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Das Gesamtprojekt meiner Arbeiten der letzten Jahre hat eine kritische Analyse des Monotheismus zum Thema. Bevor ich aber auf die Monotheismen zu sprechen komme, muss ich mich mit ihren geschichtlichen Vorläufern, mit dem Animismus (Geisterglauben) der Stammesreligionen und mit den polytheistischen Religionen insbesondere der Hochkulturen des Vorderen Orients befassen, denn diese gingen dem ägyptischen und dem israelitischen Monotheismus nicht nur zeitlich weit voraus, sondern sie waren quasi sein Saatbeet. Darin konnte unter besonderen Umständen in einem bestimmten Winkel unserer Erde ein erster Monotheismus entstehen, und das ist noch gar nicht so lange her. In der langen Geschichte der Menschwerdung (es sind vielleicht 3-4 Millionen Jahre, die uns heutige Menschen von den nächstverwandten und schon lange ausgestorbenen Noch-Affen trennen) ist die Entwicklung religiöser Glaubensformen wohl in einigen aufeinander folgenden, aber nicht streng voneinander abgrenzbaren Phasen verlaufen. In Hinsicht auf die mutmaßlich früheste Stufe der Religiosität, wie sie noch heutzutage in den Glaubensformen schriftloser Stammeskulturen vorgefunden werden kann, stütze ich mich in den folgenden Analysen weitgehend auf Materialien, die von Hartwig Weber aus vielen verstreuten Quellen gewonnen und lexikalisch zusammengestellt worden sind (Religion. Lexikon der Grundbegriffe im Christentum und anderen Religionen, Rowohlt TB, Reinbek, 1992), ergänzt durch andere Quellen und eigene Überlegungen.
Die empirisch-historisch orientierte Religionswissenschaft geht von der Feststellung aus, dass in den Religionen der verschiedensten Kulturen recht unterschiedliche Dinge oder Sachverhalte gleichermaßen als "heilig" angesehen bzw. mit den der jeweiligen Sprache eigentümlichen Synonymen so benannt werden, und daß Heiligkeit in allen Religionen eine zentrale Rolle spielt. H. Weber bringt dies auf die kurze Formel: "Religion ist Begegnung mit dem Heiligen" (S. 217). Heilig ist insbesondere das gegenüber dem Alltag ganz Andere, das Außerordentliche und Außeralltägliche (Martin Riesebrodt, S. 73. In: Politisierte Religion. Hrsg. H. Bielefeldt und W. Hartmeyer. Suhrkamp, Frankfurt/M., 1998). Ich könnte auch sagen: heilig ist das, was den Menschen aus dem Gleichlauf des Vertrauten herausreißt, es ist die alles Gewohnte weit übersteigende, den einzelnen Menschen und seine Gruppe völlig überwältigende Grenzerfahrung. In praktisch allen überlieferten oder noch gegenwärtig untersuchbaren Stammeskulturen gab und gibt es die respektvolle Beachtung und Verehrung des von Rudolf Otto als "tremendum et fascinosum" gekennzeichneten "Numinosen" (latein. numen = "Wink"). Im übertragenen Sinne ist das Numen die von einem heiligen Wesen ausgehende Willens- oder Wirkkraft, also das, was den Menschen "umhaut" und sich insofern als mächtig erweist, wenn auch noch nicht im engeren politischen Sinne.
Im Bereich des "Heiligen" ist der Respekt vor demjenigen in der Natur, das von Menschen als mit besonderer Kraft begabt erfahren wurde, wahrscheinlich besonders ursprünglich. Noch unsere Kinder schimpfen mit ihrem Spielzeug, wenn es im Spiel nicht richtig mitmachen will und schließlich nicht mehr funktioniert, neigen also spontan zur Vermenschlichung des Unbelebten. Selbst Erwachsene können die manchmal überraschende und unerwünschte Widerständigkeit von Dingen und Naturobjekten als deren Bösartigkeit erleben ("Willst du wohl anspringen!", nämlich der Motor, oder auch: "Der Nagel will einfach nicht rein!"). Erst recht lag es auch schon für einen Menschen der Vorzeit nahe, beispielsweise den ihn bei einem plötzlichen Blitz durchzuckenden Schreck ganz naiv als Wirkung einer von diesem Blitz ausgeübten Kraft zu verstehen und auch andere erfahrbare und z.T. nicht beherrschbare Kräfte als solche zu benennen, also ihnen Namen zu verleihen, die sie als kraftbegabte Wesen mit Absichten, Handlungsmöglichkeiten und -wirkungen kennzeichneten. So bezeichnete das polynesische Wort "mana" (= "das außerordentlich Wirkkräftige") all das, was als numinose Macht in Naturerscheinungen, Dingen (auch Fetischen), Tieren, aber auch in Menschen zum Guten oder Bösen wirken konnte. Dieses für recht verschiedene Objekte gemeinsam zu verwendende Wort war schon eine gewisse Abstraktion, so auch die Vorstellung, dass das Mana von einem Wesen auf ein anderes übertragbar sein könne (noch heute im "Segen" praktiziert). Das impliziert auch die Teilhabe am Mana eines Anderen und schließlich an einer Gesamtkraft, die sich auf unterschiedliche Weise manifestieren kann. Der Erwerb und Besitz des Mana und seine Kontrolle wurden als großer Vorteil angesehen und vor allem dem Häuptling oder Medizinmann zugeschrieben, so dass die ehrfurchtsvolle Scheu vor der wirkmächtigen Kraft des Mana zur Regulierung früher Formen gesellschaftlichen Lebens beitrug. Aber es bleibt zu fragen, ob wir die im Wort "Mana" vorgenommene Abstraktion übernehmen sollten. Ich selber finde eine Pluralität unterschiedlicher Arten von Kräften näherliegend und denke, dass auch schon Menschen der Vorzeit wohl den Unterschied gespürt hatten, ob sie von Blitz und Donner erschreckt oder von einem Bären bedroht worden waren. Ich traue ihnen jedenfalls zu, dass sie zwischen abstoßenden und anziehenden, gewaltsamen und sanften, überwältigenden und zu meisternden Kräften (im Plural!) unterscheiden konnten. Aber ob das Mana die Teilhabe an einer Gesamtkraft meinte oder das Verfügen über jeweils besondere Einzelkräfte, das ändert wenig daran, dass in archaischen Religionen das Erleben des als wirkmächtig verstandenen Numinosen von besonderer Bedeutung war.
Im Verlauf eines Entwicklungsprozesses von mindestens einigen hunderttausend Jahren (die Phase des eigentlichen Menschseins, der Art Homo sapiens, ist mit etwa 100.000 Jahren wohl zu kurz bemessen) wurden die zunächst individuellen Erfahrungen des Numinosen, des außeralltäglich Heiligen, durch sprachliche Vermittlung innerhalb des Stammes von einer Generation auf die nächste weitergegeben. Sie wurden dabei so ausgestaltet und zu Mythen (=Erzählungen) vereindeutigt, dass sie zur selbstverständlichen geistigen Orientierung eines ganzen Stammes und in Varianten auch einiger verwandter oder auch nur benachbarter Stämme dienen konnten. Bei der Entstehung und Umwandlung von Mythen spielt das kreative Geschichtenerfinden eine im Einzelnen schwer einzuschätzende, insgesamt aber zunehmend größere Rolle.
Wenn wir davon ausgehen, dass Gefüge von Kraftwirkungen und Machtbeziehungen schon für archaische Religionen charakteristisch waren, können wir weiterfragen, wo im Einzelnen die inhaltlichen Schwerpunkte lagen in solch einer Welt der numinosen Kräfte. Unter ihnen gab es plötzlich einbrechende und bis ins Mark erschütternde Naturgewalten, die am schärfsten die Kontinuität des Alltäglichen aufhoben und zu ansteckender Panik, ggf. auch zu hilfloser Lähmung führten, z.B. Vulkanausbrüche in den Rift-Zonen Nordostafrikas, der mutmaßlichen Heimat des Urmenschen, aber auch darüber hinausgehend schwere Erdbeben, andernorts auch Wasserfluten und Überschwemmungen, in Trockenzeiten auch Feuerstürme; in minderem Ausmaß konnten auch Gewitter mit Blitz, Donner und Wolkenbrüchen das seelische Gleichgewicht der Menschen erschüttern. Solche Gewalten wurden, was ja so sehr nahe lag, als von jemandem bewirkt erlebt, ja als dessen wirkmächtiges Sein selbst gedeutet, und numinose Kräfte und auch Geister galten als verantwortlich für das, was wir heute viel sachlicher als "Naturphänomene" bezeichnen. Schon die Naturphilosophen des griechischen Altertums bezeichneten die Furcht vor unheimlichen oder außergewöhnlichen Naturerscheinungen als Ursprung des Götterglaubens (H. Weber, S. 417). Noch in den späteren Göttervorstellungen mancher Völker blieben diese archaischen Auffassungen erhalten: Da gab es göttliche Blitzeschleuderer wie den germanischen Donar, den Jahwe der Israeliten als Vulkangott, den Wotan der Germanen als Sturmgott, und nicht selten wurden die Götter als grausam vernichtend gefürchtet. Relativ unabhängig von derartigen Katastrophen gab es auch in ruhigen Zeiten immer wieder Krankheit und Tod, Beängstigendes und seltsam Abstoßendes, und immer wieder bedrohlichen Hunger und Durst. Denn viele Gruppen und Stämme lebten nicht mehr in tropischen Paradiesen mit frei zugänglichen Wasserstellen, fruchttragenden Bäumen und leicht zu erbeutendem Kleingetier. Sie mussten zunehmend auch mit Kargbiotopen vorliebnehmen, in denen sie sehr findig sein mussten, um sich die tägliche pflanzliche und fleischliche Nahrung zu sichern. Hinzu kam, dass sie dabei mit bedrohlichen Konkurrenten zu rechnen hatten, mit gefährlichen Raubtieren wie den Großkatzen, und im Norden mit dem Bär und den Wolfsrudeln, und selbst die inzwischen mit Lanze, Pfeil und Bogen jagdbaren großen Pflanzenfresser waren nicht nur schnell in der Flucht, sondern in einzelnen Fällen auch wehrhaft in der Verteidigung und im Gegenangriff, wie etwa wütende Elefanten- oder auch Büffelmütter in der Verteidigung ihrer Jungtiere. Es wurden schon in frühen Zeiten magische Praktiken eingesetzt, um die erschreckenden Naturmächte zu besänftigen oder zu bannen. Sie wurden in Felsbildern festgehalten, in selbst gemachten Fetischen verkörpert, und konnten auch schon in die Funktion eines Stammestotems eingebunden werden. Als Totems werden Wesen - Naturerscheinungen, Pflanzen, Tiere - bezeichnet, mit denen die Menschen einer größeren Sippe, eines "Clans", in einer besonderen und sogar ausschließlichen religiös-mystischen Beziehung stehen. Mit den Mitteln der Mantik (Wahrsagekunst) versuchte man, gefährliche Naturerscheinungen schon vorauszusehen, um ihnen rechtzeitig ausweichen oder sie magisch abwenden zu können.
Das Heilige hat jedoch nicht nur zerstörerische Kraft, es tritt dem Menschen nicht nur als befremdlich und erschreckend ("tremendum") entgegen, sondern begegnet ihm auch ganz positiv als begeisterndes "Fascinosum". Es gab auch einfach Erfreuliches, Freundliches: Die essbaren Früchte und jungen Pflanzentriebe in der wild wuchernden Vegetation, die süßen Honigwaben, Vogelnester mit leckeren Eiern, dazu Kleingetier, Fische, Krebse und Muscheln, auch fette Insektenlarven, und dies alles manchmal in so großer Fülle, dass die Menschen sich damit die Bäuche voll schlagen konnten. Dahinter nahrungsspendende mütterliche Geister zu vermuten oder auch schon Göttinnen des Waldes und der Tiere, das lag nahe und konnte Anlass gegeben haben zum Aufkommen von darauf bezogenen und intersubjektiv geltenden Mythen, die innerhalb einer Kultgemeinschaft tradiert und auf Dauer gestellt wurden. Da war es sinnvoll, sich der Unterstützung durch solche numinose Wesen zu versichern und ihnen kleine Aufmerksamkeiten zu erweisen oder auch mal einen Anteil von der gesammelten Nahrung oder erlegten Beute übrig zu lassen, ihnen zu opfern. Es war also nicht nur die Angst der Menschen vor Gefahren und Katastrophen, was die beseelten Kräfte, auch Geister und Götter für die Menschen wichtig werden ließ, sondern dazu trug auch das menschliche Glückstreben bei. Die numinosen Mächte brachten nicht nur Böses, man verdankte ihnen auch das Gute, sie griffen auch rettend, befreiend und heilend in das Leben ein. Auch Glück und große Lust, auch ein Orgasmus und ein Rausch kann einen Mensch "umhauen", und auf weniger umwerfende Weise gehörte zum Glück auch Gesundheit und langes Leben, Erfolg bei der Jagd und beim Sammeln der Nahrung.
Hinzu kam eine ästhetische Empfänglichkeit auch schon der Menschen schriftloser Kulturen für das Besondere und Schöne in der Natur: Alles, was sich aus dem Einerlei einer bestimmten Umwelt als etwas Besonderes heraushob, wurde auch schon vom archaischen Menschen positiv beachtet und konnte sogar von bestimmten Gruppen und Stämmen eigens verehrt werden. Das konnte eine Lichtung im sonst dichten Wald sein, ein erloschener Vulkankegel oder Felsenhorst in der ansonsten flach ausgebreiteten Ebene, eine Insel vor der Küste, ein lauschiger Quellort, ein alter Baum, der alles überragte, was rings umher wuchs; all dies konnte als heilig empfunden werden. Es lud ein zum Kommen und Verweilen, zur "Einkehr" und inneren Sammlung und zur Verehrung des Heiligen. Insbesondere an solchen Orten wurden später auch Tempel errichtet. Für diese Naturverehrung gibt es viele historische Belege und Beispiele: Im antiken Griechenland gab es besonders wohltätige Naturgottheiten, als Nymphen ("Mädchen") bezeichnet, die ihre örtliche Verehrung an Quellen und klaren Bächen, in Grotten und Hainen fanden, und auch im japanischen Shintoismus werden Quellen und Brunnen, wiesenartige Freiflächen und einzelne Bäume verehrt. Vielleicht hat es damit etwas zu tun, wenn die Japaner immer noch ihre Bonsais (Zwergbäume) quasi als private Meditationsobjekte nutzen. Die Donarseiche, von Bonifatius 724 gefällt, stand wohl auf einem geheiligten Kultplatz, und auch die in deutschen Mittelgebirgen vorfindbaren Wotans- und Donars(="Donners")-Berge lassen auf Bergkulte schließen. Insbesondere die nicht mehr bewaldeten, sondern schließlich felsigen Gipfel hoher Berge galten als Sitz der Götter. Darüber hinaus erlebte man die Wälder und das Meer insgesamt als von Naturgeistern und Naturgöttern bevölkert, von guten und von bösen. In der griechischen Religion galten Flüsse als heilig. Beim Überqueren eines wohl größeren Wasserlaufs, der zugleich oft eine Grenze zum nächsten Stamm markierte, wurden Opfer dargebracht. Es waren insgesamt eher ortsgebundene Naturgeister und -götter, die verehrt wurden, aber schon in einer gewissen Vergleichbarkeit und Kontinuität, denn dort, wo schon einmal ein Naturheiligtum war, wurde oftmals auch später von einer ganz anderen Religion der Eroberer oder Missionare ein Tempel errichtet. So heißt es, dass Bonifatius nach dem Fällen einer heiligen Eiche dort eine christliche Kapelle erbauen ließ.
So sehr das negativ oder auch positiv Besondere und das Unvertraute die primären Anlässe zur Entwicklung des Religiösen boten, so blieb die Religion doch nicht auf sie beschränkt, sondern durchdrang auch den Alltag und das Gleichmaß des Selbstverständlichen. Religion im weitesten Sinne war der Bedeutungshintergrund der gesamten jeweils erfahrbaren Welt; sie vermittelte einen Komplex sozial geteilter Phantasien, die z.T. auf traumhaften Verarbeitungen des Erlebten aufbauten. Auf solche Weise konnte aber auch Vertrautes, Harmloses und Alltägliches numinos aufgeladen werden, als plötzlich irgendwie verändert und sogar fremd erscheinen, vergleichbar der Art, wie der paranoid Schizophrene selbst das Allerharmloseste als auf sich selbst gemünzt und zugleich bedrohlich erleben kann.
Ursprünglich waren gute und böse Kräfte im Heiligen nahe beieinander und sie konnten bis heute in ein und derselben Gottheit vereint sein. Was aber im Einzelnen als außeralltäglich, als bedrohlich oder hoch befriedigend gilt, betrifft keineswegs alle Mitglieder einer Gesellschaft gleichermaßen. Die Menschen sind je nach Alter, Geschlecht und sozialem Status und als Einzelne, in der Familie und bis in den Stammesverband unterschiedlichen Risiken ausgesetzt, und bewältigen diese durch eine Vielzahl von Praktiken, ebenso wie sie sehr unterschiedliche Glückserfahrungen zu verarbeiten haben. Das bedingt schon von Anfang an einen internen Pluralismus jeder Glaubensform (M. Riesebrodt, 1998, S. 73). Im Verlauf der Religionsentwicklung hat das Heilige in zahlreichen personal aufgefassten Geistern und Göttern Gestalt angenommen und schließlich galt als heilig nur noch das, was dem all-einzigen Gott angehörte. Darüber später mehr.
Im Unterschied zu den Naturkräften waren die Menschen, jedenfalls die Mitglieder der eigenen Horde oder des eigenen Stammes, in ihrer Selbsterfahrung etwas ganz Vertrautes. Die Menschen einer Gruppe standen in der Frühzeit und stehen zum Teil noch in heutigen Stammesgesellschaften eher auf einer Rangstufe, die kleinen Gruppen waren intern weitgehend egalitär, wenn man einmal vom Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen absieht. Auch der Geschlechterunterschied zwischen Mann und Frau ist meist eher als Arbeitsteilung denn als Rangdifferenz verstanden worden. Selbst einen Häuptling brauchten die frühen Sammler und Jäger noch kaum, außer im Falle von kriegerischen Streitigkeiten zwischen einander fremden Stämmen, wenn es galt, alle Kräfte eines Sippenverbandes gegen fremde Konkurrenten zusammenzufassen und erfolgreich einzusetzen. Aber solange man vor solchen Fremden in noch unbewohnte Gebiete ausweichen konnte, wurden engere Kontakte und insbesondere kriegerische Auseinandersetzungen mit ihnen eher gemieden, was zu einer zentrifugalen Tendenz und damit wohl auch zur Ausbreitung der Menschen über schließlich alle Kontinente beigetragen hat. Ansonsten war in der Erfahrungswelt von Sammlern und Jägern jeder Mensch der eigenen Gruppe das Selbstverständlichste und Vertrauteste, was es überhaupt gab, so dass es als fast widersinnig erscheinen konnte, ausgerechnet einen Menschen, etwa gar der eigenen Gruppe, als numinos zu achten, als Tremendum zu fürchten und als Fascinosum zu bewundern. Das Numinose war ja gerade das Unvertraute, das Fremde außerhalb der Gruppe, in der nachts unheimlichen und gefährlich-feindlichen Umwelt, die sich tagsüber aber auch als einladend erweisen konnte.
Diese Überlegungen gelten zunächst und zumindest für die noch lebenden Mitglieder einer solchen Gruppe. Dagegen konnte der durch Krankheit oder andere äußere Einwirkung eingetretene Tod einer einzelnen Person ihr immerhin nachträglich eine besondere Bedeutung verleihen. Denn die Verstorbenen konnten ihren Angehörigen nicht nur in blasser Erinnerung über die Trauerzeit hinaus lebendig bleiben, so wie wir uns ja auch an zeitweilig abwesende Personen mehr oder weniger gut erinnern können. Sie konnten ihren Hinterbliebenen auch noch lange nach ihrem Tode wie leibhaftig im Traum erscheinen, manchmal zwar in veränderter Gestalt, z.B. mit noch jugendlichem Aussehen, aber auch mit alptraumhaft verzerrten Gesichtszügen oder auch, zumindest in Teilen ihres Körpers, in Tiergestalt. Diese "Wiedergänger" konnten den von ihnen träumenden Menschen auch etwas mitteilen, von ihnen etwas wünschen oder dringlich fordern, dies vor allem dann, wenn der Träumer mit schlechtem Gewissen sich an ihrem Tod mitschuldig fühlte. Im Traum, vor allem im mehrfach wiederholten Traum, konnte der Verstorbene als Wiedergänger präsent bleiben. Das galt allerdings nicht für alle Gruppenmitglieder gleichermaßen. Denn von früh verstorbenen Kindern, von entfernteren Verwandten und von Fremden, denen man nur wenige Male begegnet war, blieb nach ihrem Tod nur wenig oder nur blasse Erinnerung übrig, und sie tauchten auch nicht so leicht in Tagesphantasien oder nächtlichen Träumen auf. Altgewordene Respektpersonen hingegen, mit denen die ganze Familie und der ganze Stamm schon längere Zeit vertraut war, und die mit ihrer Lebenserfahrung schon zu Lebzeiten eine besondere Achtung erworben hatten, die meldeten sich auch nach ihrem Tod häufiger in den Träumen ihrer Hinterbliebenen wieder. Sie blieben damit in zugleich anschaulicher wie emotionaler Erinnerung und waren dadurch noch über ihren Tod hinaus irgendwie bestimmend und einflussreich. Besonders wenn mehrere Familien- oder Stammesangehörige desselben Verstorbenen in der Trauerzeit von ihm träumten und einander darüber berichteten, dann schien er doch noch irgendwie "da" zu sein und weiterwirken zu können. Dann lag es auch nahe, die "Seele" eines solchen Ahnen anzurufen und um Hilfe zu bitten, etwa wie noch heute im Stoßgebet gläubiger Katholiken: "Heilige/r XX hilf!". Auf Grund solcher subjektiver Erfahrungen der Hinterbliebenen war es für Menschen vielleicht schon immer schwer vorstellbar, dass das individuelle Leben mit dem Tode ganz und gar zu Ende gegangen sei. Insbesondere der dahingeschiedene Schamane, also der Krankenheiler und Seelenhelfer eines Stammes, der ja ohnehin die Fähigkeit hatte, in Ekstase zu geraten, im Trancezustand vorübergehend seinen Leib zu verlassen und auf eine Traumreise zu gehen, konnte als jemand aufgefasst werden, der von solcher Reise nicht zurückgekommen war, aber doch immer noch irgendwo sein muss. Auch verstorbene Stammeshäuptlinge und schließlich überörtlich bedeutende Helden konnten noch nach ihrem Tode in bestimmte Lebensbereiche ihrer Nachkommen eingreifen (H. Weber, S. 263). Sie erlangten damit die Macht von Kräften (Mana) und die Qualität von Geistern, wurden als solche geachtet und gefürchtet, manchmal vielleicht sogar mehr als zu ihren Lebzeiten. Es ist typisch für den so ableitbaren Geisterglauben, dass in seiner Welt gute und böse Geister wirken, auf Familie und Sippe bezogene Schutzgeister und auch böse Geister, mit denen man sich mit vorsorglichen Opfern gut stellen muss. Es galt als ratsam, sich vor ihrem Zorn zu hüten (H. Weber, S. 264). Eine derartige Ahnenverehrung ist besonders für die chinesische Religiosität gut dokumentiert, sie ist aber darüber hinaus weltweit verbreitet.
Wie schon zu Lebzeiten wurde insbesondere das Sippenoberhaupt auch nach dem Tode verehrt. Das begann mit kultischen Praktiken bei der Beisetzung des Verstorbenen, und wurde zur Erinnerung an ihn besonders an den Jahrestagen seines Todes fortgesetzt. Dann trafen sich seine Angehörigen, um ihm Speise und Trank zu bringen, weil sie vielleicht glaubten, dass er unter der Erde oder als Luftgeist weiterlebte und zum Weiterleben weiterhin eine angemessene Versorgung bräuchte mit Nahrungsmitteln und mit dem, was er ansonsten nötig hätte. In dieser Entwicklungsstufe war das Opfer noch ein magisch vermittelter freiwilliger Beitrag zum Weiterleben dessen, den man selbst als Schutzgeist brauchte und den man im Gebet weiterhin anrufen konnte. Wenn man mit Hilfe eines kundigen Wahrsagers den Toten beschwor, konnte man von ihm auch Auskunft über die Zukunft erhalten. So ging der Respekt gegenüber den weisen Alten allmählich über in die religiöse Verehrung der verstorbenen Sippenahnen (H. Weber, S. 34 und passim). Als Toten- oder Ahnengeister übernahmen sie den Schutz der lebenden Familie und stärkten den Zusammenhalt der Gruppe, und auch der einzelne Mensch konnte nach dieser Auffassung sein Leben nur unter dem Schutz und mit Hilfe der Ahnen und anderer guter Geister bestehen.
Bisher war in Hinsicht auf stammesgesellschaftliche Religionen eher von numinosen Kräften und Geistern die Rede. Aber war die Herrin der Tiere vielleicht schon eine erste Göttin? Waren einige der altehrwürdigen Ahnengeister schon erste Götter? Es ist nicht so einfach, den Übergang von Naturkräften und Seelengeistern zu Göttern oder die Differenz zwischen ihnen genauer zu bestimmen. Weder in der religionshistorischen Rekonstruktion, noch im Vergleich von bis heute bestehenden Stammeskulturen konnte das bisher schlüssig erreicht werden. Denn auch die numinosen Naturkräfte und die heiligen und bedrohlichen Seelengeister wurden schon als Wesen mit quasi menschlicher Intentionalität verstanden, mit Absichten und Handlungsfähigkeiten und somit als Wesen, die wie Menschen etwas bewirken konnten und von Menschen beeinflussbar oder aber ihnen gegenüber widerständig waren. Es gab vielleicht schon sehr früh fließende Übergänge von den Naturkräften über die gut/bösen Seelengeister bis zu den Göttern. Dabei gilt in etwa, dass je größer die Zahl der numinosen Wesen ist, um die es gerade geht, um so eher von Geistern gesprochen wird, und je geringer die Zahl, umso eher von Göttern, und schließlich in der Einzahl nur noch von "dem Gott". Dieser hat ja außerdem den Anspruch, nicht nur der eine Gott etwa seines Volkes zu sein, sondern der einzige Gott, der von allen Menschen gleichermaßen zu verehren ist. Doch von der Zeit der frühen polytheistischen Staatenbildungen bis zum ersten Auftauchen des Monotheos im Glauben des Echnaton vergingen noch ein paar tausend Jahre, in denen Menschen lebten, deren vormonotheistische religiöse Vorstellungen wir uns aus methodischen Gründen genauer anschauen sollten.
Setzen wir daher an der Stufe der Verehrung der Ahnengeister an und gehen noch einen Schritt weiter: Wenn ein verstorbener Mensch als weiterhin personhaft mit menschlicher Gestalt und eigenem Willen ausgestattet erlebt wird, und wenn er als Sippenältester, Stammesführer oder Schamane weiterhin in seinem Stamm, als "Held" sogar stammesübergreifend verehrt wurde, dann konnte ein solches Weiterleben nach dem Tode in eine Vergottung einmünden, nämlich in eine pflichtgemäße überörtliche Verehrung durch Menschen, die diese Person gar nicht selber kennen gelernt und näher erlebt hatten. So kommt es zu fließenden Übergängen zwischen Geistern und Göttern, dann werden Verstorbene zu Göttern erhoben und als Götter verehrt. Solche Vorstellungen über das Werden der Götter werden als Euhemerismus bezeichnet: Das ist die auf den griechischen Philosophen und Schriftsteller Euhemeros (340 bis 260 v. Chr.) zurückgehende Ansicht, dass insbesondere verstorbene Helden, Herrscher und als weise geltende Menschen über einen Ahnen-, Heroen- und Herrscherkult hinausgehend später als göttlich verehrt wurden. Derartige Erhebungen von Menschen zu Göttergestalten lassen sich in vielen Religionen nachweisen, so auch in der Vergottung des Jesus von Nazareth im christlichen Glauben. Allerdings kann mit der Theorie des Euhemerismus nicht der Götterglaube insgesamt erklärt werden. Es kommt hinzu, dass die Erinnerungsbilder verschiedener Ahnen und bedeutender Personen sich überdecken und vermischen können. Ganz besonders im kollektiven Gedächtnis der Stammesgesellschaften und Völker verdichteten sich solche Mythen zu mehr und mehr ausgeschmückten Gesamtbildern. In neuen Kulten hinzugekommene Götter haben oft einige Züge früherer Götter aufgenommen, nicht nur im Bezug auf ihre Erscheinungsweise, sondern auch auf die Praxis ihrer Anhänger, sie im Kult zu verehren. Eine derartige Verschmelzung (Synkretismus) unterschiedlicher Lehren oder Kulte war vor allem in der kulturhistorischen Phase des Hellenismus verbreitet, als in der Epoche Alexanders des Großen und seiner Nachfolger das Griechentum in die östlichen Länder eindrang und sich stark mit orientalischen Elementen vermischte.
Auf der anderen Seite gab es nicht nur das Entstehen, sondern auch das Vergehen und Sterben von Göttern. So wie Götter als Vergöttlichungen von Herrschern aufkommen und mächtig werden konnten, so konnte ihre Verehrung auch schwinden, vor allem wenn Fremdherrscher auftauchten oder ein Usurpator die Macht ergriff und die von ihnen verworfenen alten Götter untergehen mussten. Aber auch ohne eine derartige "Götterdämmerung" (in der nordgermanischen Mythologie: Ragnarök) konnten Götter, die einmal als sehr mächtig galten, und dies über lange Zeiten, dennoch schließlich sterben und ganz in Vergessenheit geraten. Friedrich Nietzsche hat es noch etwas provozierender ausgedrückt: "Auch Götter verwesen!" (Die fröhliche Wissenschaft, 1881/82). Kaum jemand in Deutschland denkt noch von sich aus daran, dass ursprünglich der Sonntag der Verehrung des Sonnengottes galt, der Montag dem Mond gewidmet war, der Dienstag dem Tiu, der Donnerstag dem Donar und der Freitag der Freya. Auch in England wird am Wednesday (=Wotanstag) nicht mehr des Wotan gedacht. Diese Götter sind inzwischen so gut wie tot, nur in manchem Brauch und Aberglauben sind noch Spuren von ihnen vorzufinden. Die unter Neonazi-Sekten seit einigen Jahren wiederbelebten Götterkulte der alten Germanen haben keine echte Chance, sich allgemein durchzusetzen. Dagegen halten sich einige sehr langlebige Götter über Jahrhunderte und der ägyptisch-jüdisch-christlich-islamische Monotheos sogar über mehrere tausend Jahre, dies aber nur unter besonderen Bedingungen. Es ist aber für den Polytheismus jedenfalls in den noch schriftlosen Kulturen geradezu charakteristisch, dass immer wieder neue Götter aufkommen und alte Götter vergehen und sogar sterben können. Das eben Gesagte gilt vielleicht auch für zukünftige Götter: Auch wenn sie über unsere menschliche Lebensspanne hinaus viel langlebiger sein mögen, so könnten doch auch sie schließlich sterblich sein, und sie wären damit uns Menschen wieder ähnlicher geworden und uns als ihren Schöpfern (L. Feuerbach) wieder näher gerückt. Lebende und verstorbene Menschen, Geister und Götter waren in früheren Zeiten in der Sicht der Gläubigen ohnehin noch nicht übergangslos voneinander geschieden, und die irdische Welt (die des Tages und die des Traums) und die himmlische Welt erschienen aufs engste miteinander verbunden. Von vielen Göttern wird berichtet, dass sie zunächst - oder bei späteren Gelegenheiten vorübergehend - in Menschen- oder Tiergestalt auf Erden aufgetreten wären. Andererseits berichten vor allem griechische Mythen über Helden, dass sie eigentlich Söhne oder Enkel von Göttern seien (und dann wären diese Götter die Eltern oder Großeltern von Heroen gewesen !), oder dass Helden später zum Range von Göttern erhoben wurden (H. Weber, S. 213).
Bei allem Kommen und Gehen der Götter blieb auf örtlicher Ebene ihre Anzahl zunächst eher gering. Da es in den urtümlichen Stammesgesellschaften nur wenige soziale Rollen gab, konnten schon wenige Götter ausreichen, um jedem der verschiedenen Individuen als jeweils positiver Repräsentant seines eigenen Selbst zu dienen. So waren Götter wie Menschen entweder ein Mann oder eine Frau, eine Mutter oder ein Vater, entweder ein Kind oder ein Erwachsener oder ein Greis, eher ein mächtiger Stammesältester oder eher ein kundiger Schamane, eher ein geistig Gesunder oder eher ein Verrückter, ein Guter oder ein Böser. Das war's dann auch schon! Viel mehr Differenzierung gab es weder auf Erden noch im Reich der Geister und Götter. Ursprünglichere Arten von Religionen waren in dieser Weise enger an die Familie und Sippe gebunden, an die Personen eines Stammes oder einer Stammesgruppe, die den gleichen Ahnen verehrten, von dem alle abstammten, und die dem gleichen Totemtier verpflichtet waren. Ernst Topitsch (Vom Ursprung und Ende der Metaphysik, Springer, Wien, 1958) bezeichnete solche Religionen als soziomorphe Modelle einer Weltanschauung, nämlich wenn sie primäre soziale Strukturen und Sinnzusammenhänge der irdischen Menschengruppen, z.B. ihre ursprüngliche Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, ihre anfängliche Werktätigkeit, Familie und Stammesordnung analog auf die himmlischen Götter übertrugen (S. 18 und passim). Nach Topitsch besitzt die soziomorphe Weltauffassung auch eine ausgesprochene ethische Funktion. So galt das als intentional verstandene Wirken der Naturmächte, auch Elementar-Katastrophen wie Erdbeben und Überschwemmungen, als himmlische Antwort auf menschliche Freveltaten und diente in der Vorstellung der davon Betroffenen zur Ahndung von groben Übertretungen sozialer Normen (S. 94). Aber diese Vergleichbarkeit und damit Klassifizierbarkeit ursprünglicher animistischer Religionen änderte nichts daran, dass die meisten ihrer Ahnengeister und später davon abgeleiteten Götter nur eine örtliche Bedeutung hatten. Wenn man allerdings alle familiären Geister und örtlichen Götter zusammenzählen wollte, wäre ihre Anzahl natürlich unbegrenzt. Aber das ist eine sehr theoretische Überlegung, denn vor Ort hatten die Menschen einer bestimmten Gruppe sehr wohl eine gute Übersicht über die für sie selber wichtigen Geister und Götter. Das änderte sich erst mit der zunehmenden Berührung, wirtschaftlichen Verflechtung und schließlich politischen Überschichtung der bisher über so lange Zeit weitgehend isolierten Stammesgesellschaften.
An dieser Stelle sollten wir uns etwas näher mit dem Begriff "Mythos" befassen (in meinen Überlegungen zu diesem Thema stütze ich mich u.a. auf den "Brockhaus", gebe dessen Hinweise aber mit Abänderungen und Ergänzungen wieder). Ein Mythos (griech. "Wort", "Rede") ist der seit alters her, z.T. wohl auch aus vorgeschichtlicher Zeit, tradierte Bericht über Numinoses, über Kräfte, Geister, Götter, Heroen etc. und über mit ihnen verbundene Geschehnisse. In den Zeiten, als noch Jäger und Sammler umherstreiften, und auch noch heute, wo einige Stämme diese Subsistenzweise in Rückzugsgebieten aufrechterhalten konnten, kamen Mythen nur im Singular vor: der Mythos war zunächst immer nur eine in der einzelnen Stammesreligion gültige Aussage. Er war insbesondere gültig für den, der ihn erzählte und für die, die ihm zuhörten und davon beeindruckt waren. Die im einzelnen Stamm tradierten mythischen Vorstellungen über Geschehnisse numinosen Charakters konnten zusammengenommen so etwas wie einen Gesamtmythos, eine Religion ausmachen, ohne daß ein Stammesangehöriger auf die Idee hätte kommen können, ein Wort wie "Mythos" oder "Religion" als Abstraktum zu verwenden. Dass andere Stämme andere religiöse Vorstellungen hatten, ja dass die von Menschen belebte Welt voller Mythen war, konnte ihm noch gar nicht in den Sinn kommen. In seinem eigenen Glauben war er zugleich sicher und befangen.
Wir haben heute die Möglichkeit, die verschiedensten Mythen vergleichend zu betrachten. Die Mythen sind meist anschaulich-bildhaft; in ihrer Nähe zu kindlichem Denken und Verstehen erfahren sie die Umwelt als belebt und geben dies in phantasievoller Sprache wieder. In diesem Verständnis der Wirklichkeit sind "Wort" und "Sache" noch nicht klar voneinander getrennt. Neben einer manchmal gewissen Umständlichkeit ihrer Geschichten kann im einzelnen Mythos auch eine exemplarisch verdichtende Prägnanz festgestellt werden. Entstehungsgeschichtlich werden Mythen einer kindlich-archaischen Entwicklungsstufe der Menschheit zugeordnet. Sie haben sich aber als universales Kulturphänomen bis heute erhalten, weil eine gewisse Kindlichkeit und ein Bezug zum Ursprünglichen offenbar zum Menschsein gehört.
Inhaltlich geht es in den Mythen vor dem bannend-bedrohlichen Hintergrund des "Heiligen" um die "letzten Fragen" des Menschen, einerseits um ihn selbst, seine Herkunft und Zukunft, andererseits um die Welt, in der er lebt und die er als sinnvoll zu deuten versucht, so sehr sie ihm auch manchmal als übermächtig und geheimnisvoll erscheint. In den Mythen wird versucht, dieses Ganze von seinen Ursprüngen her und aus dem Wirken numinoser, besonders auch anthropomorph als Personen verstandener Kräfte verständlich zu machen. Mythen handeln vom Anfang der Welt und ihrem Ende, vom Entstehen der Götter und ihren Taten, vom Werden und Vergehen der Natur im Wechsel der Jahreszeiten und von Tag und Nacht. Sie kreisen um zentrale Ereignisse und Situationen des menschlichen Lebens wie Geburt, Pubertät, Ehe, Familie, Liebe und Hass, Krankheit und Tod. Viele Mythen sind auf eine zyklische Wiederholung der Geschehnisse ausgerichtet, die im Kult rituell nachvollzogen werden kann. Sie dienen auch zur Beglaubigung religiöser Grundannahmen und zur Orientierung der Gläubigen im Handeln. Auf höhere Stufen religiöser Mythen werde ich im weiteren Text noch zurückkommen.
Nach der viele Zehntausende von Jahren langen Zeit archaischer Stammesreligionen begann vor etwa 12 bis 10 Tausend Jahren eine bemerkenswerte, ja zunehmend dramatische Veränderung der bisher von mir geschilderten Verhältnisse. Ausgehend von den von Flüssen durchzogenen und locker bewaldeten Hügellandschaften des "fruchtbaren Halbmondes", zentriert um den Oberlauf von Euphrat und auch Tigris in der heutigen Ost-Türkei, mit Ausläufern bis nach Palästina im SW und bis in die Hänge des Zagros-Gebirges im SO, sind im Ausgang der Steinzeit (Neolithikum) revolutionäre Änderungen der menschlichen Wirtschaftsweise und damit Lebensweise eingetreten. Man kann sich die Anfänge etwa so vorstellen: Aus dem Sammeln der Körner von Wildgräsern ergab sich, dass einige der Körner im Umkreis der Lagerstätte in weichen Boden fielen, wieder auskeimten und wieder reif wurden. Daraus entwickelte sich das Freihalten solcher Zufallsbeete von störendem anderen Bewuchs (von "Unkräutern"!), und über ein Unterstützen der Selbstaussaat von Restbeständen dieser Getreide kam es zu einem vielleicht erst spielerischen, dann gezielten Aussäen von Vorformen der Gerste und des Weizens in einem eigens dafür aufgelockerten unkrautfreien Boden. Damit vergleichbar ergab sich aus der organisierten Jagd auf die in bestimmten Jahreszeiten durchziehenden Gazellenherden schließlich der Versuch, die ortsfesteren Ziegen in den bergigen Waldgebieten und die Schafe in den kargen Hochebenen zusammenzuhalten und einzukesseln, vielleicht schon mit Hilfe des zum Haushund domestizierten Südwolfs, und sie schließlich anzupflocken oder in Gattern unter Bewachung einzupferchen, wo sie sich spontan weiter reproduzieren konnten und so zu verlässlichen Dauerlieferanten von Fleischnahrung, von Fellen und von Wolle wurden.
Vor allem die zu pflegenden Pflanzgärten, aber auch die zu bewachenden Herden schränkten die Wandermöglichkeiten der Menschen zunächst deutlich ein, und mit diesem Schritt zum Sesshaftwerden änderte sich vieles in der gesamten Lebensweise und in den sozialen Beziehungen der Gruppen, die sich von der altgewohnten Subsistenzweise der streifenden Sammler und Jäger immer weiter entfernten. Bei diesen war noch jeder Stammesangehörige gehalten, im Prinzip alles selber tun zu können, eingeschränkt nur durch die eher graduelle Unterscheidung zwischen Kindern und Erwachsenen und zwischen den vorwiegend sammelnden Frauen und den vorwiegend jagenden Männern. Dagegen gab es in den ersten Siedlungen weitere Möglichkeiten für die Ausbildung ganz neuer Spezialisierungen: man brauchte Hirten zum Hüten der Herde, Bewacher der Gärten, Hausbauer, Töpfer als Hersteller von Vorratsgefäßen, Schafscherer, Spinnerinnen und Weberinnen usw. Die Siedlungen selber, zunächst von Hackbauern errichtet, relativ früh auch schon zu Ackerbau-Städten vergrößert, waren so etwas wie eine stationäre künstliche Umwelt, die anders als die immer neuen Umwelten der umherstreifenden Sammler und Jäger auf längere Zeit so blieb, wie sie es nach ihrer Errichtung war, und auch dort blieb, wo sie einmal erstanden war. Sie war ihren Bewohnern im Innenverhältnis zunehmend vertrauter geworden, dagegen wurde das Außen um so fremder und feindlicher, ganz anders als die wechselnden Umwelten der Wandernden, in denen Vertrautheit und Fremdheit fließender ineinander übergingen und einander ablösten.
Mit dem Anbau von Feldfrüchten und dem Halten von Haustieren kam es im Schutz der Siedlungen zu einer ersten Akkumulation von Nahrungsmitteln, die über den Tagesverbrauch einer Gruppe von Sammlern und Jägern weit hinausgehen konnte. Die abgeernteten Getreidekörner, wenn sie einmal getrocknet waren, ließen sich noch über längere Zeiten nach der Ernte in Tongefäßen horten und die Viehherden halfen als lebende Fleischvorräte die Zeiten überleben, in denen keine durchziehenden Gazellenherden zu erwarten waren. Die Akkumulation von erstem Reichtum durch eine über den täglichen Bedarf hinausgehende Vorratshaltung weckte ganz natürlich den Neid der Besitzlosen, die Gier der gerade Hungrigen etwa der Nachbarstämme. Denn es gab im Umfeld der ersten Gartenbauern und Viehzüchter auch weiterhin noch Jäger und Sammler, denen das eingegatterte oder angepflockte Vieh der Bauern als ganz besonders leicht jagdbares Wild erscheinen musste. Es kam dann, und bis in die heutige Zeit geschieht so etwas immer wieder, zu "Missverständnissen", etwa wenn bis ins vergangene Jahrhundert Amazonas-Indianer oder australische Aborigines, die noch auf der Stufe der Sammler und Jäger waren, das Vieh der aus Europa eingewanderten Bauern als gerade zu pass kommendes Jagdwild erlegten und wegschleppten, um sich daran mal richtig satt zu essen. Aber auch die pflanzlichen Vorräte konnten Begehrlichkeiten wecken, denn Obstgärten und Gemüsepflanzungen sind für Sammlerinnen genau so verführerisch wie Viehkoppeln für Jäger, und über solchen "Mundraub" hinausgehend (den es schon seit Eva und Adam gab und auch bis heute noch gibt) konnten Jäger und Sammler von den in großen Tontöpfen gehorteten Getreidekörnern über längere Zeit gut leben, wenn sie etwas davon abbekamen, genauer: wenn sie die bisherigen Besitzer umbringen und deren Vorräte wegführen konnten. Bis heute lässt sich am erfolgreichsten dasjenige einsacken und beiseite schaffen, was andere zuvor mühsam eingesammelt haben. Die Gruppe der Räuber muss dazu nur aggressiver und stärker als die der Sammler sein!
Es war selbstverständlich, dass sich Hackbauern und Viehzüchter dagegen wehrten, bestohlen, beraubt und ausgeplündert oder gar dabei umgebracht zu werden. Die Hirten standen ja von Anfang an in Konkurrenz auch zu Raubkatzen, Wölfen und Raubvögeln, die es vor allem auf die wehrloseren und leichter transportierbaren Jungtiere (die "Erstlinge" der Herden) abgesehen hatten. Und ein Wildschwein, das versäumen würde, in einem wohlbestellten Garten nach Knollen zu wühlen, wäre ziemlich dumm, außer wenn es rechtzeitig gemerkt hätte, dass der Garten von wehrhaften Wächtern behütet wird, die den prospektiven Gemüse- oder Früchteräuber selber zur Beute machen könnten. Die ersten Besitzer gehorteter Nahrung mussten in jedem Falle schon mit den ersten Dieben und Räubern rechnen, und sie mussten ihre Schätze bewachen. Wenn nun Menschen anderer Stämme, die noch Sammler und Jäger waren, als "Obstdiebe" (wie Eva und Adam im Garten Eden) und "Viehräuber" abgewehrt werden mussten, geschah das in ganz ähnlicher Weise wie bei Tieren: wer nicht durch Geschrei und Hundegebell aus dem Garten vertrieben werden konnte, wer also um das Objekt der Begehrlichkeit zu kämpfen bereit war, musste mit Waffengewalt daran gehindert, ggf. getötet werden.
Trotz solcher Gefährdungen vergrößerten sich mit den lebenserleichternden Errungenschaften der neolithischen Revolution dennoch die bäuerlichen Populationen, die dann in den für Landbau und Viehzucht günstigen Biotopen schließlich im Dauerkontakt aneinander angrenzten. In diesen dann immer größeren Gruppen vereindeutigten und erweiterten sich bestimmte soziale Rollen und Zuständigkeiten zu "Berufen". Die wenigen alten Differenzierungen, z. B. dass Frauen eher nur Pflanzen- und Kleintier-Sammler waren, die Männer dagegen (auch oder) vorwiegend Tierjäger, wurden unter neuen Bedingungen umgeformt, so dass Frauen intensiver mit dem Hackbau (Gartenbau) befasst waren, während die Männer außer der noch gelegentlichen Jagd auf Wildtiere vor allem die Hege und Zucht der Haustiere, des Klein- und Großviehs betrieben. Ganze Gruppen konnten sich in diese Richtungen spezialisieren, so dass Hackbauern- und Hirtenfamilien auch räumlich und schließlich stammesmäßig voneinander getrennt lebten. Die Viehzüchter waren aber trotz ihres Reichtums an Schlachtvieh dennoch weiterhin auf ein Mindestmaß an vegetabiler Nahrung angewiesen und konnten daher das Korn, die Früchte, Öle und Weine der Bauern gut als Nahrungsergänzung gebrauchen. Wenn sich kein Tausch(-handel) zwischen beiden Gruppen einrichten ließ, konnten die Viehzüchter sich diese begehrten Nahrungsmittel auch durch Raubüberfälle verschaffen. Und schließlich waren die Viehzüchter seit jeher auch als Viehräuber aktiv: mit einer Herde, die sie anderen Viehzüchtern abgejagt oder heimlich entführt hatten, konnten sie ihren Viehreichtum viel schneller vermehren als über die zeitaufwendigere und mühsamere Nachzucht.
Für die Verteidigung gegen Viehräuber und vor allem zum eigenen Rauben fremden Viehs brauchte man von Natur aus rauflustige und möglichst schon kampferfahrene junge Männer, die bereit waren, unter straffer Führung in einer Männergruppe organisiert, im Kampf um die Beute bzw. gegen die Räuber ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Der Raubzug war erfunden, und ein Hauptziel kriegerischer Auseinandersetzungen war seit jeher die Plünderung der Vorräte und Sachwerte derjenigen, die mindestens etwas mehr besaßen als man selbst oder die das wenige, was sie hatten, nicht mehr verteidigen konnten. Bis heute, noch im Verlauf der in quasireligiösen Bruderkriegen erfolgten Auflösung des ehemaligen Jugoslawien, ist das Plündern zumindest ein Beiwerk der Eroberung. Es ist zwar durch die Haager Landkriegsordnung verboten und wird wenigstens in dem Falle, wo der Feind dies tut, als unmilitärisch und sogar verbrecherisch gebrandmarkt, aber bei den eigenen Truppen wird es, schon um diese "bei der Stange zu halten", durch vielerlei Sprachregelungen beschönigt. Aus Diebstahl und Viehraub wird dann ein "Requirieren", im größeren Maßstab (so nach den beiden Weltkriegen) das Abpressen von "Reparationen". Die großen Heerführer haben seit alters her in die eigene Tasche gearbeitet. Viele "große Männer" der Weltgeschichte sind als Feldherren reich geworden und haben über abgepresste Tributleistungen ganze Völker und Regionen regelrecht ausgeplündert. Nach der "neolithischen Revolution" war die Rückwendung marodierender Nomaden auf die Zentren der ersten bäuerlichen Zivilisationen zugleich der wesentliche Anlass dafür, dass sich die anfänglich zentrifugale Ausbreitung der Menschen, die sie aus den tropisch-subtropischen Ursprungsgebieten bis in die Peripherie geführt hatte, dann wieder umkehrte: unter den Bedingungen der neolithischen Revolution konnte es sich lohnen, wieder dorthin zu ziehen, wo schon viele Menschen waren, falls nämlich diese Menschen noch über größere Vorräte an Getreide, Vieh und anderen Wertobjekten verfügten, von denen man wenigstens einen Anteil für sich abzweigen wollte.
Eine über die Unterscheidung zwischen Nahrung sammelnden Frauen und Tiere jagenden Männern immer weiter hinausgehende Arbeitsteilung hat in dieser Zeit ihren Anfang genommen. Auf der Basis ursprünglicher Landwirtschaft bauten dann differenziertere arbeitsteilige Wirtschaftsformen auf. Von den Nahrungsüberschüssen, die von Ackerbauern und Viehzüchtern erwirtschaftet werden konnten und die diesen als Beute und Tribut, später als "Opfer", "Zehnter" und heute als Steuern entzogen wurden, konnten dann Spezialisten wie Krieger, Handwerker, Künstler und Priester leben, von denen einige, wie die Handwerker und Künstler, wiederum kostbare und zum Rauben gut geeignete Werte, insbesondere Gold und Schmuck, aber auch arbeitsteilig hergestellte Waffen, Werkzeuge und andere Geräte schaffen konnten. Daneben gab es auch Teilgruppen, die nicht nur als Angreifer, sondern auch für die Verteidigung der eigenen Siedlungen zuständig waren. Unter dem Schutz dieser ersten Krieger konnten sich Andere um so sicherer dem Anbau von Pflanzen und dem Hüten des Viehs widmen, darüber hinaus dem Anlegen von Bewässerungskanälen, dem Transport und der Lagerung der Nahrungsmittel, dem Bau von Häusern und ersten größeren Kultstätten. Man brauchte auch Spezialisten für das Registrieren, Abmessen und Austeilen der Vorräte, also die ersten Schreiber und Rechner. Schließlich boten einige in Zauberei und Wahrsagekunst kundige Stammesschamanen an, sich im religiösen Kult als Priester mit der Pflege guter Beziehungen zwischen der Siedlung oder Stadt und den überörtlichen Göttern zu befassen. Denn einige Stammesreligionen waren inzwischen zu Religionen größerer Verbreitung und Geltung verschmolzen.
Wenn hier von "den Göttern" die Rede ist, dann ist das mit Bedacht so formuliert, wenngleich dieser Oberbegriff "Gott" den Naturvölkern wohl noch fremd war und in seiner Abstraktheit erst später geprägt und verstanden werden konnte. Denn ob man die im Stamm oder Volk bekannten numinosen Wesen als mit Mana begabte Kräfte oder als Geister oder als Götter zu bezeichnen hatte, das war in alten Zeiten weniger wichtig als sie je einzeln zu kennen, zu achten und angemessen zu verehren. Auch wenn Angehörige heutiger Stammeskulturen gefragt werden, ob es bei ihnen Götter gibt, muss der Forscher ihnen erst die Frage klar machen, und viele Völkerkundler, die an den einen (ihren eigenen!) Gott glaubten, fragten daher gleich, ob auch die Eingeborenen an "Gott" glaubten oder an Geister oder gar Dämonen. Die Antwort konnte zunächst nur aufzählend und dann beschreibend sein: "Ja, es gibt bei uns eine X und einen Y, und noch einige mehr!" Erst nachträglich kann man dann als Forscher auch noch der Frage nachgehen, ob diese X und dieser Y wirklich Geister oder Götter in unserem heutigen Sinne waren. Denn im Glauben des Gewährsmannes, der sie verehrte, waren sie wohl einfach nur "die X" und "der Y". Sie beide "Götter" zu nennen, also X und Y mit ein und demselben Wort zu bezeichnen, oder gar nur einen davon als den wirklichen Gott anzuerkennen, das wäre eine schon sehr weitgehende Abstraktion, die den gläubigen Menschen der Stammeskulturen noch nicht nahe lag. Sie waren ja gerade an den Unterschieden zwischen X und Y interessiert, etwa dass "die X" liebevoll und hilfreich, "der Y" dagegen stark und mächtig war.
Nach der neolithischen Wirtschaftsumstellung und noch bei vielen heutigen Ackerbauern und Hirtenvölkern kann man aber schon davon ausgehen, dass es bei ihnen Götter im Plural gab und gibt. Das war vor dem Aufkommen des Monotheismus, also in einer langen und bedeutsamen Epoche der Menschheitsgeschichte, sogar der Regelfall, nämlich in der Zeit der Hochkulturen des Vorderen Orients. Im Folgenden sollen einige Grundphänomene solcher Polytheismen näher analysiert werden. Sie sind wissenschaftlich gut erforscht, als gesichertes Wissen anerkannt und daher in jedem besseren Lexikon nachzulesen. Darüber hinausgehende Beiträge einzelner Autoren werde ich jeweils kenntlich machen.
Entsprechend der bei sesshaften Ackerbauern und Viehzüchtern und in den ersten Städten schon sehr differenzierten sozialen Organisation gab es in ihrer religiösen Vorstellungswelt auch eine Vielzahl und Vielfalt von Göttern und Göttinnen. Die je spezifischen persönlichen Eigenarten und Handlungsweisen der Gottheiten wurden in den Polytheismen durch eine Fülle von Mythen, Symbolen und Bildern anschaulich gemacht, die zugleich auch die je besondere Zuständigkeit der einzelnen Gottheit erkennen ließen. Auf diese Weise verfügten die polytheistischen Religionen über gut tradierbare Geschichten, die von den unterschiedlichen Teilgruppen und Individuen der Gesellschaft zur Deutung ihrer je besonderen Rolle und aktuellen Situation genutzt werden konnten. Ein derart vielfältiges Pantheon ist z.B. von den Griechen des Altertums sehr anschaulich in Göttermythen beschrieben und in Vasenbildern und Tempelstatuen dargestellt worden. Sie nahmen an, dass die Gottheiten über Glück und Unglück der "Sterblichen" im Leben wie auch nach dem Tod entschieden (H. Weber, S. 212). Für das praktische religiöse Leben waren die zahlreichen Götter und Geister, die fördernd oder schädigend in das Geschehen eingreifen (H. Weber, S. 248), bedeutsamer als ein etwa gar einziger Hochgott, der die Welt aus sich selbst hervorgebracht oder aus einem Urstoff geschaffen hatte. Denn an der Schöpfung konnten auch mehrere Götter, auch ein Götterpaar, gleichzeitig oder nacheinander beteiligt gewesen sein, die in unterschiedlicher Weise und ggf. in mehreren Ansätzen dazu beigetragen haben, dass es überhaupt die Welt gab und in ihr Erscheinungen der einen oder der anderen Art. Das Nachsinnen über den Anfang von allem hat immer wieder zu Schöpfungsmythen geführt, von denen der Mythos der Erschaffung der Welt durch Jahwe in 6 Tagen (der 7. Tag war sein Ruhetag) uns besonders geläufig ist. Auch er wurde inzwischen von Mythen abgelöst, die den Anfang der Welt in einen punktuellen Urknall verlegen oder, was zumindest gleichermaßen denkbar ist, von einem pulsierenden und schließlich auf Dauer stationären Universum ausgehen. Was immer schon da war, braucht nicht mehr eigens geschaffen zu werden.
Für entwickelte Polytheismen charakteristisch ist die Tendenz, die verschiedenen Götter menschengestaltig aufzufassen und ihnen menschliche Eigenschaften und Leidenschaften beizulegen. Dadurch wird die Götterwelt zu einem in überirdische Dimensionen erhobenen Spiegelbild menschlichen Daseins, bewohnt von Göttern, die wie Menschen sprechen, denken, lieben, hassen und handeln, und zugleich auch untereinander so verschieden sein können, wie auch Menschen sich voneinander unterscheiden. Ein Grundunterschied ist über lange Zeit beibehalten worden: so wie es unter Menschen Männer und Frauen gibt, so gab es unter den Gottheiten Götter und Göttinnen, sogar Götterkinder. Noch gab es bei Jägern und Sammlern die Herrin der Tiere oder des Waldes, später Diana, die Göttin der Jagd, und in den Hackbaukulturen gewann die "Große Mutter" noch weiter an Bedeutung, entsprechend dem ökonomisch wichtigen und dadurch auch politisch-religiös relevanten Beitrag der Frau zur Existenzsicherung von Familie, Sippe und Stamm, da das von Männern zu leistende Erjagen von Wildtieren in dieser Zeit stärker zurücktrat. So wurden vielerorts, oft an erster Stelle, Göttinnen verehrt, und die "Große Mutter" war dann verkörpert in der dreifachen Gestalt der "Jungfrau", der "Mutter" und der "weisen Alten". Im Einzelnen gab es auch Erd- und Naturgöttinnen und zahlreiche andere weibliche Gottheiten (Matronen) in den örtlichen Kulten. Priesterinnen und Seherinnen standen etwa bei den Germanen in hohem Ansehen. Zwar waren die im Pantheon dominierenden Gottheiten später meist männlichen Geschlechts, aber die Göttinnen konnten, wenn auch im Rang untergeordnet, in Fortsetzung ihrer Rolle als Herrin der Tiere und als Fruchtbarkeits- und Muttergöttin dennoch weiterhin innig verehrt werden. Noch heute wird die Muttergottes Maria von gläubigen Katholiken angebetet ("Ave Maria, ..."), und auch evangelische Christen können sich inzwischen für sie erwärmen. In einem weiterhin patriarchalischen Kontext symbolisiert sie, selber frei von sexuellen Bedürfnissen, die etwas einseitige Bestimmung der Frau zur Mutterschaft.
Das zunehmend bewusstere Wissen darüber, dass neues Leben in der Frau nicht zufällig entsteht, sondern bei Tieren und Menschen in aller Regel die Folge einer geschlechtlichen Vereinigung von Frau und Mann ist, führte in bäuerlichen Gesellschaften zum Kult der "Heiligen Hochzeit". In dieser zeugte in zugleich symbolischer Weise ein junger Gemahl mit der Göttin ein göttliches Kind, das von der Göttin geboren wurde, was alljährlich wieder zum neuen Wachsen der Saat und zur Vermehrung der Herden und der menschlichen Nachkommenschaft beitrug. Gott und Göttin wurden als das göttliche Paar, als Zeuger und Gebärer ihres göttlichen Kindes, ja allen Lebens und schließlich als Schöpfer der Welt verehrt. Nicht nur bei der immer neuen Weitergabe des Lebens, sondern auch beim Sterben und Tod eines Menschen konnten sie eine besondere Rolle spielen. Ihr Sohn, der junge Gott, konnte seinerseits als Heilsbringer auftreten, mit dem dann in jedem Frühling alles wieder neu wird, alles sprießt und grünt und wächst und wieder Frucht bringt. In dem Maße, in dem in Hirtenkulturen die Männer eine neue gewichtige Rolle in der Hege und Zucht von Haustieren übernehmen und sich auch als Viehräuber und Krieger hervortun konnten, nahmen männliche Götter an Bedeutung zu. Ein Gott konnte auch handwerkliche Tätigkeiten etwa der Lehmverarbeitung zur Erschaffung der Welt und speziell des Menschen nutzen ("Adam ... aus Lehm geformt") oder als Erfinder von Kulturtechniken (z.B. das Erzeugen des Feuers) den Menschen dienlich sein, und schließlich konnte ein als männlich verstandener Gott an der Spitze eines Pantheon von Göttern und Göttinnen stehen.
