allerbeste. Inzwischen hat die Geschichte ihr Urteil über sie gesprochen.

Verglichen mit den weltlichen Alleinherrschern ist ein göttlicher Alleinherrscher im Himmel nur noch größer und noch einziger, was die Sache aber auch nicht besser macht. Auch der Monotheos hatte sich zuvor mit einer Vielzahl von Konkurrenten, mit den vielen Göttern der im Alten Orient durchgehend polytheistischen Religionen, auseinandersetzen müssen. Über diese langdauernden Auseinandersetzungen des Jahwe vor allem mit dem kanaanäischen Baal wird im Alten Testament ausführlich berichtet. Jahwes Machtergreifung war erst abgeschlossen, nachdem er wenigstens in Israel den zuvor polytheistischen Pantheon, den Götterhimmel, von allen bisherigen und von ihm her gesehen »anderen« Göttern gesäubert hatte. Die offensichtlichen Mängel, die sich daraufhin aus seiner Alleinherrschaft ergeben hatten, blieben erhalten und steigerten sich sogar noch. Ich will hier nur ein Beispiel dafür bringen: Die Kombination von Allmacht, Allwissenheit und Allbarmherzigkeit in einem göttlichen Wesen ist nicht in Einklang zu bringen mit dem offensichtlichen Leiden der von diesem Gott geschaffenen Menschen in dieser Welt. Angesichts dieses Widerspruchs haben sich seit Hiob leidende und denkende Menschen, so auch der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz, um die Rechtfertigung oder »Theodizee« des all-einzigen Gottes bemüht. Aber noch nie ist dies jemandem wirklich gelungen, und es ist ein Gebot der intellektuellen Redlichkeit, dies auch einzugestehen.

Ganz abgesehen davon, ob Gott die ihm zugeschriebenen Supereigenschaften wirklich hat, ist es vor allem sein monomegaler Herrschaftsanspruch, aus dem sich einige weitere Mängel ergeben. Es sind wirkliche Zumutungen:

a) ein Volk unter allen anderen Völkern auszuerwählen und ihm Hilfe gegen andere Völker zu geloben und zu leisten (gegen die Ägypter und gegen die Kanaanäer);

b) seinem auserwählten Volk ein Land zu verheißen, das schon einem anderen Volk gehörte, eben den Kanaanäern;

c) selber in die Kämpfe einzugreifen und beispielsweise die Ägypter mit 7 Plagen zu quälen und die Kanaanäer mit Völkermord zu schlagen;

d) und ganz zentral: seinen auserwählten Menschen zu verbieten, andere Götter neben ihm zu haben.

Denn dieses Verbot verletzte ihre Menschenwürde, insbesondere das Menschenrecht auf freie Religionsausübung. Erwähnen möchte ich noch, dass Gott dem Abraham abverlangte, seinen Sohn Isaak zu opfern, d.h. zu töten und zu Ehren Gottes zu verbrennen. Diese und andere Zumutungen, die sich aus dem Herrschaftsanspruch des all-einzigen Gottes ergeben, sollte man heute nicht mehr einfach hinnehmen. Die Schädlichkeit von Monomegalie gilt aber auch für außerreligiöse oder postreligiöse Zusammenhänge. Auch in ihnen ist der monomegale Anspruch schwer erträglich. Ich möchte das in ein paar weiteren Beispielen demonstrieren, zunächst noch einmal in einem aus dem Bereich der Politik: