1.2. Das Ganze des Seins, eine hochkomplexe Problematik

Es geht mir in meiner Abhandlung um das Ganze des Seins. Ein großes Wort! Aber es ist das alte Anliegen philosophischer Betrachtung und Spekulation, das immer wieder neu aufgegriffen wird und das auch ich wieder angehen möchte. Was aber früher einmal als ein mythisch oder religiös vermittelbares und vergleichsweise übersichtliches Wissen über das Ganze des Seins gelten konnte, das ist inzwischen für die heute lebenden Menschen, vor allem für den mit Informationen aus den Medien und aus dem Internet überschwemmten Betrachter, ein unüberschaubares Konvolut aus Aussagen unterschiedlichster Art und Herkunft geworden. Es setzt sich zusammen vornehmlich aus Theorien der Naturwissenschaften, die sich in immer speziellere und ständig erweiterte Einzelerkenntnisse auffasern, in Befunde und Theorien über physikalische, chemische und biologische Gegebenheiten und Gesetzmäßigkeiten, eng aufeinander beziehbar und eingebunden in eine astronomisch erschließbare Geschichte der Natur vom Urknall über die Geologie der Erde bis zum Aufkommen und zur Weiterentwicklung des Lebens. Aus dem Reich des Lebendigen stammesgeschichtlich hervorgegangen ist der Mensch, der selber naturwissenschaftlich (im engeren Sinne), aber auch psychologisch, soziologisch und auch sprachwissenschaftlich erforschbar ist. Unter den Menschen gibt es zugleich diejenigen, die über dieses Ganze und seine Einzelheiten nachdenken, in (mythisch-religiös) überkommenen und in wissenschaftlich weiter präzisierten Denkweisen, bis hin zur Philosophie, und dies auch unter Nutzung von Logik und Mathematik. Solche Überlegungen sind vermittelbar in den verschiedenen Sprachen, die allesamt mehr oder weniger vollständig und korrekt ineinander übersetzbar sind, die jedoch zunächst eingebunden sind in die jeweilige soziale Umwelt und Kultur, die sich wiederum von anderen Kulturen unterscheiden läßt, deren je eigene Geschichte sich einordnet in eine Geschichte der Menschheit bis zur heute möglichen Weltkultur. Zu dem Ganzen gehört somit auch eine Vielfalt aus religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen, auch solchen, die sich gegenseitig negieren und bekämpfen. Zum Teil aus diesen hervorgegangen, aber inzwischen davon relativ unabhängig geworden sind Gepflogenheiten und neue Setzungen des Rechts, im Wechselspiel mit politischen Machtverhältnissen, ökonomischen Bedingungen und wirtschaftlichen Beziehungen, die immer wieder von technischen Errungenschaften modifiziert werden. Dem sich daraus ergebenden zivilisatorischem Müll entgegengesetzt gehört zum Ganzen immer noch der ganze Bereich des Ästhetischen in Dichtung, Musik und Bildender Kunst. Und... und... und... Habe ich etwas Wichtiges ausgelassen? Ich breche die Aufzählung einfach ab, ohne Aussicht auf eine beweisbare Richtigkeit irgendeiner Klassifizierung oder auf die Vollständigkeit ihrer Aspekte. Denn das Ganze ließe sich auch anders gliedern, seine Teilaspekte ließen sich auch anders voneinander abgrenzen und dann auch anders benennen. Das hat damit zu tun, dass in diesem so vielfältig vernetzten Ganzen alles mit allem zusammenhängen kann, dass in großem Umfang tatsächlich vieles von vielem Anderem real abhängig ist, in zum Teil hochkomplexen Bedingungskonstellationen, und dass darüber hinaus im Gleichnis und in der Analogie alles auf alles gedanklich bezogen werden kann. Dem sind keine Grenzen gesetzt. Und daraus ist ableitbar: so beliebig aufeinander Beziehbares kann kaum zur angemessenen Übersicht über die Vielfalt des Erfahrbaren und zur Orientierung des eigenen Handelns dienen.

Das Ganze erscheint vielmehr als ein höchst verwickeltes Durcheinander, das ich am ehesten in dem Bild eines überaus umfangreichen und vielfach in sich selbst vertüdelten Überknotens fassen kann. Ich versuche also, einen Knoten zu entwirren von dem Typ, der den Seeleuten und Sportseglern als "Japanischer Wooling-Stek" bekannt ist: Das ist ein vielfach in sich verwickelter, im Laufe der Zeit immer mehr verknüttelter, und schließlich durch Aufknotversuche immer stärker bis zur Unauflösbarkeit festgezurrter Knoten, zusammengesetzt aus einer unbekannten Anzahl von Einzelfäden und Schnüren, die sich schließlich völlig ineinander verfitzt haben. Ich will diesen Knoten nicht, wie es dem Seemann nahe liegen würde, einfach über Bord werfen, ihn auch nicht brutal mit Messer und Schere auseinanderschneiden, oder gar mit dem Schwert durchhauen, wie das der Alexander mit dem Gordischen Knoten getan haben soll. Ich will vielmehr versuchen, ihn insgesamt sachte aufzulockern, einzelne Unterknoten zu lösen, lose Fäden durchzuziehen, soweit es geht... und dies alles mit der Geduld, mit der ich als Kind die Vielfachknoten um ein Geschenkpaket aufgedröselt hatte, um am Ende die einzelnen Fäden je für sich aufrollen zu können und natürlich um mich dann in aller Ruhe mit dem so liebevoll eingewickelten und zugeknoteten und von mir wieder aufgeknoteten Geschenk selber zu befassen. War überhaupt etwas drin? Wenigstens eine nette Kleinigkeit!