Ursprünglich war für den Polytheismus typisch (das hat sich in einigen archaischen Religionen bis heute bewahrt) eine eher geringe Zahl an Göttern, die sich zueinander verhielten wie Mitglieder einer großen Familie oder kleinen Sippe. Da gab es an der Spitze des Pantheons ein göttliches Paar, etwa ein himmlischer Vater und eine erdhafte Mutter, die noch gemeinsam, wie seit jeher üblich, an der Schaffung (am Zeugen und Gebären) der Welt beteiligt waren. Dazu kamen deren Kinder und Enkelkinder, ein paar nähere Verwandte, wohl auch mal einzelne eingeheiratete Fremdlinge (im bäuerlichen Hessen nannte man sie "Beigefreite"), also alles in allem eine ganze Göttersippe. Sie konnte mit Freunden und Bundesgenossen verbunden sein, musste sich vielleicht auch böser Nachbarn, Konkurrenten und Feinde erwehren. Aber insgesamt waren es in der Regel nicht mehr als 12 Götter, höchstens etwa 20, eben so viele, wie man mit den eigenen Fingern und ggf. mithilfe der Zehen aufzählen konnte. Aber mit diesen Größenordnungen musste man auch bei einer irdischen Menschenfamilie rechnen, die ja früher erheblich größer war als heute, mit fließenden Übergängen zur Sippe und zum Stamm, oder nach Sesshaftwerdung: zur Dorfgemeinde oder zur Polis. Dieser zunächst familiär oder als Sippe organisierte Götterhimmel erweiterte sich aber mit der Ausbildung weiterer arbeitsteiliger Zuständigkeiten und politischer Rangordnungen. Denn beide Arten menschlicher Rollenspezifizierung, die mehr qualitative Arbeitsteilung und die mehr quantitativen Rangunterschiede, ließen diejenigen Menschen als wichtiger und schließlich als göttlich erscheinen, die sich aus der Vielzahl der fast Gleichen durch die Besonderheit ihrer Funktion und/oder Ranghöhe heraushoben.
Nachdem sich im Verlauf der neolithischen Revolution im Vorderen Orient die gezielte Produktion von pflanzlicher und tierischer Nahrung durchgesetzt und großräumig ausgebreitet hatte, entwickelten sich dort arbeitsteilig hoch komplexe Kulturen mit einer über mehrere Jahrtausende dauernden Blütezeit des Polytheismus. Denn im gleichen Maße wie die soziale Organisation der größer und reicher werdenden Städte differenzierten sich auch die religiösen Vorstellungen ihrer Bewohner. So wie es in diesen Kulturen schon eine weitgehende berufliche Arbeitsteilung gab - es gab Ackerbauern, Viehzüchter, Krieger, Bauleute, Handwerker und Händler, aber auch Musiker, Priester und schließlich Schreiber - so wurden auch die Götter in ihren Funktionen zunehmend weiter spezialisiert. Die anfangs noch geschlechts- und familienbezogenen Rollen der Gottheiten differenzierten sich zu vielfältigen göttlichen Zuständigkeiten für das Erfüllen weiterer und anderer Wünsche oder Ziele von Menschen, wobei solche Zuständigkeit natürlich nicht im bürokratischen Sinne zu verstehen ist, sondern als persönliche Ansprechbarkeit und spezifische Handlungsfähigkeit eines bestimmten, als Person vorgestellten oder sogar leibhaftig erlebten Gottes: So war etwa Mars zuständig für Kampf und Krieg, Merkur für den Handel, Hephaistos war als Feuer- und Vulkangott zuständig für das Schmieden von Waffen und Werkzeugen, Bacchus zog den vom Wein Berauschten voran, Orpheus und andere beherrschten das Reich der Töne. Es gab auch immer wieder mal einen Prometheus, der das Wissen und Können der Götter an die Menschen weitergab, ihnen den Umgang mit dem Feuer lehrte. Die Namen solcher Götter sind natürlich in jedem Pantheon je nach der Sprache und Kultur der Gläubigen unterschiedlich; in meiner Aufzählung habe ich sie etwas durcheinandergebracht. Und nicht zu vergessen: es gab immer noch Göttinnen, hohe und höchste Göttinnen, so Ceres für Saat und Ernte, Venus für die Liebe, begleitet von Amor, dem kleinen Verführer, und Aphrodite als Göttin der Schönheit. Und über allem thronte Zeus bzw. Jupiter, der Göttervater, in seiner Verantwortung für die Gesamtordnung im Himmel und auf Erden. Nicht zuletzt gab es in der Nachfolge der bösen Geister auch göttliche Spezialisten für Krankheit und Tod, für Streit und Zwietracht und schließlich für alles Böse in der Welt, wie der jüdisch-christlich-islamische Satan oder Teufel. Darauf werde ich in der Diskussion über dualistische Religionen wieder zurückkommen. Insgesamt lässt sich polytheistische Religiosität vereinfacht als ein größere soziale Gruppen verbindender Glaube an mehrere unterscheidbare Gottheiten definieren, und das kann in den verschiedenen Polytheismen eine mehr oder weniger große Anzahl sein. Diese Gottheiten können weiterhin bestimmte Naturkräfte symbolisieren, werden aber meist nach Art menschlicher Personen vorgestellt in enger Entsprechung zu den arbeitsteiligen Gesellschaften der vorderasiatischen Hochkulturen.
Polytheismus hat aber nicht nur mit den ersten natürlichen Formen der Arbeitsteilung zu tun, mit der Unterscheidung zwischen Mann und Frau, zwischen Hirte und Gärtnerin, Hausbauer und Töpfer, Krieger und Schutzbedürftigen, also mit dem Nebeneinander verschiedener Rollen, Spezialisierungen und Berufe, sondern auch mit den Phänomenen von Macht und Rang und mit den zunehmend differenzierteren Hierarchien sozialer Herrschaft. Damit verbunden gab es Kämpfe nicht mehr nur im kleinen Bereich der Sippe und des Stammes, sondern auch schon Konkurrenz um die Herrschaft in den befestigten Orten, Städten, Einflussgebieten und schließlich Großreichen. Innergesellschaftliche (revolutionäre) und interethnische (kriegerische) Auseinandersetzungen konnten auch zur Änderung der Machtverhältnisse führen, zum sozialen Aufstieg oder Abstieg, zum sozialen Statuswechsel von Individuen und Gruppen, und zu einer dem Unterlegenen aufgezwungenen Mobilität (zu selbstgewollter Flucht oder erzwungener Vertreibung) bzw. zu einer vom Sieger beanspruchten Selbstausbreitung. In der Folge solcher Auseinandersetzungen konnten Rangunterschiede fixiert werden, die zugleich Über- und Unterordnung, Rechte und Pflichten, Belohnungen und Bestrafungen implizierten. Die Rangunterschiede wurden primär vom Sieger und Herrscher und seinen Leuten beansprucht und von oben nach unten durchgesetzt. Erst nachträglich wurden sie den Oberen auch von ihren Untergebenen (also von unten nach oben) eingeräumt und zugeschrieben. Wenn die besonderen Vorzüge der Personen höchsten Ranges gepriesen und besungen wurden, dann geschah dies meist im Sinne des Herrschers, und solche Lobpreisung konnte auch von ihm selbst angeordnet worden sein oder auch von seinen Lakaien. Schon immer galt, dass Eigenwerbung und bestellte Fremdwerbung die faktische Macht erhöhen und ihren Träger schließlich vergöttlichen kann. Da vor allem Männer als Herrscher und Könige städtisch-staatliche Machtpositionen übernahmen, wurde die über lange Zeit herausgehobene Rolle der nahrungssichernden Frau wieder in den Hintergrund gedrängt. Damit wurden die Krieger und ihre Führer, die Priester und Hohenpriester und das Königtum mit seinem Hofstaat zum nunmehr besonders bevorzugten Modell der himmlischen Götterwelt.
Zwar von individuellen Herrschaftsansprüchen dynamisiert, war der Vordere Orient nach der neolithischen Revolution dennoch über lange Zeit noch recht pluralistisch. Es gab neben den Stämmen der Nomaden schon Städte und Stadtkönige, darüber hinaus schon einzelne Ansätze zur Staatenbildung, aber es gab außer politisch-militärischen Herrschern noch viele andere bedeutsame Männer und Frauen, die in je ihrem eigenen Bereich etwas zustandegebracht und zu sagen hatten: ehrfurchtgebietende Priester, blinde Sänger, weltgewandte Händler, tüchtige Haus-, Tempel- und Burgenbauer, Flussregulierer und Erzgießer. Daneben gab es immer noch weise Frauen, aber auch schon (seit dem 5. Jh. v. Chr. in Griechenland) die Hetären (wörtlich: Gefährtinnen, Freundinnen), eine Elite von erotisch attraktiven und auf Schulen musisch und philosophisch gebildeten Frauen, ursprünglich aus unterem Stande, die durch Protektion reicher Bürger und als Geliebte bedeutender Staatsmänner, Dichter, Philosophen und Künstler zu gesellschaftlicher Legitimation gelangten. In anderer Weise stadt- und landesweit begehrt waren reiche Erbinnen oder Fürstentöchter, mit deren Heirat politische Allianzen besiegelt werden konnten. Aber selbst der im weiten Umkreis mächtigste König war noch kein Alleinherrscher, noch kein Herr aller Heerscharen: er war darauf angewiesen, dass der Hohepriester ihn segnete und seinem Feldzug den Beistand der Götter verschaffte; der Nachschub an Waffen und Material, an Kämpfern und Truppenbetreuerinnen musste gesichert sein; der Feldherr musste mit Konkurrenten und Gegnern rechnen. Da war schon politisches Geschick gefragt, da wurden Koalitionen geschmiedet und mit dynastischen Heiraten (z.B. zwischen Ägypten und dem Reich der Hethiter) besiegelt, da wurden Verträge geschlossen und nur zur Not auch gebrochen. Es gab also ein gewisses Gleichgewicht der überörtlichen politischen Kräfte.
In dieser Zeit konnte der Gedanke an Alleinherrschaft noch gar nicht so leicht aufkommen, jedenfalls gab es noch kaum eine politische Realität, die ihn stützen konnte; zu beschränkt war das Wirkungsfeld auch eines mächtigen Herrschers, zu klar war die Einsicht, dass es ringsum noch andere Mächte gab, die man besser respektieren sollte. Ähnlich wie die Gravitation schwindet anscheinend auch die Macht eines politischen Zentrums mit dem Quadrat der Entfernung von ihm, und je näher man dem Bereich eines anderen Machtzentrums kommt, um so schwächer wird die Macht des eigenen Zentrums. In dieser Zeit war die zivilisierte Welt noch bemerkenswert offen, denn durchgehende Grenzen mit Grenzpfählen und Zollstationen und Grenzschutzbeamten und Sicherheitszonen waren eine viel spätere Erfindung, vielleicht erst im Zeitalter des Absolutismus in Anfängen üblich geworden. In alten Zeiten war das noch anders: Der Reisende verließ die Hauptstadt seines Landes und näherte sich immer mehr der Peripherie, durchquerte ein von Vasallen beherrschtes Gebiet und kam dann unversehens, ohne eine markierte Grenze überschritten zu haben, in Gebiete, von denen der eine Herrscher meinte, sie gehörten ihm, während ein anderer Herrscher es nötig fand, mal wieder seine eigenen Truppen hinzuschicken, um klarzustellen, dass die dort lebenden Menschen ihm, und keinem anderen, tributpflichtig seien. Und zwischen den politischen Gravitationszentren konnten sich aus bisherigen Satelliten leicht neue Mächte entwickeln. Kluge oder gar weise Herrscher haben dies gewusst und in ihren politischen Entscheidungen berücksichtigt: so dienten dynastische Eheschließungen zwischen fremdvölkischen Partnern (die entsprechend unterschiedliche Götter verehrten!) der Friedenssicherung, und die Söhne der unterlegenen Herrscher wurden zwar als Geiseln, aber in einer höfisch-kultivierten Umwelt erzogen und ausgebildet, was zunächst auch zur Einbindung der Besiegten dienen sollte, aber faktisch schon zur internationalen Verbreitung von Lebensweisen und geistigen Orientierungen beitragen konnte.
Dem politischen Pluralismus jener Zeiten entsprach der religiöse Pluralismus des Götterhimmels, des Pantheon. Denn nicht nur ein hochgelobter Machthaber (seine Untaten hatte man, wenn er siegreich blieb, inzwischen vergessen), sondern auch ein genialer Erfinder und Waffentechniker, ein weitgereister und reich gewordener Händler, eine sagenhaft schöne Königin, eine weise Frau, die wahrsagen und Träume deuten konnte, all diese und andere Menschen, die je für sich besondere Qualitäten aufwiesen, konnten im Gedächtnis der Nachwelt und dann auch im Himmel oder in der Unterwelt weiterleben und zur Würde der Göttlichkeit erhoben werden. Als Götter konnten sie, vereint oder auch im Streit miteinander, weiterhin die Geschicke der Menschen lenken oder zu beeinflussen versuchen. Jedenfalls gab es immer wieder Priester, die das glaubhaft versicherten und sich ihre Offenbarungen über die Welt der Götter von den daran glaubenden Menschen mit geopferten Gütern und Werten entgelten ließen. Dies alles zusammen genommen bildete in den polytheistischen Religionen dann einen von Ort zu Ort oder besser von Kultur zu Kultur unterschiedlichen Pantheon, in dem die einzelnen Götter höchst anschaulich die auch ansonsten in diesen Kulturen und in ihren örtlichen Spezifizierungen vorfindbare Pluralität repräsentierten.
Dass die "irdischen" Phänomene von Macht und Herrschaft auf den Himmel übertragen wurden, war schon deshalb naheliegend, weil man damit die irdischen Herrschaftsverhältnisse durch göttliche Entsprechungen legitimieren konnte (M. Riesebrodt, S. 72). Dem diente auch die Vergöttlichung von individuell erfahrener, von irdischer personaler Macht, z.T. schon zu Lebzeiten des Herrschers, häufig erst nachträglich nach seinem Tode. So gab es neben der Unterscheidung nach der je besonderen Art der Kompetenz und Zuständigkeit der Gottheiten auch noch eine nach dem Rang: ganz wie auch in den irdischen Gesellschaften dem König eine besondere Bedeutung zukam, verehrte man auch die Götter "zwanglos nach der Rangordnung", und die höchsten Götter hatten im ganzen Land die größten Tempel, während andere Götter vielleicht nur an einem Wallfahrtsort verehrt wurden oder auch nur in der einzelnen Sippe, die ihrem Ahnen einen Ehrenplatz im Himmel verschafft hatte. Ganz in Analogie zu den irdischen Patron-Klient-Verhältnissen wurde auch von manchen Göttern angenommen, dass sie von bestimmten sozialen Gruppen, von der Sippe über den Stamm bis zu höheren politischen Einheiten oder spezielleren Gruppierungen, als himmlische Schutzpatrone und Schirmherren angerufen werden konnten und dass sie ihrerseits als Stammes-, Stadt- und Reichsgötter ihren Gläubigen gegenüber herrscherliche Ansprüche haben und Forderungen stellen konnten, und dies nicht nur für sich selbst, sondern für ihre ganze himmlische Götterdynastie.
So folgte auf die zunächst eher familiäre oder auch arbeitsteilige und am sozialen Rang orientierte Verbindung der Gottheiten eine eher dynastische, wobei wichtig war, dass alle nachgeborenen Götter auch wirklich noch vom gleichen Himmelsherrscher oder der gleichen Göttermutter abstammten. Zwischen den himmlischen Dynastien kam es aber auch zum Götterstreit und -krieg mit Titanensturz und Gigantenvernichtung, wo die Götter gleich weltlichen Feudalherren einander als Konkurrenten um die Oberherrschaft über die Menschen ansahen und bekämpften. Außer den alten (Erb-)Feindschaften gab es auch ggf. wechselnde Koalitionen zwischen verschiedenen Götterfamilien. Die davon abhängigen Menschen konnten dies manchmal zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen, was zugleich modellhaft zu politischer Klugheit anleiten konnte. Die Götter waren zwar mehr oder weniger mächtig, je nachdem sie im Einzelnen besonders über Stürme, Vulkanausbrüche und Erdbeben, über Wasserfluten oder sengende Sonnenstrahlen gebieten konnten, aber selbst der mächtigste aller Götter, der Göttervater Zeus (und seine außergriechischen Entsprechungen) war nicht allmächtig, sondern er war, wie auch die anderen Götter, dem Schicksal (der Moira) unterworfen und von einem überpersönlichen Gesetz abhängig, gegen das er zwar aufbegehren konnte, das aber letzten Endes auch für ihn bestimmend blieb. Auch der allwissende Sonnengott war allwissend nur am Tag; aber nachts, wenn er im Meer verschwunden war, geschah doch einiges ohne seine Kontrolle, denn erst nach seinem morgendlichen Aufgang gewann er allmählich wieder die Übersicht und Oberhand.
Manche Götter waren sogar sterblich, oder sie wurden ihrer vorherigen Verehrungswürdigkeit und Göttlichkeit entkleidet und als Titanen oder Giganten vernichtet oder wenigstens in die Unterwelt verbannt. Und wie die Genealogien der siegreichen Götter zeigten, waren auch die Söhne und Töchter göttlicher Eltern den Zeugungs- und Entwicklungsprozessen der Natur unterworfen und von der Konkurrenz anderer Götter bedroht. Allerdings war Unfriedlichkeit im Götterhimmel nicht erwünscht, sondern eher eine vorübergehende Ausnahme als etwa eine Notwendigkeit. Die Götter bekriegten einander nicht mehr, als dies die Menschen taten; sie hatten gemeinsame Interessen insbesondere in Bezug auf die an sie glaubenden Menschen, und es gab deshalb auch zwischen den Göttern ein Mindestmaß an gegenseitiger Respektierung, ähnlich wie zwischen Königen und anderen Herrschern, die sich untereinander einig sind zumindest in der Bekämpfung von Räuberbanden und Aufrührern. Das hatte Konsequenzen auch für die Menschen, die an diese Götter, eben immer auch an mehrere, ehrfürchtig glaubten. Weihevolle Orte waren auch von denjenigen Menschen zu achten, die nicht oder nicht so sehr an den bestimmten Gott glaubten, der dort verehrt wurde. Denn ein von Ungläubigen verachteter, gestörter, beleidigter Gott konnte sich rächen, besonders wenn die eigenen Götter dem Gotteslästerer ihre Gunst entzogen hatten. Und wenn Menschen Differenzen mit der einen oder anderen Gottheit ihres Pantheons hatten, wenn beispielsweise ihre Bitten nicht erhört wurden und sie trotz aller Frömmigkeit Schaden erlitten hatten, konnten sie sich sehr wohl bei einer anderen Gottheit oder beim Schicksal über ihren hilfsunwilligen oder hilflosen göttlichen Helfer beschweren. Es gab insofern so etwas wie Appellationsmöglichkeiten, ein "in Berufung gehen" vor der höheren Instanz, vor der sich der angeklagte Gott zu verantworten hatte. Götter konnten auch (in Maßen!) kritisiert und belacht werden. Der griechische Philosoph Epikur (341 bis 271 v.Chr.) ging schon ziemlich weit in seiner Kritik und in den daraus abgeleiteten Konsequenzen, wenn er sagte: "Mach dir deine eigenen Götter, und unterlasse es, dich mit einer schnöden Religion zu beflecken!" In der Sicht der Griechen waren ihre Götter jedenfalls oft bemerkenswert tolerant gegenüber den von Menschen kolportierten Moritaten über göttliche Untaten und amourösen Abenteuer. So wussten die alten Griechen (auch die Inder) viel über Klatsch und Tratsch von ihren hohen und allerhöchsten Herrschaften im Himmel zu erzählen, und im Zuge einer ersten Aufklärung entwickelten polytheistisch aufgewachsene Menschen erstmals Sinn für himmlische Schwänke, für göttliche Heiterkeit, für vermenschlichende Allegorien und göttlichen Zauberspuk.
Die Welt der Götter war auch nicht ein für allemal festgefügt: man konnte bei einem Ortswechsel seinen eigenen Gott mitnehmen und ihm an anderer Stelle einen Altar errichten, und man konnte fremde Götter bei sich aufnehmen, wenn sie sich bei zuverlässigen Gewährsleuten als besonders heilswirksam und für Menschen verehrenswert erwiesen hatten. So wurde Religion variabel und transportabel, und fremde Götter konnten quasi importiert und eigene Götter exportiert werden. Mit ihnen begannen auch ihre Mythen um die Welt zu wandern - manche davon haben es, in Grimms Märchen, bis nach Hessen geschafft, wurden von Großmüttern ihren Enkeln und auch mal gelehrten Märchenforschern erzählt. In seiner Blütezeit war der Polytheismus in Ansätzen schon stammes-, sprachen- und länderübergreifend. Es gab für einen bestimmten Gott nicht nur eine Weihestätte, sondern verschiedene Tempel in verschiedenen Gegenden oder sogar Ländern, und es entwickelte sich allmählich eine Internationale der polytheistischen Hochkulturen.
Erst nach dem Aufkommen von Landbau und Viehzucht, nach der Errichtung der ersten Städte und vor allem nach der dadurch erhöhten Rückwanderung zu den neuen wirtschaftlichen Zentren hin und mit den dadurch zunehmenden Kontakten zwischen verschiedenen Ethnien, konnte sich in einzelnen "welterfahrenen" Menschen ein Bewusstsein von der Vielfalt der Mythen entwickeln. In dem so erweiterten Rahmen berichteten die Mythen der Kulturvölker auch von den Ursprüngen der verschiedenen Stämme und Völker, von den Taten ihrer Heroen, von der Stiftung religiöser Kulte und Riten, von den Anfängen der Kultur, von Krieg und Frieden. Derartige mythische Traditionen wurden fixiert und vor Infragestellung bewahrt durch das autoritative, normativ bedeutsame, d.h. Glauben und Gehorsam fordernde "wahre Wort" einer mündlichen und später schriftlichen religiösen Überlieferung.
Bei der Internationalisierung des Religiösen spielten die zunehmend dichter werdenden Wirtschaftsbeziehungen eine ausschlaggebende Rolle. Nach und neben dem schon zwischen benachbarten Stämmen möglichen Tausch und dem nach dem Aufkommen von Ackerbau und Viehzucht verbreiteten Raub und außer den Tributleistungen, die von Großmächten den unterlegenen Feinden und Vasallen auferlegt wurden, zunächst in Sklaven und Sachwerten, später auch in Edelmetallen und in Geld, gab es schon über lange Zeiten regelrechten Handel. Kulturen erzeugen eben nicht nur Fremdheit in Bezug auf die anderen Kulturen um sich herum, indem sie nach innen Kohärenz und Identität ausbilden und nach außen durch kulturelle Unterscheidungen Grenzen errichten, sondern sie entwickeln allmählich größere Neugierde gegenüber dem bisher Fremden und auch eine zunehmende Bereitschaft, mit Nachbarn Kontakt aufzunehmen und von den Anderen zu lernen und sich mit ihnen auszutauschen (Jan Assmann, "Moses der Ägypter", C. Hanser, München, 1998, S. 18 und passim). Der Ägyptologe Assmann, der in seinen wissenschaftlichen Arbeiten bedeutende Beiträge zum Verständnis altägyptischer Religion und Literatur geleistet hat, hat in dem ebengenannten Buch darauf aufbauend auch zu einer neuen Sicht der polytheistischen Religionen der frühen orientalischen Hochkulturen beigetragen. Ich werde auf seine Analysen im Folgenden noch mehrfach zurückkommen.
Diese Entwicklung wurde vor allem durch die inzwischen intensiveren Handelsbeziehungen gefördert. Mindestens schon in der Jungsteinzeit, wenn nicht schon früher, gab es so etwas wie einen Fernhandel mit Feuerstein, Obsidian und anderen Materialien, die sich zur Herstellung von Werkzeugen und Waffen eigneten. Waffentechnische Erfindungen des Gegners wurden übernommen und von eigenen Handwerkern weiterentwickelt. Der Unterschied zwischen Beute und Handelsware war fließend, und auch das durch ehrlichen Tauschhandel erworbene Gut konnte dem Händler von Räubern oder Kriegern wieder abgejagt werden. Auf welche Weise auch immer die Waren ihren Besitzer wechselten, in jedem Falle verbreiteten sich Kenntnisse über Nutzbarkeit, Herkunft und Herstellung dieser Güter. So wurden beispielsweise Gold, blauer Lapislazuli und roter Karneol aus den Bergländern und Quellflüssen des oberen Nil nach Unterägypten gebracht und dort zu kostbaren Schmuckstücken weiterverarbeitet. Dort waren auch Zedern aus dem Libanon als Material zu Haus- und Schiffbau begehrt, weil das Niltal und seine angrenzenden Gebiete durch Raubbau schon bald völlig entwaldet waren und Ägypten daher auf Importe hochwertiger Hölzer angewiesen war. Zu ihrem Transport diente vor allem die Fluss- und Küstenschifffahrt, während die alten Karawanenwege durch Steppen und Wüsten, von einer Wasserstelle oder Oase zur nächsten und weiteren führend, dem Transport geringerer Lasten und hochwertiger Güter auf dem Rücken von Tragtieren vorbehalten blieben.
Durch seine Schifffahrtsrouten an der Küste und von Insel zu Insel wurde das östliche Mittelmeer zum Kommunikationsnetz der damals bekannten zivilisierten Welt, mit einer über eine Zeit lang zentralen Position der Insel Kreta, aber auch der Kupfer-Insel Zypern, der großen Häfen Griechenlands, der Dardanellen (Troja!) und der syrisch-kanaanäischen Küste bis hinunter zum Nildelta, und im Westen bis zu den ebenfalls handelstüchtigen Etruskern. So entwickelten sich in der Zeit der polytheistischen Hochkulturen die schon in einem weiten Umkreis bekannten Handelsplätze und die sie verbindenden Handelsrouten, auf denen der Handel mit transportablen und vor allem wertvollen Objekten "grenzüberschreitend" funktionierte, ein erster Ansatz zur heute so aktuellen Globalisierung! Odysseus hat sich auf solchen Fahrten auch schon mal an fremde Küsten verirrt, aber er hat diese Seefahrt riskiert und ist sogar heil nach Hause gekommen; und was die Griechen konnten, war für die Phönizier gleichermaßen selbstverständlich: sie bildeten an den Küsten des westlichen Mittelmeeres Handelskolonien bis über die Straße von Gibraltar hinaus! Aber auch die Etrusker und später die Römer und andere hochzivilisierte Völker profitierten von ihrem Seehandel wirtschaftlich und auch kulturell viel mehr als von ihren Landkriegsheeren. Auf solchen Erfahrungen aufbauend hatte man schon eine ungefähre Vorstellung davon, welche Völker gegen Sonnenuntergang (im Okzident), welche gegen Sonnenaufgang (im Orient), welche im neblig-eisigen Norden, und welche im heißen Süden, etwa im Lande Kusch, lebten. Und sie alle waren, soweit sie als Hochkulturen gelten konnten, Polytheisten.
Die wachsende politische und kommerzielle Verflechtung der antiken Staatenwelt wurde zusätzlich erleichtert und gefördert durch die Entwicklung von Maß- und Zahlsystemen und der Schrift. Sie hatten ihre Anfänge als Bilderschriften in den Hochkulturen wie Sumer und Ägypten, und wurden zur Buchstabenschrift perfektioniert in den Gebieten dazwischen, bei den nordwestsemitischen Phöniziern. Zur Unterstützung des Handels und der Verhandlungen zwischen politischen Kontrahenten gab es auch schon zweisprachige, sogar polyglotte Dolmetscher, die in der Lage waren, die zu vermittelnden Informationen mündlich oder auch schriftlich in die Sprache des Empfängers zu übertragen und ihm weiterzugeben, so z.B. auch Texte von Verträgen, in denen jeder der beiden Vertragspartner die Vereinbarungen mit der Anrufung der je eigenen Schwurgötter besiegelte. Aber dass es Schwurgötter gab, die den Eidbruch hart bestrafen würden, das war dann für beide Vertragspartner, so fremd sie einander ansonsten waren, ganz selbstverständlich.
Wir haben gesehen, dass sich die Pluralität der miteinander in Kontakt gekommenen Stämme und Ethnien mit ihrer zunehmenden Arbeitsteilung und Hierarchisierung in den gleichermaßen pluralistischen Götterwelten des Polytheismus (als Gemeinsamkeit der verschiedenen polytheistischen Religionen verstanden) wiederfinden lässt. In der kleiner und enger werdenden Welt des Vorderen Orients wurden Kontakte zwischen Stämmen unterschiedlicher religiöser Orientierung und vor allem interethnische Überschichtungen von Menschengruppen verschiedenen Glaubens immer häufiger und gaben Anlass für Vergleiche zwischen dem je eigenen Glauben und der religiösen Orientierung der Anderen. Es war naheliegend, einzelne Gottheiten des einen und des anderen Pantheon auf Unterschiede bzw. Ähnlichkeiten zwischen ihnen einzuschätzen. Dabei ging es auch im interreligiösen Vergleich um die je individuelle Besonderheit der einen oder anderen Gottheit, um ihre spezifischen Wesenszüge, wie sie in mythischen Erzählungen beschrieben und in Hymnen und Riten kultisch entfaltet wurden (J. Assmann, S. 74). Ihr Vergleich wurde dadurch erleichtert, dass ohnehin im arbeitsteilig-rangdifferenzierten polytheistischen Pantheon jedem Gott eine bestimmte Aufgabe zukam (H. Weber, S. 434). In den polytheistischen Religionen konnten verschiedene Gottheiten vor allem nach ihren Funktionen oder Zuständigkeiten ("Ressorts") unterschieden werden (J. Assmann, S. 19), und sie konnten personalisiert werden nach Name und menschenähnlicher Gestalt, wobei daneben auch natürliche, tierliche und kosmische Aspekte eine je unterschiedlich große Rolle spielen konnten. Die Gottheiten wurden in dynastischen Genealogien und kosmologischen Spekulationen miteinander in Beziehung gebracht. In diesen versuchte man, das Werden und Vergehen der Natur, das Kommen und Gehen von Sonne, Mond und Sternen, aber auch das Entstehen von Tieren und Menschen und ihren kulturellen Einrichtungen im Zusammenhang zu deuten (H. Weber, S. 366). Bei den interreligiösen Vergleichen konnte festgestellt werden, dass manche Gottheiten, des einen und des anderen Glaubens, in Hinsicht auf ihre Wesenszüge und Funktionen nur in der je einen Religion in ihrer besonderen Gestalt bekannt waren und verehrt wurden, während andere in beiden Religionen vertretene Gottheiten einander sehr ähnlich waren. Von einer derartig weitgehenden Ähnlichkeit wurde nun abgeleitet, dass solche Gottheiten vielleicht eigentlich gleich seien, auch wenn sie verschiedene Namen trugen. Denn wenn das mit der Anrufung der Gottheit eigentlich Gemeinte evident und gleich war, kam es auf ihren Eigennamen und die eigensprachliche Bezeichnung der Gottheit nicht mehr so sehr an, dann konnte man den Gott oder die Göttin auch als überörtlich und schließlich interethnisch verständliches Bild wiedergeben oder in bestimmten Fällen einfach mit dem Finger (allerdings in geziemender Ehrfurcht) dorthin zeigen, wo die Gottheit, als Sonne oder Mond manifestiert, gerade ihren Weg ging.
Aus den zunehmenden interkulturellen Kontakten ergab sich nach Assmann nicht nur die Möglichkeit, sondern für Kaufleute und Bildungseliten auch schon die Notwendigkeit, die an Funktionen erkennbaren eigenen Götter mit den funktionell oft so ähnlichen, ihnen weitgehend entsprechenden Göttern der Anderen gleichzusetzen. Dies wiederum führte zur Einengung auf die Göttertypen, die besonders leicht vergleichbare Aspekte aufwiesen, und schließlich zur Einigung darauf, dass einige Arten von Gottheiten direkt miteinander identifizierbar waren: das waren die üblichen Vater- und Muttergottheiten (denn es gibt kaum Menschen, die keine Mutter und keinen Vater oder jedenfalls Ersatz dafür hatten, auf Erden war das so und im Himmel auch), und in jedem Pantheon gab es weitere weibliche und männliche Gottheiten, es gab sehr junge und auch sehr alte. Dagegen trat in solchen Vergleichen alles eher Individuelle, Stammestypische oder irgendwie Originelle in den Hintergrund, wurde in diese "Internationalisierung" der Religionen nicht einbezogen, konnte jedenfalls nicht als interethnisch verbindlich gelten. Solche Gottheiten wurden in der rangmäßig minderen Rolle als Stammes- oder Ortsgottheit belassen oder von den Eroberern schließlich zu "Geistern" oder "Götzen" degradiert. Sie blieben auf ihre individuellen Eigenheiten beschränkt und waren nur mit ihren Eigennamen anzusprechen, vergleichbar menschlichen Personen, und waren in ihrer Individualität unvergleichbar und unübersetzbar.
Gehen wir noch näher auf die besonders leicht identifizierbaren kosmischen Gottheiten ein. Wir hatten gesehen, dass die Verehrung von Naturkräften wie Gewitter, Wasser und Feuer, von Wind und Regen, Sonne und Mond und Sternenhimmel eine lange Vorgeschichte hat und auf unserer Erde weit verbreitet war und noch ist. Neben den Naturkatastrophen, von denen Menschen in Panik versetzt wurden, gab es in der Natur auch einiges Positive, das von Menschen angstfrei bewundert werden konnte, so die morgens aufgehende, strahlende und wärmende, und abends wieder untergehende Sonne, die nie auf immer verschwindet, sondern täglich wiederkommt, und der nachts wandelnde Mond, der auf so seltsame Weise seine Gestalt verändern konnte bis zum Verschwinden, der aber dann als dünne Sichel wieder auftauchte und von neuem rund und schön wurde. Solche Naturerscheinungen wurden zunächst in naturbezogenen Totems verkörpert (H. Weber, S. 486); in polytheistischen Religionen wurden sie in der Verehrung von Naturgottheiten personalisiert und schließlich kosmologisch überhöht. Im chinesischen Universismus mit seiner traditionellen Tendenz, einen Grundzusammenhang zwischen allen Erscheinungen der Natur- und Menschenwelt anzunehmen, ist der Mensch gehalten, sein Handeln in Einklang mit dem ganzen Kosmos zu bringen (H. Weber, S. 313). Diese Sicht war auch in anderen Kulturen vorfindbar, und darüber hinaus gab es sogar interkulturelle Übereinstimmungen darüber. Insbesondere die kosmischen Götter (Sonne, Mond und Sterne) anderer Religionen konnten gar nicht anders als mit den eigenen identisch sein. Sie wurden bei den andern Völkern und in deren anderen Sprachen lediglich unter anderem Namen und mit anderen Riten verehrt (J. Assmann, S. 75), waren aber trotz unterschiedlicher Namen dennoch als eigentlich gleich identifizierbar. Vor allem der Sonnengott der einen Religion ließ sich leicht mit dem Sonnengott einer anderen Religion gleichsetzen (J. Assmann, S. 19).
Das war darin begründet, dass diese Himmelskörper, verglichen mit allem Möglichen, was es ansonsten in der von Menschen dieser Zeit erfahrbaren Welt gab, in ganz eindeutiger Weise Unikate waren, die für alle wirklichkeitsbezogenen Menschen, unabhängig von ihrer jeweiligen Sprache und Religion, nicht nur irgendwie funktional äquivalent, sondern offensichtlich gleich waren. Das galt in erster Linie für die Sonne, die es nur einmal gab, die nur in dieser bestimmten Erscheinungsweise am Tageshimmel zu sehen war, aber auch für den Mond, der von der Sonne genügend verschieden vorwiegend nachts schien, und außerdem galt es bei genauerem Hinsehen auch für die größten, für das menschliche Auge auffälligsten Wandelsterne (Planeten) wie die Venus, den Mars, den Jupiter, den Saturn und den weniger gut erkennbaren Merkur. Bei diesen Himmelskörpern war klar, dass jeder von ihnen, wenn er auch in verschiedenen Sprachen verschieden benannt wurde, dennoch der gleiche blieb. Das galt vor allem für Sonne und Mond, die sich außerdem als Tages- und Nachtgestirn deutlich voneinander abhoben und jeder für sich auf der ganzen Erde als identisch erfahren werden konnten. Sie waren die allergrößten am Himmel, alle anderen Sterne verblassten vor ihrer Majestät; sie bildeten als Herr Sonne (el sol) und Frau Mond (la luna) ein himmlisches Paar, bei im Norden lebenden Völkern auch umgekehrt: als die liebe Sonne, die so angenehm wärmte und mit dem bunten Frühling immer höher stieg, und der kalte Mond, der als kühl und blass, als mit Nacht und Tod verbunden schien. Vor allem die beiden großen Gestirne wirkten als Konstanten in der sonst so variablen Welt, sie waren am leichtesten bildlich und sprachlich vermittelbar und sie ließen sich in ihrer alles überragenden Macht außerdem auch am leichtesten mit den Exponenten der höchsten politischen (königlichen) Gewalt und höchsten geistigen (priesterlichen) Macht vergleichen und mit ihnen identifizieren, und zwar galt dies besonders in der Spätzeit der Hochkulturen, nachdem es über Prozesse der Reichseinigung in Mesopotamien und im Niltal zur Bildung der ersten Superstaaten gekommen war. Sonne und Mond eigneten sich in ihrer Majestät (darin vergleichbar den irdischen Herrschern) und als Unikate (dadurch von verschiedenen Menschen als identisch erfahrbar) besonders zur interkulturell übergreifenden Vergöttlichung. Wie in der Betrachtung der Himmelskörper selbst bestanden auch hinsichtlich der davon abgeleiteten oder auf diese projizierten Gottheiten ganz weitgehende Übereinstimmungen zwischen den verschiedenen antiken Polytheismen. So erschienen die gleichermaßen als Unikate erfahrbaren kosmischen Gottheiten in besonderer Weise als miteinander identisch, auch wenn sie interkulturell verschiedene Namen hatten.
Insgesamt kam es in dieser Zeit zu einer religiösen Umorientierung von einem mehr familien- und gruppenbezogenen, arbeitsteiligen und rangorientierten Pantheon zu einer explizit himmlischen Welt der Lichtgottheiten. Die schon erwähnten soziomorphen Modelle der Religionen erweiterten sich in der Zeit der Staatenbildungen in den dann aufkommenden Hochkulturen durch Einbeziehung kosmologischer Spekulationen über den göttlichen Rang der großen Himmelskörper und Sternbilder. Nach Topitsch (Vom Ursprung und Ende der Metaphysik, S. 65) war die Idee des soziokosmischen Universums in dem ganzen Gürtel der ersten Hochkulturen vom Nil über Mesopotamien und Indien bis zum (chinesischen) Gelben Meer in zwar im einzelnen unterschiedlichen, aber im Grunde weitgehend übereinstimmenden Formen verbreitet. Sie blieb jedoch nicht auf dieses Gebiet beschränkt. Auch die späteren Staatenbildungen Schwarzafrikas führten zu den gleichen weltanschaulichen Konsequenzen, einfach weil es nahe lag, irdische Rangverhältnisse und Hierarchien in den "Himmel" zu projizieren, in dem die Sonne, der Mond, die großen Wandelsterne und Sternbilder nun einmal eine so beherrschende Rolle spielten. Solch kosmozentrischer Polytheismus ist demnach eng verbunden mit dem Aufkommen der frühen Hochkulturen und Staatenbildungen ab 3000 v. Chr. und später. Er ist schon in den frühesten Bildwerken und schriftlichen Urkunden der alten Kulturvölker nachweisbar und hat sich über viele Jahrhunderte bis zum ersten Aufkommen und zur schließlich weltweiten Ausbreitung des Monotheismus erhalten. Noch Plutarch (46 - 120 n. Chr.) schreibt (zitiert nach Assmann, S. 81): "Da alle Menschen in ein und derselben Welt leben, verehren sie dieselben Götter, die die Herren dieser Welt sind". Dieser Begriff von Religion als gemeinsamer Hintergrund kultureller Verschiedenheit brachte schließlich die typisch hellenistische Mentalität hervor, der die Namen der Götter wenig bedeuteten im Vergleich zu ihrer überwältigenden natürlichen und insbesondere kosmischen Evidenz (J. Assmann, S. 75). Kennzeichnend für diese Einstellung ist die Idee eines funktional differenzierten und göttlich beseelten Kosmos, in dem die Menschheit ihren Platz findet und behauptet, indem sie die darin wirkenden Mächte erkennt und ihnen Namen, Ikonographien, Tempel und Riten weiht (J. Assmann, S. 82). Für Assmann. den ich aus gutem Grund hier so ausführlich zitiert habe, ist "der Kosmotheismus der Spätantike ... das letzte Reifestadium der verschiedenen polytheistischen Religionen, die in ihm aufgegangen sind" (S. 279).
Der Kosmotheismus bezog sich auf Erfahrungen, die allen Menschen gleichermaßen zugänglich waren (J. Assmann, S. 81), beispielsweise dass alle Menschen (außer den Blinden) in gleicher Weise die Sonne, den Mond und einige Wandelsterne sehen konnten. Diese empirische Evidenz der realen Identität solcher Objekte, die im Ansatz dem nahe kam, was später Methode und Inhalt der Wissenschaft ausmachte, war nun die Grundlage für erste Schritte auf dem Wege zur interkulturellen Annäherung der verschiedenen Glaubensvorstellungen. Unterstützt wurde dies durch die Einsicht in die funktionale Äquivalenz und zwischensprachlich gleiche Bedeutung verschiedener Namen von Gottheiten verschiedener Religionen. Im Falle der inhaltlichen Ähnlichkeit bis Gleichheit der Bezeichnungen für Gottheiten verschiedener Kulturen, wenn also der begründete Verdacht aufkommen konnte, dass die Unterschiedlichkeit ihrer Namen auf bloßer Konvention beruhte, ließen sich diese Namen als Entsprechungen ein und derselben Gottheit verstehen und ohne Mühe aus der einen in die andere Sprache oder Kultur "übersetzen" (J. Assmann, S. 73). Die Überzeugung von der interkulturellen Übersetzbarkeit der Götternamen kennzeichnete bereits die polytheistischen Religionen des Alten Orients und war schon im 2. Jahrtausend v. Chr. in verschiedenen Kulturen der alten Welt verbreitet (J. Assmann, aaO).
Schon die alten polytheistischen Hochkulturen hatten auch außerhalb der Religion Techniken der interkulturellen Übersetzung von allem Möglichen von einer Sprache in die andere entwickelt, vorwiegend zur Unterstützung des Fernhandels und zur Kodifizierung politischer Verträge (J. Assmann, S. 18/19). Übersetzungen hatten den Effekt, bisherige politisch-religiöse Abschottungen durchlässiger werden zu lassen. Sie gehörten somit in den Entstehungsprozess der "Alten Welt" als einer zusammenhängenden Ökumene politisch und wirtschaftlich, schließlich auch religiös vernetzter Staaten (Peter Artzai, "The Birth of the Middle East", Proceedings of the 5th World Congress of Jewish Studies, Jerusalem 1969, 120 - 124). Im zweisprachigen Mesopotamien, das im SO von den Sumerern dominiert war, im NW wenigstens zeitweise von den semitischen Akkadern und Assyrern, ging die Praxis der Übersetzung von Götternamen bis ins 3. Jahrtausend zurück und wurde im Laufe des 2. Jahrtausends auf viele Sprachen und Völker des Alten Orients ausgedehnt (J. Assmann, S. 19). Es war die Zeit der Bilinguen auf Steindenkmälern und Papyri.
Jan Assmann hebt die große Bedeutung der in den polytheistischen Hochkulturen erreichten "Übersetzbarkeit" der Gottheiten hervor: Andere Völker, Kulturen und politischen Systeme konnten so fremd sein, wie sie wollten - solange sie nur irgendwelche als ähnlich beschreibbaren und als gleich identifizierbaren Götter verehrten, ließ sich diese Fremdheit mildern und überwinden. Wenn auch die Namen und bildhaften Gestaltungen und Riten der Gottheiten in solchen Kulturen verschieden waren, konnten dennoch die Götter als mehr oder weniger dieselben erfahren werden (S. 75). Die Überzeugung, dass die verschiedenen Völker im Grunde dieselben Gottheiten, nur mit anderem Namen, verehrten, und damit verbunden die Einsicht in ihre gegenseitige Übersetzbarkeit, diente der interkulturellen Verständigung und muss daher zu den großen Errungenschaften der frühen (vormonotheistischen) Hochkulturen gerechnet werden. Dies ist besonders deshalb so bemerkenswert, weil die Religionen und ihre Götter in früheren Zeiten noch als Garanten stammesmäßig-ethnischer Verschiedenheit dienten und daher durch Tabuisierung und Abschottungspraktiken vor der Beschmutzung durch Fremdes zu schützen waren. Nunmehr kam aber unter den welterfahrenen Gebildeten ihrer Anhänger immer stärker die Überzeugung auf, dass die Religionen gemeinsame Grundlagen haben, und dass sie daher sogar als Medium interkultureller Übersetzbarkeit fungieren konnten (J. Assmann, S. 19). Besonders wenn ihre Gottheiten kosmischen Charakter hatten, waren sie zur "internationalen" Anerkennung geeignet. Der noch polytheistische Kosmotheismus konnte Kulturen, die ansonsten recht unterschiedlich waren, einander verstehbar und kompatibel machen.
Das erwies sich ganz praktisch in den zwischenstaatlichen Rechtsbeziehungen. Wenn man davon ausgehen konnte, dass auf beiden Seiten vergleichbare und schließlich im Prinzip identische Götter verehrt wurden, von deren Rechtsautorität man überzeugt sein konnte, ließ sich eine gemeinsame rechtliche Basis der Verständigung und sogar Allianz finden (J. Assmann, S. 75). Als die Praxis aufkam, mit anderen Staaten förmliche, schriftlich festgehaltene Verträge zu schließen, waren die Verträge von beiden Seiten durch feierliche Eide zu besiegeln, und die Gottheiten, bei denen diese Eide geschworen wurden, mussten von beiden Seiten anerkannt sein. Dafür war Voraussetzung, dass die Schwurgötter beider eidleistenden Parteien einander in ihrer Funktion und in ihrem Rang innerhalb des jeweiligen Pantheons ganz weitgehend entsprachen. So entwickelte sich im Rahmen des Völkerrechts und wahrscheinlich auch der Wirtschaftsbeziehungen eine Art interkultureller Theologie (J. Assmann, S. 75).
Aus der Erfahrung der Vergleichbarkeit von Göttern verschiedener Religionen und aus der politisch-wirtschaftlich begründeten Praxis der interkulturellen Übersetzung von Götternamen über die Grenzen der Religionen hinweg entwickelte sich allmählich die philosophische Überzeugung von der interreligiösen Identität der wichtigsten, insbesondere der kosmischen Gottheiten. Es war nicht nur faktisch so, dass viele Götter der hochkulturellen Polytheismen kosmische Aspekte und Funktionen hatten, sondern die gebildeteren Menschen der Antike, insbesondere Philosophen und Dichter, wussten dies auch und brachten es deutlich zum Ausdruck. So meinte der griechische philosophische Schriftsteller Plutarch (826 - 120 n. Chr.), dass hinter den verschiedenen Göttern der verschiedenen Völker immer dieselben kosmischen Phänomene stünden: die Sonne, der Mond, der Himmel, die Erde, das Meer usw., die allen gemeinsam seien. Da alle Menschen in ein und derselben Welt leben, verehren sie dieselben Götter, welche die Herren dieser Welt sind, und schließlich verehren sie auch die eine Vernunft, den logos (J. Assmann, S. 81). Ausgehend von der Erfahrung solcher religiöser Gemeinsamkeiten konnte erstmals der Begriff einer gemeinsamen polytheistischen Religion aufkommen (J. Assmann, S. 74/75). Im Hellenismus wurde dann das Bewusstsein einer gewissermaßen kosmopolitischen Religiosität zur herrschenden Einstellung zumindest der gebildeten Schichten (J. Assmann, S. 73).
In diesem Zusammenhang wäre auch der lateinisch schreibende Dichter Apuleius von Madaura (heute Mdauruch im Osten Algeriens, damals die römische Provinz Africa) zu nennen. Er lebte von 124 bis 177/182 n. Chr. und schrieb in der Zeit des Kaisers Mark Aurel den Roman "Metamorphosen" (der unter dem Titel "Der Goldene Esel" berühmt geworden ist), in dem er sehr anschaulich die religiös-symbolischen Hintergründe ausbreitete, die für den damaligen synkretistischen Polytheismus charakteristisch waren, insbesondere für die hellenistisch-kosmozentrischen Überzeugungen der Spätantike. An einer entscheidenden Stelle des Romans redet der in einen Esel verwandelte Lucius den aufgehenden Mond (die "Luna") mit folgenden Worten an (hier in Ausschnitten zitiert nach J. Assmann, S. 76): "Himmelskönigin - ob du nun die allernährende Ceres bist, ... oder die himmlische Venus ... oder die dreigestaltige Proserpina ... , unter welchem Namen, nach welchem Ritus, in welcher Gestalt man auch immer dich anrufen muss, hilf mir nun in meinem äußersten Elend ... !" und er bittet sie, ihn doch wieder in einen Menschen zurückzuverwandeln. Lucius weiß also, dass er im Mond (lat. luna, also weiblich!) eine einzige Göttin vor sich hat, trotz aller verschiedenen Namen ein und dieselbe, "vor deren überwältigender Evidenz alle Namen gleichgültig (= gleich gültig!) sind" (J. Assmann, S. 76). Da er nicht sicher ist, mit welchem Namen sie angerufen werden möchte, ruft er sie mit den Namen an, die ihr von den verschiedenen Völkern zugelegt worden waren. Diese Namen (und daran gebundenen Riten) sind aber viel weniger wichtig als die sich im realen Mond offenbarende kosmische Macht. Die Göttin fühlt sich offenbar angemessen angesprochen, denn sie erscheint dem Lucius im Traum und beginnt, sich ihm mit einer Reihe von weiteren Namen vorzustellen (wieder zitiert nach J. Assmann, S. 77): "Da bin ich, Lucius, ... die Mutter der Natur, ... welche unter mannigfacher Gestalt, verschiedenartigen Riten und vielerlei Namen der ganze Erdkreis verehrt. So nennen die Phrygier ... mich Pessinuntia, die Athener ... nennen mich kekropische Athena, die Kyprier ... paphische Venus, die Kreter Diktynna, die Sizilianer ortygische Proserpina; die Eleusinier nennen mich Demeter, andere Hera, wieder andere Bellona und Hekate und Rhamnusia ... Aber die ... Ägypter ... nennen mich mit meinem wahren Namen Isis". Nach Assmann (S. 76) war dies nicht die ursprünglich ägyptische Gottheit in ihrer traditionellen Gestalt, sondern eine gräko-ägyptische Isis, deren synkretistische Theologie von einem universalistischen Gottesbegriff geprägt war. In Isis waren die verschiedensten Göttinnen des Mittelmeerraums und des Vorderen Orients "zu einer Einheit verschmolzen", was ja mit dem Begriff "Synkretismus" gemeint ist. Isis hebt alle vorhandenen Unterscheidungen in sich auf, und ist in dieser Hinsicht das genaue Gegenstück zum Monotheismus (J. Assmann, S. 76), der alle Religionen, die nicht an den all-einzigen Gott glauben, als heidnischen Unglauben oder zumindest Aberglauben diffamiert. Das Konzept des Synkretismus macht die nicht mit dem "wahren Namen" der Isis vertrauten anderen Völker nicht zu Heiden, sondern nur zu weniger Eingeweihten. Denn alle verehren dieselbe Gottheit, und es ist diese natürliche Identität jenseits aller kulturellen Differenzen, auf die es ankommt (J. Assmann, S. 78).
Für die Gebildeten und wirtschaftlich-politisch Verantwortlichen des polytheistischen Orients gleichermaßen erfahrbar war die in der Übersetzbarkeit vieler Götternamen naheliegende Identität dieser Götter, und damit auch die Vergleichbarkeit und innere Verwandtschaft der Religionen, in denen sie verehrt wurden. Solche Erfahrungen ließen statt der Angst vor dem Anderen und insofern Fremden nunmehr Neugierde für Ähnlichkeiten aufkommen und machten manches, das zuvor als fremd abgewiesen worden war, für vertrauensvolle Kontakte zugänglich. Dies trug dazu bei, dass im Unterschied etwa zum heutigen Hinduismus den antiken Polytheismen der Begriff einer unwahren Religion eher fremd war (J. Assmann, S. 19). Zwar wussten sie, dass die verschiedenen Völker verschiedene Götter verehrten, aber niemand bestritt die Wirklichkeit fremder Götter und die Legitimität fremder Formen ihrer Verehrung. Die Gottheiten fremder Religionen galten nicht als prinzipiell falsch oder fiktiv, sondern in vielen Fällen als die eigenen Götter und Göttinnen unter anderen Namen.
Die polytheistischen Römer waren so tolerant, dass sie grundsätzlich auch andere Götter, z.B. die ihrer germanischen Vasallen, akzeptierten und sie sogar mit den eigenen gleichstellten. Die Polytheisten dieser Zeit hatten nicht zuletzt deshalb Respekt auch vor den anderen Göttern anderer Völker, weil ihre Führungsschichten viel stärker am Handel, am Austausch von technischen Kenntnissen und künstlerischen Wertobjekten interessiert waren als etwa an der Bekehrung oder an der damals gar nicht recht vorstellbaren totalen Vernichtung aller Andersgläubigen, die erst im Monotheismus zum religiös und politisch anerkannten Ziel werden konnte. Dagegen ließ die im Kontext polytheistischer Religionen noch recht tolerante Haltung gegenüber den jeweils fremden Religionen das ganze Konzept der machtpolitisch gestützten Zwangsbekehrung und weltweiten Mission als absurd erscheinen (J. Assmann. S. 48, S. 75). Auf solche im Effekt massenmörderische Ideen wäre damals offenbar noch kaum einer gekommen.
Die Polytheismen haben, im Großen und Ganzen, gegenüber dem Monotheismus einen weiteren großen Vorzug: sie lassen Raum für Alternativen und sogar für Kritik, wenn der Kritiker dabei vermeidet, die Menschen, die auf eine Weise an Götter glauben, die anderen als absonderlich erscheint, mit Beleidigungen und Beschimpfungen wütend zu machen. Über Polytheismen darf - in Grenzen natürlich - auch gelästert und gespottet werden. Die altgriechischen Mythentravestien des Epicharm und die Komödien des Aristophanes sind dieser Thematik nicht ausgewichen. Im Imperium Romanum galt das Prinzip: "Deorum offensae diis curae", das heißt, um Gotteslästerungen mögen sich die Götter selbst kümmern. Hubert Schleichert ("Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren. Anleitung zum subversiven Denken", München, Beck, 2001), der diesen Spruch zitiert, wie er von Voltaire weitergegeben wurde, kommentiert ihn mit einem etwas bitteren Unterton: " ... ein wenig nachdenklich kann es den Leser doch stimmen, wenn er von Kulturen erfährt, die in religiösen Dingen sehr viel toleranter waren als seine eigene" (S. 145). Aber immerhin gab es bei uns nicht erst in den beiden letzten Jahrhunderten, sondern auch schon in der Zeit der Minnelieder neben den offiziellen Auftragswerken zur Verherrlichung des Herrschers und der himmlischen Hierarchien außerdem auch inoffizielle Spottgedichte mit Ironie und Zwischentönen, z.B. in den Versen des Walther von der Vogelweide (Peter Rühmkorf: Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich. Rowohlt, Reinbek, 1975, S. 44 - 48). Und nicht jeder Francois Villon ist uns Heutigen überliefert worden!
Im römischen Bereich und in lateinischer Sprache hat auch Ovid (43 v. Chr. bis etwa 17 n. Chr.) in seinen "Metamorphosen" und "Liebesgedichten" einiges an religionskritischer Satire riskiert, so in dem ersten seiner Liebesgedichte ("Amors Pfeil hat ihn getroffen"), in dem er den Liebesgott Amor als "Knabe" anspricht und ihm vorhält:
"Rasender Knabe, wer gab / dir Gewalt über meine Gesänge? ...
Wer wohl fände es recht, / wenn Ceres herrschte im Bergwald,
Wenn nach Dianas Gebot / würde der Acker bebaut?
Wer wohl gäbe Apoll, / dem zartgelockten, den Wurfspieß,
In seine Hände, dass Mars / schlüge die Saiten indes?
Knabe, dir ward doch ein Reich, / es war Gewalt dir gegeben!
Welch ein Ehrgeiz, nach dem / greifen, was dir nicht gehört!"
(Goldmann TB Nr. 1674, S. 42).
Wenn Ovid schon tadelte, wenn ein Gott im Revier eines anderen wildert und dessen Zuständigkeit an sich reißt, wie entrüstet wäre Ovid erst über einen Gott gewesen, der wie Jahwe gleich nach allem greift, was die verschiedenen Einzelgötter schon immer in je eigener Kompetenz geleistet hatten! Er hätte kein Verständnis dafür haben können, wenn dieser Gott alles für sich beansprucht oder auch nur einige von diesen Zuständigkeiten anderen Gottheiten, etwa der Venus oder dem Amor, abgesprochen hätte. Das hätte ja auch den schlimmen Effekt gehabt, dass die Menschen fortan auf kundigen himmlischen Beistand für menschliche Sinnenlust und zärtliche Liebe hätten verzichten müssen! In einer profaneren Sprache hätte Ovid zu diesem Gott auch sagen können: "Schuster, bleib bei deinem Leisten! Du musst doch nicht gleich alles bestimmen und alles selber machen!", und wieder himmlisch: "Wir anderen Götter sind doch auch noch da!"
Aber schon lange vor der Zeit des Ovid hatte sich unter der Herrschaft des ägyptischen Königs Echnaton aus der Schar der kosmischen Götter im Sonnengott Aton so etwas wie ein Nukleus herausgebildet, von dem aus, gleichlaufend mit politischen Weltmachtbestrebungen, der allen anderen Glauben ausschließende Eingottglaube sich entwickelte und in Israel auf Dauer bestimmend wurde. Durch das Aufkommen und die Ausbreitung der ägyptisch-jüdisch-christlich-islamischen Monotheismen wurde die in den Hochkulturen des Vorderen Orients ausgebildete Toleranz der Polytheismen weitgehend aufgehoben und für viele Jahrhunderte unmöglich gemacht. Der jüdische Philosoph Maimonides (1135 bis 1204 n. Chr.) war in der Einschätzung von Jan Assmann (S. 247) vielleicht der erste, der sich von dem in seiner Zeit schon "international" geltenden Monotheismus ausgehend um eine religionsgeschichtliche Aufhellung der vormosaischen Religiosität bemühte. Er rekonstruierte sie nicht diffamierend als bloße "Unwissenheit der Heiden" und als Leere vor der Offenbarung, sondern ganz positiv als andere Religion eigener Prägung und hochstehender kultureller Ausgestaltung, die erstmals (und zwar im wesentlichen geistig) weltbeherrschend war. Erst wieder in der europäischen Aufklärung wurde der antike Kosmozentrismus als Grundlage für Toleranz und interkulturelle Verständigung wiederentdeckt (J. Assmann, S. 26).
Kommen wir am Ende dieses Abschnitts noch einmal auf die Mythologie zurück. Während mit dem Singular "Mythos" besonders die Geschlossenheit und Wirkungskraft religiöser Traditionen angesprochen wurde, verbindet sich mit dem Plural "Mythen" eher das Bild bunter Vielfalt dichterischer Gestaltungen und größerer Spielräume philosophischer Interpretation. Mit dem Zusammenstellen, Ordnen und Systematisieren der so verschiedenen einzelnen Mythen zu umfassenden Mythologien ist schon die Diskussion über ihre je unterschiedliche Plausibilität eröffnet. Denn die Mythologen kamen in solchen Versuchen zu unterschiedlichen Ergebnissen, sie waren sich beispielsweise keineswegs einig über die Verwandtschaftsverhältnisse der griechischen Götter. Robert von Ranke-Graves (Griechische Mythologie, Bd. 1, Rowohlt-TB 1960) hat als Meta-Mythologe an verschiedenen Stellen seines Textes die verschiedenen Auffassungen einander gegenübergestellt: "Bei Homer heißt es, ... Aber die Orphiker sagen, ... "(S. 25), "Manche sagen, ... Andere wieder sagen, ... "(S. 27/28), und solche Differenzen waren schon den alten Griechen bekannt. Die Mythologen waren somit schon erste Aufklärer, und vom Vergleich und von der Relativierung der Mythen war es nicht mehr weit bis zur Auffassung, dass Mythen ohnehin bloß phantastische, erdachte Geschichten seien, ohne jeden berechtigten Wahrheitsanspruch.
Im Verlauf der kulturellen Entwicklung wurden Mythen schließlich zum Sujet der dichterisch gestalteten Erzählung, die ähnlich einer Fabel zum Erklären oder Begründen von Auffassungen diente. Mit übertreibenden Lügengeschichten suchten Dichter wie Rabelais und heutzutage Stanislav Lem den Täuschungscharakter des Mythos zu entlarven. Sie bezogen sich in ihrer Kritik sogar auf Mythen des uns überkommenen jüdisch-christlich-islamischen Monotheismus, die zuvor noch als göttliche Wahrheiten verstanden worden waren, wie die Geschichte vom Sündenfall im Paradies, von der Sintflut, oder die vom Jüngsten Gericht am Ende der Zeiten. Heute wird das Spiel mit alten mythischen Motiven, ganz ungeachtet ihrer Herkunft, in den Massenmedien schon zum Zweck der Unterhaltung genutzt, und kein Mythos kann davon bewahrt bleiben, vor allem wenn er schon seit jeher die Menschen emotional angesprochen hatte. Ottmar Huber (Mythos und Groteske. In: Deutsche Studien, Bd. 33, Verlag A. Hain, Meisenheim am Glan, 1979) hat solche Zusammenhänge im Hinblick auf die deutsche Dichtung des Expressionismus kenntnisreich erschlossen.